Der internationale Lichtblick für LGBTI-Rechte

2016 brachte viele Neuerungen für Lesben und Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle

Musikalisch betrachtet war das Jahr 2016 zumindest für meine Generation ein Desaster. Ein namhafter Tod jagte den nächsten. So viele große Musiker sind gestorben und haben eine musikalische und emotionale Lücke hinterlassen. Mich persönlich hat der viel zu frühe Tod meines Teenageridols Prince getroffen. Es scheint, als sei ein Stück unserer Jugend verloren gegangen. Auch aus politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht gaben die Schlagzeilen viel her, um eine Weltuntergangsstimmung anzuheizen. Die Zustände und Veränderungen in der Türkei, in Russland, in den USA, der Flüchtlingsstrom, der europäische Rechtsruck schienen gerade für Minderheiten bedrohlich zu werden.

Ich weiß nicht, ob es Euch auch so ging. Aber auf mich hatten die Nachrichten keine besonders stimmungsaufhellende Wirkung. Das liegt natürlich an der Art und Weise der Berichterstattung. Große Katastrophen sorgen nun einmal für mehr Aufmerksamkeit und höhere Umsatzzahlen als all die vielen kleinen guten Dinge, die ebenso tagtäglich geschehen. Dabei sind diese oftmals gar nicht so klein. Trotzdem landen sie nur in den Randnotizen. Und so haben wir gar nicht wahrgenommen, dass sich trotz allem weltweit betrachtet eine klare Tendenz zeigt: 2016 war nicht nur dramatisch. Nein, es hat sich richtig viel Gutes getan! Denn international betrachtet wurden die Rechte von Lesben und Schwulen, Bisexuellen, Transgender und Intersexuellen gestärkt.

Und das sind die Veränderungen im Einzelnen:

•    Einführung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften

Nachdem der europäische Gerichtshof eine Rüge erteilte, wurde nun auch im katholischen Italien die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft anerkannt. Damit ist Italien das 27. europäische Land, in dem Homosexuelle wie Eheleute behandelt werden. Rechtlich betrachtet ist das allerdings noch immer keine Ehe. Und die Adoption von Kindern ist weiterhin nicht erlaubt. Die karibische Insel Aruba nahe Venezuela zog auf Betreiben des obersten niederländischen Gerichtshofs nach und legalisierte geleichgeschlechtliche Partnerschaften ebenfalls.

•    Einführung der Homo-Ehe

In Kolumbien, der Steueroase Isle of Man, der britischen Kanalinsel Guernsey, Gibraltar und auch im britischen Antarktis-Territorium wurde die Homo-Ehe erlaubt. In Guatemala, Taiwan, Kuba, Nepal und Vietnam rumort es immerhin schon beträchtlich. Damit sind uns viele Länder wie auch das erzkatholische Irland weit voraus. Denn obwohl 83 Prozent der Deutschen ebenfalls für die gleichgeschlechtliche Ehe sind, ist in Deutschland dann doch nur die „Verpartnerung“ möglich. Allerdings hat sich Kanzlerkandidat Schulz gerade ganz groß auf die Fahnen geschrieben, dies in seiner Amtszeit ändern zu wollen und die Ehe für alle zu erlauben. Alle? Auch für polyamore und polygame Beziehungen? Denn dafür gibt es mittlerweile ebenfalls eine Lobby. Lassen wir uns überraschen.

•    Rechte für LGBTI

Der Thailänder Vitit Muntarbhorn wurde von den Vereinten Nationen (UN) zum ersten offiziellen LGBTI-Ermittler ernannt. Seine Aufgabe wird es für die nächsten drei Jahre sein, Menschenrechtsverstöße gegen LGBTI zu untersuchen. Zu den LGBTI werden alle lesbischen, schwulen, bisexuellen, transgender, transsexuellen und intersexuellen Menschen gezählt. Alle 193 Länder der UN müssen nun mit diesem Ermittler zusammenarbeiten. Das ganz speziell ist Ländern wie Saudi-Arabien natürlich ein Dorn im Auge. Verstöße gegen Menschenrechte stehen hier ja auf der Tagesordnung.

Auf der anderen Seite wurden in Griechenland, Bosnien-Herzegowina und Slowenien Gesetze erlassen, die LGBTI vor Diskriminierung schützen. Im afrikanischen Botswana musste sich die Regierung der Anweisung des Berufungsgerichtes beugen und die offizielle Eintragung der LGBTI-Organisation LeGaBiBo ermöglichen.

•    Rechte für Homosexuelle

Der kleine pazifische Inselstaat Nauru hat nach 117 Jahren das Verbot homosexueller Handlungen unter Männern aufgehoben. Auch einvernehmlicher Sex stand bis dahin unter Strafe. Anlass dazu waren gewalttätige Übergriffe im dortigen Flüchtlingslager. Gleichzeitig wurde auch die Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt und Einzelhaft, Zwangsarbeit sowie die Todesstrafe abgeschafft.

Auch auf den Seychellen wurde Homosexualität legalisiert. Somit bleiben nach Angaben der LGBT-Organisation ILGA allerdings immer noch 73 Länder, in denen Homosexualität strafrechtlich verfolgen wird. Insgesamt betrachtet werden es also immer weniger. Immerhin. 2016 kam mit dem zentralafrikanischen Tschad leider auch ein neues Land hinzu, das Homosexualität unter Strafe stellt. Bei der Reformierung des Strafgesetzbuches fiel das Strafmaß immerhin weit weniger hart aus als ursprünglich geplant.

Malta verbietet Konversionstherapien. Diese Therapien basieren auf der Annahme, dass Homosexualität umerzogen werden kann. Im Gesetzestext heißt es dazu: „Keine sexuelle Orientierung, keine geschlechtliche Identität oder Ausdrucksweise stellt eine Störung, eine Krankheit oder eine Unzulänglichkeit dar.“ In den USA ist sind diese Therapien übrigens eine gängige Praxis. Und auch in Deutschland gibt es derartige legale Versuche.

•    Rechte für Intersexuelle

Ohne dass Druck von außen bestand, hat das chilenische Gesundheitsministerium als zweites Land nach Malta weltweit die Praxis verboten, intersexuelle Menschen nach der Geburt sofort einer Geschlechtsanpassung zu unterziehen. Intersexuelle sind Menschen, die aufgrund ihres körperlichen Erscheinungsbildes nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen sind. Sie tragen mit unterschiedlichen Anteilen beide Anlagen in sich. Bis heute werden weltweit uneindeutige Genitalien innerhalb der ersten Lebensjahre ohne Rücksicht auf die Geschlechtsidentität angeglichen. Diese Entscheidung hat oft tragische Folgen. Auch in Deutschland werden die Forderungen nach einem Verbot dieser Genitaloperationen immer lauter.

•    Rechte für Transsexuelle

Im Libanon, China, Bolivien, Vietnam, Pakistan und Malaysia finden wir große Fortschritte bei den Rechten für Transsexuelle. Geraldine Roman schaffte es als erste Transsexuelle ins Unterhaus der streng katholischen Philippinen.

Malta zeigt sich insgesamt sehr fortschrittlich in Bezug auf die LGBTI-Rechte. Der kleine Staat im Mittelmeer hatte schon 2015 das „Gesetz über Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und Geschlechtsmerkmale“ erlassen. Dieses erlaubt den EinwohnerInnen Maltas die rechtliche Anerkennung ihrer Geschlechtsidentität ohne vorherige medizinische Diagnose, Behandlung oder Operationen sowie ohne Zwangsscheidungen. Von LGBTI-Organisationen und AktivistInnen wird es als das fortschrittlichste Gesetz der Welt gelobt.

Es gibt viel zu tun. Packen wir es an

Das sind doch einmal gute Aussichten. Es verändert sich so langsam weltweit etwas. Natürlich gibt es immer noch wahnsinnig viel zu tun. In 36 der 53 Staaten des Commonwealth ist Homosexualität immer noch verboten. Das sind die traurigen Überreste der britischen Kolonialzeit. Aber auch hier rumort es so langsam. Zumindest in einigen Staaten. Schauen wir einmal, was uns 2017 bringt.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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