Lebenslang zusammen? Lebenslang verliebt? Geht das?

Anja Drews über ein Phänomen, das es immer schwerer hat

Gibt es ein Rezept für die lebenslange Liebe? Gibt es die heute überhaupt noch? Diese Frage werden wir wohl erst klären können, wenn wir selber alt und womöglich noch verliebt sind. Gab es die lebenslange Liebe früher? Sind die Menschen, die heute seit 50, 60 oder noch mehr Jahren verheiratet sind, immer noch verliebt? Sind sie glücklich? Lieben sie sich? Was hält sie zusammen? Und können wir heute etwas davon lernen?

Über derlei Fragen zerbrechen sich die frisch Verliebten heute den Kopf. Heute wie früher träumen wir trotz aller sexuellen Offenheit und der völligen Wahlfreiheit in der Form des Zusammenlebens von der Liebe „bis dass der Tod euch scheidet“. Nun, die Scheidungsrate spricht erst einmal dagegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Ehe heute geschieden wird, liegt bei ca. 40%. Und dabei sind noch nicht einmal die vielen Beziehungen berücksichtigt, die ohne Trauschein wieder auseinander gehen. Also, lieben wir heute anders oder hält die alten langjährigen Ehen noch etwas anderes als Liebe zusammen?

Heute ist alles möglich, womöglich auch zu viel

Zunächst einmal heiraten heute gar nicht mehr so viele Menschen wie früher. Warum auch? Früher legitimierte die Ehe Sexualität, heute legitimiert sie nicht einmal mehr die Familie. Heute haben wir eine Vielzahl von unkonventionellen Beziehungsformen. Wir können unverheiratet zusammen wohnen, Kinder bekommen und werden trotzdem gesellschaftlich voll anerkannt. Zumindest in den urbanen Zentren. Hier können wir polyamor leben, also mehrere Partner oder Partnerinnen gleichzeitig lieben, oder gleichgeschlechtliche Beziehungen führen. Alles ist möglich.

Früher jedoch war die heterosexuelle Ehe die einzige gesellschaftlich akzeptierte Form des Zusammenlebens. Und es gab auch kein Entkommen. Frauen waren in den allermeisten Fällen wirtschaftlich von ihrem Ehemann abhängig. Ihnen wurde die Schuld in die Schuhe geschoben und sie wurden von ihrem Umfeld geächtet, wenn die Ehe zerbrach. Ich erinnere mich noch an meine eigene Schulzeit. Alleinerziehend oder geschieden zu sein, galt bei den anderen Eltern bereits als Stigma. Es fehlten Möglichkeiten, sich im Ernstfall zu informieren oder beraten zu lassen. Rentenansprüche? Pustekuchen. Natürlich haben dennoch Frauen den Absprung gewagt. Die zweite Heirat einer Freundin meiner Mutter war fast ein Skandal. Die hatte doch tatsächlich ihren Mann sitzen lassen und sich einen neuen gesucht. Und war damit auch noch glücklich! Ich bin mir sicher, dass noch viel mehr Frauen und auch Männer sich getrennt hätten, wenn es nicht mit dermaßen viel Ungemach verbunden gewesen wäre. So hieß es eben, die Pobacken zusammen zu kneifen und sich zu arrangieren.

Zwei Frauen, zwei Geschichten

Zu diesem Thema hatte ich gerade ein schönes Erlebnis. Vor ein paar Tagen kam ich an einem meiner Lieblingsplätze an der Elbe mit zwei Damen des Geburtsjahrs 1939 ins Gespräch. Ich war neugierig, die beiden mitteilsam. Also fragte ich los. Beide hatten in jungen Jahren geheiratet, wie es damals eben üblich war. Die eine entschied sich recht spontan, schon nach einem halben Jahr zu heiraten. Der Grund war, wie so oft damals, eine Schwangerschaft. Sie wünscht sich heute, sie hätte mehr Zeit gehabt, ihren Mann erst einmal besser kennenzulernen. Er arbeitete ständig, kam spät nach Hause, schmiss sich vor den Fernseher, rollte sich im Bett kurz über seine Frau und schlief ein. Sie fühlte sich schon sehr bald nicht mehr gesehen. Den Sex formulierte sie so: „Was ein Liebesspiel ist, hatte er nicht begriffen.“ Sie zog die Reißleine, suchte sich einen Liebhaber und hatte mit 34 Jahren ihren ersten Orgasmus. Obwohl sie ihren Mann damals verließ, wurde die Ehe nie geschieden. Sie lebt heute allein, in guter Freundschaft zu ihrem Ehemann.

Ihre Freundin hingegen hatte erst nach vier Jahren geheiratet und lebt heute noch mit ihrem mittlerweile 82-jährigen Mann zusammen. Der geht immer noch arbeiten. Und auch sie fühlt sich bis heute nicht gesehen. Sie allerdings hat den Schritt in die Trennung nie gewagt. „Soll ich mich heute mit 77 Jahren noch scheiden lassen?“ fragte sie mich, als ich sie darauf ansprach. Früher hätte sie darüber wohl nachgedacht, aber „das machte man ja nicht“. Als sie kurz weg war, flüsterte mir ihre Freundin zu: „Wissen Sie was, ich glaube nicht, dass meine Freundin in ihrem Leben jemals einen Orgasmus gehabt hat.“

Liebe als einzige Basis für Beziehungen ist nicht ausreichend

Liebe ist sicherlich ein Kriterium für diese scheinbar ewig andauernden alten Ehen. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Hemmnisse aber mindestens genauso große. Deshalb denke ich auch nicht, dass sich an der Liebe an sich etwas geändert hat. Was sich hingegen geändert hat, sind die Wahlmöglichkeiten. Auf der einen Seite geben wir heute viel zu schnell auf, wenn uns etwas nicht gefällt. Denn der nächste Partner kommt bestimmt. Auf der anderen Seite ist die Basis von Beziehungen heute ein Gefühl: die Liebe. Ein Gefühl, das sehr flüchtig sein kann. Wir erwarten, auf Dauer in einem Gefühlsrausch zu bleiben.

Liebe aber kommt und geht. Sie hängt auch mit den Umständen zusammen, unter denen wir leben. Haben wir zu viele äußere Probleme wie Stress im Job, Geldmangel, Süchte, unausstehliche Schwiegereltern, leidet auch die Liebe darunter. Denn sie ist keine Selbstverständlichkeit. Liebe hängt auch damit zusammen, wie wir sie behandeln. Wir müssen uns selbst treu bleiben und unserem Partner trotzdem genügend Aufmerksamkeit schenken. Dabei streben wir allzu häufig nach Selbstverwirklichung auf Teufel komm raus. Also müssen wir entweder akzeptieren, dass unsere Beziehungen endlich sind. Oder wir müssen eine zusätzliche Basis finden. Denn Liebe allein reicht eben nicht aus. Früher nicht und heute auch nicht.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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