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Experten-Interview: "ADHS-Patienten leben mit erhöhtem Risiko"

Frühschwangerschaften und Drogenabhängigkeit können eine Folge sein

04. November 2020

ADHS, eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, kann folgenschwere Begleiterscheinungen mit sich bringen. Wir sprachen mit einer der erfahrensten ADHS-Expertinnen, der Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr. med. Jana Engel aus Riedstadt bei Darmstadt, über die Folgen für die Betroffenen und über eine auch langfristig einsetzbare medikamentöse Therapie mit Methylphenidat (MPH), dank derer viele Erkrankte wieder zurück in ein geregeltes Leben finden können. 

IDFM: Frau Dr. Engel, ist ADHS nicht eine Erkrankung von Kindern und Jugendlichen?

Dr. Jana Engel: Nein, ADHS verschwindet, entgegen landläufiger Meinung, nach der Pubertät vielfach nicht einfach so. Wie bedeutsam dieses sogenannte „adulte AHDS“, also die Krankheit bei Erwachsenen ist, zeigt sich erst in den letzten Jahren in vollem Umfang.

IDFM: Welche Folgen lassen sich besonders hervorheben?

Dr. Jana Engel: Nun, ADHS zeigt sich in verschiedensten Lebensbereichen, selbst im Straßenverkehr. Wir wissen inzwischen, dass ADHS-Erkrankte viermal so häufig in Verkehrsunfälle verwickelt sind. Sie fahren oft schneller, riskanter sowie wesentlich impulsiver, aggressiver und sind leider auch häufiger unter Alkohol- oder Drogeneinfluss unterwegs. Das könnte übrigens auch mit ein Grund sein für den hohen Anteil junger Menschen an Unfallgeschehnissen.

IDFM: Aber ADHS-Folgen zeigen sich nicht nur im Straßenverkehr.

Dr. Jana Engel: Nein, die zeigen sich in allen Lebensbereichen. Es gibt hierzu eine brandneue Studie, die den Anteil ADHS-Betroffener an Patienten in einer Notaufnahme untersucht. Unter den Verletzten waren etwa 8% ADHS-Erkrankte, deren Unfälle sich auf Faktoren wie Selbstüberschätzung, Ablenkung oder einfach ein „in Gedanken sein“ zurückführen ließen. Das entspricht etwa dem dreifachen Anteil der Normalbevölkerung. Dabei finden sich natürlich auch häusliche Unfälle oder Verletzungen durch Sport. Zusätzlich befanden sich diese Patienten häufig zum wiederholten Mal wegen Unfällen in ärztlicher Behandlung, waren im Durchschnitt jünger als Nicht-ADHS-Patienten und gehörten zu einem weniger risikoscheuen Personenkreis.

"Betroffenen fällt es oft schon schwer, nur sich selbst zu organisieren"

IDFM: Nun fragt man sich natürlich, warum diese Probleme gerade in jungen Jahren so deutlich zu Tage treten.

Dr. Jana Engel: Nun, die Betroffenen stehen nach Schule und Elternhaus nahezu übergangslos einem komplexen Leben gegenüber, dessen Anforderungen sie häufig überfordern. Wenn dann noch Ausbildung, Wohnung, Partnerschaft hinzu kommen, beginnt das Chaos. Es ist leider immer wieder recht erschreckend, in welch hohem Maß ADHS-Erkrankte Probleme am Arbeitsplatz haben, verbunden mit Arbeitslosigkeit, Kündigungen und niedrigem Einkommen. Viele stehen deutlich hinter ihren eigentlichen Fähigkeiten zurück. Zudem greift die Erkrankung stark ins private und intime Leben ein. Frühschwangerschaften, kurze, problembelastete Beziehungen, Drogenabhängigkeit und sogar ein Abgleiten in Kriminalität werden mit ADHS in Verbindung gebracht. Wie sich zeigt, ist der Anteil ADHS-Erkrankter bei Inhaftierten zehnmal höher als in der Normalbevölkerung. Ohne Übertreibung leben ADHS-Patienten, ohne es zu wollen, ein Leben mit erhöhtem Risiko.

IDFM: Wie steht es denn um die Diagnostik? Wie lässt sich ADHS feststellen?

Dr. Jana Engel: Das Bewusstsein für die Bedeutung dieser Krankheit wächst erst in der letzten Zeit. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang ein einfacher, von der WHO entwickelter Selbsttest, mit dessen Hilfe sich eine erste Risiko- und Selbsteinschätzung vornehmen lässt. Der Weg zu einem Therapeuten ist dann bei einem vorliegenden Verdacht die einzig richtige Entscheidung. Denn nur ein in ADHS-Fragen erfahrener Experte kann eine korrekte Diagnostik durchführen.

IDFM: Gibt es überhaupt Therapiechancen? Häufig wird ja über eine Therapie mit Methylphenidat (MPH) gesprochen.

Dr. Jana Engel: Aber ja doch! ADHS lässt sich durch eine solche Behandlung und mit begleitender Psychotherapie erfolgreich therapieren. Und zwar sogar recht schnell. Viele zufriedene Patienten sprechen schon kurz nach Therapiebeginn von einem Gefühl, als ob jemand einen Vorhang beiseitegeschoben hätte. Dies eröffnet für die Erkrankten einen Weg, ihr Leben endlich besser in den Griff zu bekommen.

IDFM: Also kein Grund, sich mit einem Leben im Risikobereich abzufinden?

Dr. Jana Engel: Nein, zumal die Therapie auch gut für eine langfristige Behandlung geeignet ist.

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