Schwerhörigkeit: Anzeichen erkennen und handeln

Raschelndes Laub, Stimmengewirr im Bus und das Knistern von Papier sind Alltagsgeräusche, die jeder von uns kennt. Wer diese Geräusche nicht mehr so gut wahrnimmt, könnte vielleicht bereits unter einer Beeinträchtigung des Gehörs leiden. Wie lassen sich die ersten Anzeichen von Schwerhörigkeit erkennen? Was ist zu tun und wie teuer sind Hörgeräte? Der Ratgeber klärt auf.

Bei vermuteter Hörstörung schnell zum Hörtest

Wer den Eindruck hat, nicht mehr alles gut zu verstehen, sollte schnell handeln. Marianne Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (biha) sagt:

"Ein Hörverlust ist irreparabel. Wer auf Dauer weniger hört, verlernt das Verstehen. Deshalb ist es wichtig, möglichst frühzeitig mit der Hörsystemversorgung zu beginnen und so den Hörverlust auszugleichen." (Quelle: Pressemitteilung vom 20.12.2018, biha
Das gesunde menschliche Gehör kann 400.000 unterschiedliche Töne wahrnehmen. Wenn davon nach und nach immer weniger zu uns durchdringen, fällt das in der Regel nicht auf. Der Prozess des Hörverlustes ist schleichend und hat unterschiedliche Ursachen:

•    Lärmbelastung
•    Ohrenentzündung
•    Hörsturz
•    fortschreitendes Alter

Auch junge Menschen können unerwartet von einer Hörschädigung betroffen sein, denn Alter ist nur eine von vier Ursachen, die für nachlassende Hörleistung verantwortlich sein können. Der deutsche Schwerhörigenbund e. V. (DSB) schätzt, dass zum 31.12.2018 rund 15,7 Millionen Menschen von Schwerhörigkeit betroffen sind (Quelle: Statistik der schwerhörigen Bundesbürger älter als 14 Jahre am Jahresende 2018, DSB). Im Prinzip kann es jeden treffen: ein unerwarteter lauter Knall, durchtanzte Nächte bei (zu) lauter Musik oder eine Mittelohrentzündung - niemand kann sich vor solchen Gefahren zu hundert Prozent schützen. 

Ab wann ist man schwerhörig? 

Schwerhörigkeit beginnt ab einem Hörverlust von 20 Prozent und mehr. Bis zum 40 Prozent spricht man von geringgradiger Schwerhörigkeit. Mittelgradig ist ein Hörverlust von 40 bis 60 Prozent, hochgradig gilt eine Beeinträchtigung von 60 bis 80 Prozent. Ab 80 Prozent grenzt die Schwerhörigkeit an Taubheit.

Checkliste: Anzeichen für nachlassende Hörleistung

Die folgenden 12 Anzeichen deuten darauf hin, dass bereits eine Hörschädigung vorliegt.

1.    Wer sich in einer lebhaften Umgebung wie einem Café oder im U-Bahnhof unterhält und insgesamt Schwierigkeiten hat, den Gesprächspartner zu verstehen, könnte bereits eine Schädigung davongetragen haben.
2.    Häufiges Nachfragen bei Unterhaltungen in ruhiger Umgebung kann ein Anzeichen nachlassender Hörleistung sein. 
3.    Immer wieder werden Wörter falsch verstanden, manchmal sogar ganze Sätze.
4.    Telefonieren fällt schwer, weil das Verstehen des Gesprächspartners nur eingeschränkt funktioniert.
5.    Andere weisen wiederholt darauf hin, dass Radio und Fernseher zu laut eingestellt sind. 
6.    Wer den Eindruck hat, dass die Gesprächspartner nuscheln, sollte das Gehör prüfen lassen.
7.    Leise Geräusche wie Vogelgezwitscher, Blätterrascheln oder fallender Regen werden nicht bzw. nur schwer wahrgenommen.
8.    In Gesprächen geht der Sinnzusammenhang verloren und Betroffene nicken lieber mit dem Kopf, statt zuzugeben, dass sie nicht gut verstanden haben.
9.    Wer sich lieber aus Gesprächen zurückzieht, weil das Verstehen schwer fällt, sollte dringend einen Hörtest machen.
10.    Wenn das Lippenablesen eine immer größere Rolle spielt, um einer Unterhaltung folgen zu können, ist der Gang zum Hörakustiker angezeigt.
11.    Einem Gespräch zu folgen ist anstrengend, weil das Hörverstehen nur eingeschränkt funktioniert.
12.    Ein dauerhaftes Klingeln, Piepen oder Summen im Ohr deutet auf einen Tinnitus hin, der das Gehör beeinträchtigt. 

Fielmann hat zusätzlich zu den genannten 12 Anzeichen einige Beispiele aufgelistet, die aus Alltagsituationen herausgegriffen sind. Damit fällt es noch leichter einzuschätzen, ob das eigene Gehör beeinträchtigt sein könnte. Außerdem werden einige Hintergründe dazu erläutert. 

•    Hohe Frauen- und Kinderstimmen sind schlechter verständlich als tiefe Männerstimmen.
•    Die Türklingel oder das Telefon werden öfter überhört. 
•    Im Theater oder bei Vorträgen wird der Redner nicht deutlich verstanden.

(Quelle: Anzeichen eines Hörverlusts, Fielmann)


Hörgeräte sind in unterschiedlichen Größen und Qualitäten zu haben. pixabay.com © williamsje1 

Wie funktioniert ein Hörtest beim Ohrenarzt oder Akustiker?

Ein Hörtest wird als Audiogramm bezeichnet. Mithilfe dieses Tests wird festgestellt in wie weit das Gehör intakt ist. Das Audiogramm stellt bildlich anhand einer Grafik dar, wie die Hörfähigkeit eines Menschen ausgeprägt ist. Im Prinzip wird die Hörschwelle der getesteten Person in Bezug auf unterschiedliche Frequenzbereiche dargestellt. Die Grafik zeigt an, ab welcher Dezibelzahl ein Ton gehört wird. Bei einem normal hörenden jugendlichen Menschen liegt die Schwelle bei 0 Dezibel, der Normalbereich erstreckt sich von 0 bis 25 Dezibel. Muss ein Ton lauter als 25 Dezibel gestellt werden, um hörbar zu sein, liegt eine Beeinträchtigung vor.

Das Audiogramm

Beim Test werden Töne über einen Kopfhörer eingespielt. Beide Ohren werden separat getestet. Die Töne starten sehr leise und werden dann immer lauter. Der leiseste Ton, der für den Getesteten hörbar ist, wird markiert. Diese Frequenz dient als Referenz. Gekoppelt mit der Intensität eines Tons ergibt sich daraus die Hörschwelle. Die individuell ermittelte Hörschwelle wird in Bezug zu einem gesunden Hörvermögen gesetzt. Daraus ergeben sich optisch sichtbare Abweichungen, die zeigen, wie weit und in welchen Bereichen das eigene Hörvermögen beeinträchtig ist. Dabei wird in vier Arten des Hörverlustes unterschieden:

•    Schallleiterschwerhörigkeit
•    Schallempfindungsschwerhörigkeit
•    Kombinierte Schwerhörigkeit
•    Neuraler Hörverlust 

Die Einstufung ist ausschlaggebend für die Hörhilfe, die später angepasst werden muss. Im Anschluss an den Ton-Hörtest folgt ein Sprach-Hörtest. Dieser offenbart, ob und in wie weit das Sprachverstehen bereits vom Hörverlust betroffen ist. Diese Infografik der so genannten "Sprachbanane" verschafft einen Überblick über den gesunden Bereich des Sprachversehens. 

Was bringt der Besuch beim Hörakustiker?

Zunächst einmal bringt der Besuch beim Hörakustiker Sicherheit über den Status der Hörfähigkeit. Der Test klärt unmissverständlich ab, ob Handlungsbedarf besteht oder nicht. Falls die Einschränkung tatsächlich so groß ist, dass ein Hörgerät erforderlich wird, beraten Hörakustiker über die Möglichkeiten. 

Tipp: Krankenkassen übernehmen Anteile an den Kosten. Dafür ist es allerdings unumgänglich, dass ein Termin bei einem Facharzt (Hals-Nasen-Ohrenarzt) wahrgenommen wird. Der Facharzt bescheinigt den Hörverlust. Die Bescheinigung ist bei der Krankenkasse einzureichen, damit sie sich an den Kosten beteiligt. 

Was kosten Hörgeräte und was übernehmen Krankenkassen?

Hörgeräte gibt es in großer Vielfalt, schätzungsweise sind über 1.000 Modelle auf dem Markt. Es gibt winzig kleine Geräte, die im Ohr getragen werden und im Alltag optisch kaum auffallen. Es gibt auch unübersehbar große Geräte, die zum Beispiel am Brillenbügel und/oder hinter dem Ohr angebracht werden müssen. Zudem unterscheiden sich die Modelle in ihren Funktionen und Leistungsprofilen. Die Spannbreite der Preise liegt zwischen 10 und 2.500 Euro, wobei die Kasse maximal um die 1.500 Euro übernimmt. Wie viel der Kosten ein Patient selbst tragen muss hängt von der Versorgung ab und muss immer im Einzelfall geklärt werden.