Menschenkenntnis: andere besser einschätzen und verstehen lernen

Der erste Eindruck kann täuschen – wir geben Tipps für ein besseres Urteilsvermögen

Ein Blick – und alles ist klar? Nein, der erste Eindruck kann sehr häufig täuschen. Um zu erkennen, wie jemand tickt, müssen wir genauer hinschauen. Denn: Wenn wir eine Person spontan bewerten, sollten wir bedenken, dass wir gerade nur einen kleinen Ausschnitt von ihr gesehen haben. Um zu erkennen, wie es hinter der Fassage einer Person aussieht, brauchen Sie eine gute Menschenkenntnis. Wir sagen, wie Sie Menschen besser einschätzen können und wo Fallen lauern.

Menschenkenntnis: Die große Verlockung

Schau mir in die Augen ... und ich sage dir, wer du bist. Es klingt verführerisch: Unserem Gegenüber auf den ersten Blick abzulesen, was ihn ausmacht. Sofort zu wissen: Ist er traurig, fröhlich, nett? Tatsächlich ist die Kunst des Gesichterlesens eine Lehre, die bereits Menschen in der Antike fasziniert hat: Die ältesten Aufzeichnungen hierzu finden sich in den Schriften von Aristoteles. Doch vom Äußeren eines Menschen sekundenschnell auf seine seelischen Eigenschaften zu schließen – das führt leider häufig zu falschen Vorurteilen über andere. Es ist also echte Menschenkenntnis gefragt!

Worin die Gefahr lauert

In der Antike galt die Kunst der so genannten Physiognomik noch als eine Art Geheimwissen, das hauptsächlich von Priestern zu okkulten Zwecken genutzt wurde. Mit dem Zeitalter der Aufklärung wurde sie mehr und mehr als eine wissenschaftliche Lehre akzeptiert – leider mit schlimmen Folgen. Denn sie wurde nicht positiv genutzt, um sich beispielsweise leichter in andere hineinzufühlen, sensibler miteinander umzugehen oder Unterschiede wertzuschätzen. Im Gegenteil: Im 19. und vor allem im 20. Jahrhundert lieferte sie häufig die wissenschaftliche Untermauerung für Eugenik und Rassismus.

Ein erster Anhaltspunkt

Anhand von Kopfform, Stirnhöhe oder Mundbreite Eigenschaften wie Intelligenz und Willenskraft ablesen: In der Sozialpsychologie ist heute stark umstritten, ob sich daraus wirklich eine bessere Menschkenntnis herleiten lässt. Es gibt zahlreiche Studien dazu, die ganz unterschiedliche Ergebnisse liefern. Worin sich viele Experten einig sind: Unser erstes Urteil ist oberflächlich – aber durchaus nützlich, da wir den groben Umriss einer Persönlichkeit erkennen können. Möglicherweise ist das ein Schutzmechanismus aus der Evolution: Bevor wir jemanden näher an uns heranlassen, sichern wir uns ab – indem wir ihn anschauen und anhand unseres ersten Eindrucks intuitiv erfassen, ob der andere uns eher Schaden zufügen könnte oder ob er es gut mit uns meint. Das ist sinnvoll – aber eben nur ein allererster Anhaltspunkt.

Emotionen ablesen

Um Gefühle anderer und somit den Menschen leichter einschätzen zu können, entwickelte der US-Psychologe Paul Ekman 1978 sein „Facial Action Coding System“ (FACS) – eine Methode, mit der man anhand von Muskelbewegungen im Gesicht sieben Basis- emotionen ablesen kann, die angeblich bei allen Menschen vorhanden sind: Ärger, Angst, Trauer, Ekel, Überraschung, Verachtung und Freude. Das FACS-Modell bildet heute die Grundlage für zahlreiche Softwareprogramme zur Emotionserkennung. Doch die Methode ist umstritten. Kritiker bemängeln unter anderem, dass bei der Anwendung nicht bedacht wird, wie leicht sich die Mimik kontrollieren lässt. Eine „richtige“ Einschätzung sei also gar nicht möglich.

Unser eigener Einfluss

Wer Menschen realistisch einschätzen möchte, muss sich klarmachen: Auf den ersten Blick klappt das nicht. Schon deswegen, weil wir keinen neutralen Blick haben. Wie wir andere bewerten und was wir in Gesichtern ablesen, hängt vor allem von uns selbst ab – unseren Erfahrungen, unserer Laune, unserer Kultur. Wenn wir unser Gegenüber also vorschnell in eine Schublade stecken, fehlen uns eigentlich noch zahlreiche Informationen, die das rechtfertigen würden. Es hilft, sich immer wieder neu bewusst zu machen: innere Werte verrät das Äußere nicht. Da müssen wir schon genauer hinschauen und nachfragen: Für welche Ideale steht er, wie geht er mit anderen um, was ist ihm wichtig?

Sorgfalt gewinnt

Gerade, wenn es um sehr Wichtiges geht, zum Beispiel die Beziehungen zu anderen, sollten wir mit schnellen Einschätzungen und Urteilen also zurückhaltend sein. Denn selbst wer eine gute Menschenkenntnis besitzt, liegt nicht immer richtig. Gegen einen spontanen Eindruck können wir uns nicht wehren – aber wir können unsere Anfangsurteile durch sorgfältiges Prüfen gegebenenfalls noch einmal ändern. Das ist nicht nur den anderen gegenüber fair, sondern auch ein Gewinn für uns: Denn so entgeht uns nicht mehr die Chance, Menschen kennen zu lernen, die sich auf den zweiten Blick als ganz wundervoll entpuppen.

5 hilfreiche Tipps für ein besseres Urteilsvermögen

    1.    Wachsam und offen bleiben: Machen wir uns klar, dass wir andere nie objektiv, sondern immer vor dem Hintergrund unserer Erfahrungen betrachten.



    2.    Äußerlichkeiten nicht übertragen: Oft schließen wir von äußeren Merkmalen auf das Innere des anderen: attraktiv = schlau, dick = fröhlich ... Vorsicht, das sind nur Klischees!



    3.    Eigene Vorurteile hinterfragen: Unbewusst beurteilen wir manche Menschen- oder Altersgruppen oft kritischer als andere. Umso wichtiger, darüber zu reflektieren.



    4.    Empathie trainieren: Bevor wir jemanden (negativ) bewerten, versuchen wir, uns in ihn hineinzuversetzen: Warum handelt er so? Was steckt dahinter?



    5.    Zwischentöne heraushören: Wenn wir im Gespräch nicht nur darauf achten, was, sondern auch darauf, wie etwas gesagt wird, erfahren wir sehr viel über den Charakter des anderen.