Risiko oder Chance? (Auch) Eine Frage der Sichtweise

Was steckt hinter der Risikobereitschaft des Menschen

Wer verhält sich besser: Ist es derjenige Mensch, der alles Neue als eine zu ergreifende Chance sieht und angeht oder ist es doch derjenige, der erst einmal Entwicklungen abwartet und neben Plan A Plan B entwirft? Pauschal lässt sich diese Frage kaum beantworten. Aber jeder Mensch sollte sich bisweilen selbst fragen, ob er sich vielleicht doch zu tollkühn in alles Neue stürzt oder ob ob ihm auf der anderen Seite nicht doch zu viele Ängste neue Wege verbauen? So etwas kann ein wichtiger Neubeginn werden. Wann haben Sie sich das letzte Mal diese Fragen gestellt? 

Fast alles Neue ist ambivalent

Der Duden definiert ein Risiko als einen „möglichen negativen Ausgang bei einer Unternehmung, mit dem Nachteile, Verlust, Schäden verbunden sind“. Die „Chance“ wird vom Duden dagegen einerseits als „Möglichkeit, etwas zu erreichen“ definiert und andererseits als „Aussicht auf Erfolg“. 

Beide Definitionen beschreiben auch etwas Neues, bisher Unbekanntes. Denn alles Neue enthält Unwägbares, das sich nur bedingt auf Basis bisheriger Erfahrungen beurteilen lässt. Eine berufliche Umorientierung bietet Aussicht auf Erfolg. Sie birgt andererseits das Risiko, dass man hinterher schlechter dasteht als zuvor. Eine neue Liebe kann großes Glück bedeuten, ist eventuell aber auch eine riesige Enttäuschung. 

Verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und unterschiedlichem Naturell werden Neues eher als Chance oder als Risiko wahrnehmen. Und die allermeisten Menschen werden nicht nur das eine oder andere sehen, sondern sowohl Chancen als auch Risiken, allerdings mit jeweils unterschiedlichen Anteilen. Und dann geht es um die Bereitschaft, die Risiken in Kauf zu nehmen, um sich Chancen zu sichern. Wie hoch ist die? 

Risikobereitschaft aus dem Blick der Wissenschaft

Die Wissenschaft beschäftigt sich immer wieder mit Fragen rund um Risikobereitschaft von Menschen. So befragte und testete beispielsweise ein Forscherteam von Professor Doktor Jörg Rieskamp an der Uni Basel über 1.500 Probanden zum Thema „Risikofreude“. 

„Auch wenn die menschliche Risikofreude je nach Situation schwankt, die Grundeinstellung zu Risiken dürfte ein stabiles psychologisches Merkmal sein, etwa vergleichbar mit dem Intelligenzquotient“, schreibt dazu die österreichische Zeitung „Der Standard“ im Oktober 2017 in einem Artikel mit dem Titel „Risikobereitschaft ist in der Persönlichkeit verwurzelt“. Menschen verhalten sich also in der einen Situation vorsichtiger und in der anderen risikobereiter. Dennoch ist die Höhe der Risikobereitschaft zugleich etwas, das im Charakter verwurzelt ist. 

Andere Forschungen beschäftigen sich mit der Frage, ob bestimmte Gruppen von Menschen zu einer höheren Risikobereitschaft neigen als andere. So veröffentlichte das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) 2013 eine Mitteilung über eine Studie des Ökonomen Ferdinand Vieider, der damals am WZB geforscht hatte. Vieider untersuchte das Risikoverhalten in 30 Ländern von Australien bis Vietnam. Die Teilnehmer der Studie konnten zwischen einer Lotterie-Teilnahme und steigenden festen Geldbeträgen entscheiden. 

„Je höher der Betrag war, ab dem Teilnehmer von der Lotterie zu dem festen Betrag wechselten, desto höher war ihre Wertschätzung der Lotterie und daher ihre Risikobereitschaft“, schrieb die WZB dazu und veröffentlichte zugleich als Ergebnis, dass Teilnehmer aus den ärmeren Ländern häufiger auf die Lotterien gesetzt hätten und damit risikofreudiger seien. 

Vorangegangene Studien innerhalb einzelner Länder kamen übrigens zur Erkenntnis, dass die Risikobereitschaft von Menschen mit hohem Einkommen ausgeprägter ist als bei ärmeren Menschen. Innerhalb eines Landes greifen also möglicherweise andere Motive für ein Verhalten als im Ländervergleich.  

Ergebnisse einer weiteren Studie veröffentlichte die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) Anfang 2017 im Artikel „Risikoverhalten von Jugendlichen: Ab ins Ungewisse“. Er beschäftigte sich mit einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Für die Studie ließ das Institut 105 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 8 und 22 Jahren an diversen Glücksspielen teilnehmen und befragte sie zu ihrem persönlichen Risikoverhalten. 

Die Studie habe gezeigt, schreibt die MPG, dass Jugendliche es eher akzeptieren, „keine eindeutige Vorstellung über die Wahrscheinlichkeit möglicher Ereignisse zu haben und auch bei extremer Unsicherheit weniger nach Informationen suchen“. Sie nehmen also Unsicherheit eher in Kauf. Das verspricht natürlich mehr Spannung. Andererseits liefert es aus Sicht der MPG auch eine mögliche Erklärung dafür, „warum Informationskampagnen – etwa zu Drogenmissbrauch – oft begrenzte Wirkung haben“. 

Springe ich? Oder springe ich nicht? 

Nun ist man also so klug wie zuvor. Was ist denn nun besser: Risiken eingehen oder vermeiden? Oder sollte man vielleicht vorsichtig und planvoll Risiken eingehen? Ein planvolles Eingehen von kalkulierbaren Risiken klingt ja spontan ganz gut. Bei der Frage, wie kalkulierbar das Risiko sein muss, gibt es aber schon wieder eine große Bandbreite unterschiedlicher Antworten. 

 Darüber hinaus kann man auch beim Kalkulieren von Risiken verschiedene Schwerpunkte setzen: Sie können sich natürlich an einer Einschätzung versuchen, mit welcher Wahrscheinlichkeit Ihr Verhalten negative oder positive Folgen hat. Und Sie können die beste und die schlechteste mögliche Wirkung Ihres Verhaltens für Ihre Entscheidung gegenüberstellen. Beides ist wichtig. Wenn Sie beispielsweise überlegen, von einer Brücke in ein Ihnen und allen Anwesenden unbekanntes Gewässer zu springen, können Sie vielleicht anhand der Umgebungsbedingungen ein wenig abschätzen, ob das Wasser für Ihren Sprung tief genug ist. Zugleich wissen Sie aber auch, dass die Sache zwar eventuell ein Riesenspaß wird, Sie andererseits aber auch töten oder zu einer Querschnittslähmung führen könnte. Vielleicht überwiegt das Risiko dann doch die Chance? Und wenn bereits Andere Menschen gesprungen sind, die das Gewässer kennen? Dann ist eventuell wieder alles anders. 

Glücksspiele zeigen das Thema in komprimierter Form. 

Glücksspiele werden übrigens – wie weiter oben im Artikel gezeigt – häufig in Studien integriert, weil sie das Thema „Risiko und Chance“ komprimiert abbilden. Ein Glücksspiel bietet Chancen auf Gewinn und Spaß, ist aber zugleich etwas, bei dem Sie Risiken nicht ignorieren sollten. Wenn Sie mit echtem Geld spielen, können Sie echtes Geld verlieren. Punkt. Und es sollte nicht das Geld sein, dass Sie für den nächsten Einkauf benötigen. 

Glücksspiele zeigen zugleich auch, dass es sowohl für risikofreudige als auch für Risiken eher scheuende Menschen passende Herangehensweisen an eine Aktivität wie das Spielen gibt. Das zeigt beispielsweise ein englischsprachiger Artikel über „Do's & Don'ts bei einem Automatenspiel“. In Tipp 3 rät der Artikel dazu, sich für Spiele zu entscheiden, die den eigenen Zielen und der eigenen Persönlichkeit entsprechen. Und das … ist vielleicht einer der nötigen Schlüssel für das, worum es hier eigentlich geht. 

Worum es eigentlich geht: Glück und Zufriedenheit. 

Sicherlich gibt es Situationen, die eine Mehrheit Risiken so einschätzen würde, dass das Eingehen eines Risikos unverantwortlichen Leichtsinn und nicht Wagemut bedeutet. Das ist sicherlich der Fall, wenn man sich für nächtliche Autorennen in der Innenstadt entscheidet. Bei vielen anderen Situationen bleibt eine große Bandbreite möglicher Verhalten, die nicht wirklich in Kategorien wie richtig und falsch einzuordnen sind. 

In diesen Situationen rücken die eigentlichen Fragen in den Vordergrund, um die es bei alledem vielleicht am Ende geht: Wie bin ich eigentlich? Und macht es mich glücklich und zufrieden, wie ich bin? Sie müssen kein besonders risikofreudiger oder vorsichtiger Mensch sein, um ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Aber Sie sollten sich bisweilen fragen, wie Ihr Risikoverhalten eigentlich aussieht und ob es zu einem Leben beiträgt, mit dem Sie wirklich zufrieden sind. Wenn Sie ehrlich mit „ja“ antworten können, ist alles gut. Lautet die Antwort „nein“, weil: 

•    Sie immer wieder durch ein allzu risikofreudiges Verhalten Nachteile erfahren oder
•    weil Sie sich durch Risikoscheu aus eigener Sicht zu viele Chancen verbauen,

dann sollten Sie etwas ändern. Das wird in den meisten Fällen nicht auf eine völlige Veränderung Ihrer Persönlichkeit hinauslaufen. Aus einem Risikovermeider wird nicht plötzlich ein sehr risikofreudiger Mensch und umgekehrt. Aber das muss ja auch gar nicht sein. Ein bisschen mehr vom jeweils anderen Verhalten reicht ja vielleicht auch?