Helikopter-Eltern: Übertreiben auch Sie es mit der Fürsorge?

Was Lehrer und Erzieher ertragen müssen

Wenn Mütter und Väter es mit der Fürsorge etwas zu gut meinen, spricht man von Helikopter-Eltern. Außenstehende sind dabei oft fassungslos. Die Autorinnen Lena Greiner und Carola Padtberg haben die kuriosesten „Eltern-Aussetzer“ zusammengestellt. Außerdem: Was Diplom-Psychologe Ronald Hoffmann als Experte zur Über-Behütung sagt.

Helikopter-Eltern: Anekdoten zum Schmunzeln und Nachdenken – was Lehrer und Erzieher täglich erdulden müssen.

Diskussionswürdig: Der Menüplan der Kita

Ein Erzieher erzählt: „Wir hatten einen Vater, der jeden Tag den ausgehängten Essensplan abfotografiert hat. Er hatte nämlich den Auftrag, die Kindesmutter per WhatsApp über die bestellten Speisen zu informieren. Sie wollte nicht Gefahr laufen, ihrem Anderthalbjährigen am Abend etwas Ähnliches zu kochen.“ Ein anderer berichtet: „Eine Mutter empfahl uns, den Kindern mehrere Alternativen beim Mittagessen anzubieten. Ihr Sohn sei es gewohnt, zwischen drei Gerichten wählen zu können. Deshalb brachte sie für ihn Ersatzessen in Tupperdosen mit. Der Witz: Er hat davon nie etwas angerührt.“

Ein Vater ergänzt: „Beim Kita-Elternabend berichteten Eltern, dass ihre Tochter kein Weißmehl vertrage, und schlugen vor, dass es daher bei privaten Kindergeburtstagen generell keinen Kuchen mehr geben solle. Was mich am meisten entgeistert hat, war nicht mal die Idee dieser Eltern, das Problem ihrer Tochter zu lösen, indem sie allen Kindern ihre Diät verpassen wollten – sondern die Tatsache, dass über diesen Vorschlag eine halbe Stunde lang ernsthaft diskutiert wurde.“

Nichts für schwache Nerven: Der Elternabend mit Helikopter-Eltern    

Ein Lehrer erinnert sich: „Auf einem Elternabend wurde die Abschlussfahrt einer neunten Klasse besprochen. Es sollte auf die Ostseeinsel Fehmarn gehen, doch ein Vater sprach sich rigoros und vehement gegen dieses Ziel aus. Der Grund: Er kenne die Insel gut und wisse, dass es dort im Herbst schon recht stürmisch sein könne. Des Weiteren hätte er über Google Earth herausgefunden, dass die Schlafunterkunft der Jugendherberge mehr als hundert Meter vom Hauptgebäude entfernt liege, in dem die Mahlzeiten eingenommen werden sollten. Täglich mehrfach bei Wind und Wetter zum Essen zu gehen sei seiner Tochter nicht zuzumuten.“

Ein anderer Lehrer: „Elternabend in der 3. Klasse. Beim Thema Pausengetränke wetterte eine Mutter vehement gegen Kakao: ,Zu süß, völlig ungesund, trinken wir zu Hause auch nicht – und wie soll ich meinem Kind denn erklären, dass in der Schule andere Kinder Kakao trinken und mein Kind nur Milch bekommt?‘“ Ein weiterer Lehrer: „Eine Mutter war völlig entrüstet darüber, dass die Grundschule ihrer Tochter, die damals die zweite Klasse besuchte, kein Chinesisch angeboten hat. Dies sei doch schließlich der für uns entscheidende Markt, meinte sie.“

Lebensgefährlich: Der Weg in die Schule

Ein Lehrer erlebte Folgendes: „Zu Beginn des Schuljahres rief ein Vater an: Seine Tochter würde am nächsten Tag das erste Mal den Bus nehmen. Ob ich sie nach der Schule zur Bushaltestelle bringen könnte. Unsere Schule liegt in einem sehr ruhigen Wohnviertel, und um zur Haltestelle zu gelangen, muss man lediglich 20 Meter auf die andere Straßenseite einer 30-Zone gehen. Nach einer Woche hat die Familie jedoch beschlossen, dass der Bus doch nicht das Richtige für das Mädchen ist. Seither holt der Vater seine Tochter täglich ab, direkt aus dem Raum der Schulbetreuung – zur Belustigung der anderen Fünftklässler.“

Ein anderer Lehrer sagt: „Die Klassentür war bereits zu, doch trotz Aufforderung weigerte sich eine Mutter, sofort die Klasse zu verlassen – mit dem Argument: ,Ich muss meinem Sohn NUR noch die Hausschuhe anziehen und bin dann GLEICH weg. Oder wollen SIE, dass er sich erkältet?‘ Alter des Sohnes, der sich bei dieser Aktion offenbar auch nicht wohl fühlte: fast zehn Jahre.“

Helikopter-Eltern mischen schon in Kita und Grundschule eifrig mit

Klassenarbeiten: Der Termin muss schon passen!

Ein Lehrer erinnert sich: „Eines Mittags erhielt ich eine E-Mail von einem Vater, sein Sohn habe demnächst Geburtstag und für diesen Tag die halbe Klasse zu einer Feier eingeladen. Nun gebe es leider ein Problem: Am Tag darauf werde ja die Deutscharbeit geschrieben. Die könne man doch getrost verschieben. Sonst sei die Laune des Geburtstagskinds und der Gäste – also der gesamte Geburtstag – verdorben. Ich antwortete freundlich, dass so etwas nicht möglich sei. Wenige Stunden später rief mich die Elternvertreterin an – mit just demselben Anliegen. Ich machte also auch sie darauf aufmerksam, dass ich wegen diverser Geburtstagsfeiern von 25 Zweitklässlern keine Klassenarbeiten verschieben kann.“

Ein Lehrer erlebte das: „Relativ am Anfang des Sommerhalbjahrs stand ein Französischtest an. Es ging vor allem um Wiederholungen aus dem letzten Halbjahr. Am Tag des Tests erhielt ich eine E-Mail von einer Mutter. Darin bat sie mich, den Prüfungstermin zu verschieben – ihr Sohn habe sein Französischbuch übers Wochenende in der Schule vergessen und sich deshalb nicht adäquat auf den Test vorbereiten können.“

Unser Buch-Tipp: Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag“, von Lena Greiner und Carola Padtberg. 9,99 Euro, Ullstein-Verlag.

Was unser Experte zu Helikopter-Eltern sagt

Alle Eltern wollen für ihre Kinder nur das Beste. Doch Helikopter-Eltern meinen es mit der Behütung etwas zu gut. Wir haben Diplom-Psychologe Ronald Hoffmann dazu befragt.

Wie kommt es zur Über-Fürsorge?

„Eltern, die wir als Helikopter-Eltern wahrnehmen, sorgen sich um ihre Kinder und unterstützen diese oft in einem Maße, das uns übertrieben erscheint. Und wie so oft wird aus guten Dingen etwas Schlechtes, wenn man es übertreibt. Trotzdem ist es schwierig zu beantworten, wo das Helikoptern anfängt. Schon wenn man seine Kinder morgens zur Schule bringt, oder erst, wenn man sie in die Klasse bringt und ihnen noch den Stuhl abwischt, damit sie sich nicht schmutzig machen?“

Welchen Einfluss hat das auf das Kind?

„Über-Behütung kann Kinder ängstlich und unselbständig machen. Das Aufwachsen unter permanenter Beobachtung verhindert die Entfaltung von Phantasie und die Entwicklung von angemessenen Problemlösungsstrategien. Im schlimmsten Fall erreichen Helikopter-Eltern also das Gegenteil von dem, was sie wollen.“
 

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