Nur noch das Dienstmädchen der Familie? Eva (50) reicht's endgültig

„Ich bin doch für alle selbstverständlich!“

Mutter, Hausfrau, Chauffeurin, Ehefrau, Geliebte, Köchin, Krankenschwester ... Immer am Wirbeln für die Familie, doch ein Dankeschön hört sie nie. Wird ihre Arbeit überhaupt noch wahrgenommen? Eva (50) reicht’s! Was unser Experte Dr. med. Hans-Peter Selmaier rät und was die vier Buchstaben NEIN bewirken.

Erst neulich ist es schon wieder passiert: Meine Mutter wurde 75 Jahre alt, am darauf folgenden Samstag wollten wir mit der Verwandtschaft in einer Gaststätte zu Mittag essen, Kaffee und Abendbrot sollte es später in unserem Haus nahe Mannheim geben. Meine jüngere Schwester Ina und mein älterer Bruder Hans-Werner samt Familie hatten sich als Besuch angekündigt. Ina ist Single, sie lebt in Fulda und arbeitet als Lehrerin, Hans-Werner, meine Schwägerin und ihre beiden Söhne wohnen in Berlin. Und nun raten Sie mal, wer sich um die gesamte Organisation und Verpflegung gekümmert hat? Ich. Natürlich. 

Meine Schwester hätte früher kommen und mir helfen können, statt sich bedienen zu lassen

Ina, die keinen Führerschein hat, schrieb mir am Freitagmorgen eine WhatsApp-Nachricht. Sie komme am Abend gegen 19.30 Uhr am Bahnhof an, ob ich sie bitte abhole? Und: „Kuchen backen schaffe ich nicht mehr“, stand dort. „Ich kann den ja eh nicht so gut transportieren im Zug.“ Seltsam, es waren doch Ferien! Warum konnte sie nicht einfach früher nach Mannheim kommen und mir vor Ort ein bisschen helfen? Ich traute mich nicht, sie das zu fragen. 

Samstagmittag holte ich Mutter vom betreuten Wohnen ab – meine Geschwister zogen es vor, ein wenig durch die Stadt zu spazieren, bis wir uns im Restaurant trafen. Und Rainer, mein Mann? Der war bis kurz vor knapp im Bett liegen geblieben, saß nun halb angezogen am Küchentisch und las in aller Ruhe irgendetwas auf seinem Handy. Am Abend war ich es auch, die Mutter wieder zurückbrachte, als die anderen es sich auf unserer Couch mit Wein und Snacks gemütlich gemacht hatten, ohne wenigstens mal den Spüler auszuräumen und neu zu füllen. 

Das ganze Wochenende über grummelte es in mir. Ich war so wütend. Auf meine Schwester, die weggezogen ist und nie für Mutter einkaufen geht, ihr beim Saubermachen hilft oder sie zum Arzt begleitet. Auf Hans-Werner, dem es finanziell echt gut geht und der doch hätte anbieten können, ein Hotelzimmer zu buchen, statt sich mit meiner Schwägerin und den beiden Teenager-Söhnen bei uns einzunisten. Auf meinen Mann, der nicht sieht, wie ich mich aufreibe zwischen meiner Arbeit im Laden (ich bin Verkäuferin in Teilzeit in einem Modegeschäft), dem Haushalt, unseren pubertierenden Kindern Anni und Max und der Hilfe, die meine Mutter braucht. Der auch nie Danke sagt, wenn ich eine schöne Geburtstagsfeier auf die Beine stelle, oder mir mal ein Kompliment macht, wenn ich mich hübsch anziehe oder zum Friseur gehe. 

Ich sagte meiner Familie, dass ich nicht ihr Dienstmädchen bin. Und mir mehr Unterstützung wünsche

Nach außen ließ ich mir erst einmal nichts anmerken, aber innerlich machten sich Wut und Enttäuschung in mir breit, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Weil ich sie ließ. Ich wollte diese Gefühle einfach nicht länger unterdrücken, nur um die Harmonie nicht zu gefährden. Zwei Worte wurden in mir immer lauter: „Es reicht!“

Am späten Sonntagnachmittag, gerade hatte ich Eva zum Bahnhof gebracht, platzten sie aus mir heraus, so laut und schrill, dass nicht nur Anni, Max und Rainer erschraken, sondern auch ich selbst. Als ich vom Bahnhof zurückkehrte, stand immer noch das Kaffeegeschirr auf dem Esstisch herum. Max hatte mir achtlos seine dreckigen Fußballklamotten vor die Badezimmertür geschmissen, Anni hatte mich schon im Flur abgefangen, um mir mitzuteilen, dass ich sie jetzt bitte noch zu ihrer Freundin fahren soll. „So geht das hier nicht weiter!“, schleuderte ich meiner Familie entgegen. „Ich bin nicht euer Dienstmädchen, und ihr könnt verdammt noch mal dankbar sein für alles, was ich Tag für Tag leiste!“ Als ich mich beruhigt hatte, sagte ich ihnen in ruhigerem Ton, dass ich mir mehr Anerkennung und Hilfe von ihnen wünsche. Die drei haben nur betreten geschaut und genickt. 

Und ich? Zog mir dir Schuhe direkt wieder an und verließ das Haus. Draußen rief ich meine Freundin Silke an und fragte sie, ob sie spontan Zeit hatte. Sie sagte zu. Mit dem Auto fuhren wir zum Rheinauer See, gingen spazieren, sprachen uns aus, lachten und gönnten uns später in einem Restaurant in der Nähe ein fabelhaftes Abendessen. Der Kellner war aufmerksam und sehr bemüht um uns. Das tat richtig gut. 

Tipps und Infos zum Thema 

Unser Experte Dr. med. Hans-Peter Selmaier ist Chefarzt der Fachklinik Heiligenfeld in Bad Kissingen.

Ist die „Selbstverständlich-Falle“ ein typisches Frauenproblem?

„Ja. Frauen werden schon früh so sozialisiert, dass sie automatisch verantwortlich sind für allerhand Aufgaben, die im heimischen und familiären rahmen anfallen. Viele entwickeln einen regelrechten Reflex der Zuständigkeit. Das ist insbesondere der Fall, wenn schon die eigene Mutter sich fast oder völlig allein um Haushalt, Kinder und die pflege älterer Angehöriger gekümmert hat.“ 

Warum genau ist es so schmerzhaft, nicht anerkannt zu werden?

„In der Psychologie spricht man von einer Gratifikationskrise. Die kann einen auch im beruflichen Kontext ereilen. Wenn chronisch Anerkennung und Feedback fehlen, greift das das Selbstwertgefühl stark an. Gerade Frauen machen zudem ihren Erfolg nicht an sich selbst fest und sind einfach stolz auf das, was sie erreicht haben. Sie brauchen auch Rückmeldung. Bleibt die aus, fühlen sie sich mit gescheitert.“ 

Kann diese seelische Verletzung auch gefährlich werden?


„Ja, es ist möglich, dass daraus burnoutähnliche Symptome resultieren und die Betroffenen auch körperlich leiden. Sie können zum Beispiel Schlafstörungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln und in eine Depression abgleiten. Dann ist der Besuch bei einem Psychologen oder eine psychologische Beratung ratsam. Auch eine Kur kann helfen.“ 

Wie können frauen verhindern, dass es so weit kommt?


„Durch Nein sagen und Selbstabgrenzung. sie muss aber prägnant und unmissverständlich sein.“ 

NEIN: Was vier mutige Buchstaben bewirken können 

Zugegeben: Anderen einen Gefallen auszuschlagen, ist nicht einfach. Wenn sie diese fünf Schritte verinnerlichen, fällt es Ihnen künftig etwas leichter. 

Bedenkzeit

Oft sagt man Ja, weil der Bittsteller einen überrumpelt. Fordern sie wenigstens ein paar Minuten Zeit ein, um darüber nachzudenken. Dann können Sie die Situation analysieren und überlegter entscheiden. 

Ursache

Ergründen Sie, warum es bei bestimmten Personen schwer für Sie ist, abzulehnen. Vielleicht müssen erst mal grundsätzliche Missverständnisse aus der Welt geschafft werden. 

Selbstfürsorge 

Machen sie sich klar, welchen Preis sie dafür zahlen, zu oft Ja zu sagen. Geht es auf Kosten eigener Herzensprojekte oder gar ihrer eigenen Gesundheit?

Erlaubnis

Sie sind kein schlechter, egoistischer Mensch, wenn sie ablehnen. Erlauben sie sich ganz bewusst das Nein. 

Klarheit

Begründen sie ihre Absage, dann ist sie auch nicht verletzend. Äußern sie sie dennoch unmissverständlich.