Anzeige

Altersarmut führt zur Einsamkeit

Kulturisten Hoch2 setzen sich für arme Senioren ein

Wer im Rentenalter kaum Geld zum Leben hat, zieht sich schnell ins Schneckenhaus zurück und vereinsamt. Das Projekt „Kulturisten Hoch 2“ ermöglicht einkommensschwachen Senioren in Hamburg die Teilhabe an kulturellen und sozialen Veranstaltungen.

Für den heutigen Tag hat sich Ingrid Rieper richtig schick gemacht: Weiße Bluse und feine Schuhe angezogen und sogar etwas Lippenstift aufgetragen. Denn heute geht die Rentnerin endlich mal wieder ins Theater. Keine Selbstverständlichkeit für die 76-Jährige: „Mit kleiner Rente ist das schwierig.“ Dank des Projektes „Kulturisten Hoch 2“ bekommt sie jetzt regelmäßig Besuch von Abiturientin Julia. Gemeinsam gehen sie dann zu verschiedenen Kulturveranstaltungen.

Keiner soll allein sein  

Entstanden ist das Generationsprojekt in Kooperation mit sechs Hamburger Schulen und dem Verein KulturLeben Hamburg e.V. Gemeinsam setzen sie sich für die gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe Senioren mit kleinen Renten ein. Diese erhalten zwei kostenlose Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen und können diese gemeinsam mit einer Schülerin oder Schüler aus ihrem Stadtteil besuchen.

Das fördert nicht nur den Zusammenhalt im Viertel, sondern bringt auch beiden Spaß und unterstützt den Austausch der Generationen:

Ich tausche mich gern mit älteren Menschen aus. Es ist spannend, von ihrem Leben zu erfahren, ihre Geschichte zu hören,

so Julia. Erfahren hat sie von dem Projekt bei einem Vortrag von den Kulturisten Hoch2 in ihrer Schule. Mittlerweile gibt es über 120 Schülerinnen und Schüler, die sich regelmäßig mit den Rentnern treffen. „Das ist mal eine andere, sehr schöne Art, sich zu engagieren“, sagt sie. „Ich tausche mich gern mit älteren Menschen aus. Es ist spannend, von ihrem Leben zu erfahren, ihre Geschichte zu hören.“

Davon hat Frau Rieper viele zu erzählen. Auf dem Weg ins Theater erzählt sie Julia von sich:
„Nach der Schule habe ich mein Geld mit Putzen verdient – 40 Mark gab es dafür. Aber Arbeiten konnte ich nicht immer. Mein Sohn hatte Gelenkrheuma und saß mit elf Jahren im Rollstuhl. Sein Stiefvater kam damit nicht klar, hätte ihn am liebsten einfach in einer Ecke geparkt und seine Ruhe gehabt“, erinnert sie sich. Julia lauscht Frau Rieper aufmerksam. „Als Mutter packt man dann sein Kind und geht“, erzählt diese weiter. „Es hat mich viel Kraft gekostet. Aber ich habe ihn wieder aus dem Rollstuhl raus gekriegt.“

Projektleiterin Christine Worch weiß um die Schicksale vieler Betroffener: „Besonders Frauen sind von Altersarmut betroffen, weil sie zum Beispiel als Mutter ihr Berufsleben unterbrochen haben.“ Fehlt ihnen das Geld, um am sozialen Leben teilzunehmen, ziehen sie sich zurück und vereinsamen. Ähnlich geht es Frau Rieper: „Mein Sohn lebt inzwischen in Thailand, zu seinen Mädchen – meinen Enkeltöchtern – habe ich seit seiner Scheidung leider keinen Kontakt mehr.“ Im November 2013 starb zudem ihr Lebensgefährte, den sie dreizehn Jahre lang pflegte, nach langer Alzheimer-Erkrankung. „Für mich ist das immer noch sehr frisch“, sagt die 76-Jährige.

Mittlerweile sind Julia und Frau Rieper am S-Bahnhof angekommen. Das Geld für die Fahrkarte zahlen ebenfalls die Kulturisten Hoch 2. Zusätzlich erhält jede Schüler 10 Euro, um damit seine Begleitung auf ein Getränk einzuladen. Mit dem richtigen Ticket in der Tasche geht es für beide auf in Richtung Theater. In der Bahn spricht Julia mit Fr. Rieper über das Thema Engagement: „Es ist schön, sich für andere einzusetzen“, sagt die Seniorin. „Ich habe selbst sieben Jahre in der Kirchenküche gearbeitet und Essen an Obdachlose ausgegeben.“ Heute geht sie selbst regelmäßig zur Tafel.

Gemeinsam Kultur erleben

Seit dem Start im 2016 waren bis heute 165 Schüler-Senioren-Tandems kulturell unterwegs. Und während am Anfang viele Ältere eher skeptisch waren, ob das so ein junger Mensch überhaupt machen möchte, sind die Jugendlichen begeistert. „Die Schüler sind Feuer und Flamme“, sagt die engagierte Projektinitiatorin. „Wir fragen nach jeder Veranstaltung bei beiden Seiten nach wie der Abend war – ich habe nicht ein Mal etwas Negatives gehört!“

Das die Teams so gut funktionieren, liegt auch an den Workshops, die die Schüler auf ihr Ehrenamt vorbereiten. Dort lernen sie z.B. wie es ist sich mit einem Rollstuhl oder Rollator fortzubewegen. Zusätzlich zeigt sich, dass die Empathie und Fürsorge, die die Schüler den Senioren entgegen bringen, etwas bewegt: „Da haben uns die Schüler rückgemeldet: ‚Mit Frau XY stimmt etwas nicht. Können Sie sich mal kümmern?‘“, erzählt Christine Worch. „Und tatsächlich stellte sich heraus, dass sie eine beginnende Demenz hat. Da wir aber ein Projekt sind, das niemanden ausgrenzt, haben wir uns mit der Deutschen Alzheimergesellschaft zusammengetan und werden in Zukunft auch Workshops über das Thema Demenz anbieten.“

Ein Projekt mit Zukunft

Bevor das Theaterstück losgeht, trinken Julia und Frau Rieper noch im Café ein Getränk. So haben sie auch noch Zeit sich zu unterhalten und ihr Treffen vor einigen Wochen Revue passieren lassen: „Julia kam direkt nach der Schule bei mir vorbei“, erinnert sich Frau Rieper. „So konnten wir uns erst mal kennenlernen, damit wir nicht so ganz fremd ins Theater gehen. Sie hatte kein Mittag gehabt, und ich auch nicht. Also habe ich uns Apfelpfannkuchen gemacht. Die mochten meine Enkelinnen auch immer gerne.“ Sie schweigt kurz. Dann fügt sie an: „Ich hoffe, dass Julia vielleicht so etwas wie meine Ersatz-Enkelin werden kann…“ Sie schaut Julia an. Diese lächelt. „Ja, das fände ich auch sehr schön.“

Mehr Info über den Dialog der Generationen

Ob alt oder jung: In jeder Phase unseres Lebens können wir voneinander lernen. Damit die "Kulturisten Hoch2" bestehen können, fördert u.a. die Deutsche Fernsehlotterie solche Projekte und macht in ihrem Online-Magazin darauf aufmerksam. Weitere Informationen und Geschichten über ein generationsübergreifendes Miteinander, finden Sie hier