Wenn die Kids das Haus verlassen: Dos und Don‘ts für Eltern allein zu Haus

Umgang mit dem Flügge-Werden Endlich wieder viel Zeit für sich selbst

Irgendwann wird jedes Kind das Nest räumen. Für Eltern bedeutet die neue Situation häufig eine Herausforderung. Schließlich haben sie rund 20 Jahre damit zugebracht, ihre Kinder großzuziehen. Sie haben ihre ganze Kraft in den Nachwuchs investiert. Mit dem Auszug ändert sich von heute auf morgen das gesamte Leben. Dann gilt es, einiges neu zu organisieren…

Es wird mit der gleichen Gewissheit passieren wie der erste Herzschmerz, das erste Aufbegehren gegen die Eltern oder der erste Rausch: Irgendwann wird der Nachwuchs, dem wir gefühlt noch vor zwei, drei Jahren die Windeln gewechselt haben, das Elternhaus verlassen. Vielleicht macht er es ganz früh, weil er für eine Lehre umziehen muss, vielleicht etwas später fürs Studium und vielleicht bleibt er auch noch einige Jahre länger.

Viele Eltern leiden unter dem sogenannten „Empty Nest Syndrom“: Mütter fühlen sich nicht mehr gebraucht. Väter bereuen es, zu wenig Zeit für die Kinder gehabt zu haben. Die plötzliche Stille und Leere im Haus scheint unerträglich, der Abschied vom Nachwuchs ein Trauerprozess. Auch wenn es nicht leicht ist, am Ende steht das, was sich letztendlich jedes Elternteil wünscht: ein selbstständiger junger Erwachsener. Was Eltern tun und vor allem nicht tun sollten, will der folgende Artikel gleichberechtigt vermitteln. 

Do: Akzeptieren, dass es unvermeidlich ist

Das Loslassen beginnt bereits mit der Geburt des Kindes. Je älter der Sprössling, desto selbstständiger wird er. Und das ist gut so! 
In der Pubertät fliegen zwischen Teenagern und Eltern die Fetzen. Die täglichen Auseinandersetzungen drehen sich ums Aufräumen, das Erledigen der Hausaufgaben, zu laute Musik, Partys, Alkohol, Tattoos. Manch ein Elternteil sehnt den Tag des Auszugs angesichts dessen regelrecht herbei. Allerdings schützt auch das nicht vor dem „Empty Nest Syndrom“.

Wenn der Tag des Auszugs gekommen ist, sieht die Situation nämlich häufig anders aus: Inzwischen haben sich die Wogen geglättet und die Beziehung hat sich verbessert. Der Weggang des Kindes hinterlässt eine unerwartete Lücke. Plötzlich ist es ungewohnt still im Haus. Der gesamte Alltag muss neu organisiert werden. Bisher drehte sich alles um die Termine des Nachwuchses: Der tägliche Weg zum Kindergarten oder zur Schule, Arztbesuche, Fahrten zu Freunden und Freizeitaktivitäten, Elternabende und ganz alltägliche Rituale wie das gemeinsame Mittag- und Abendessen, Aufräumaktionen und das Bewältigen von Wäschebergen fallen von heute auf morgen plötzlich weg.

Aus dem anstrengenden Teenager ist eine junge Frau oder ein junger Mann geworden. Mit dem Ende der Schulzeit beginnt nicht nur für die Sprösslinge, sondern auch für die Eltern ein neuer Lebensabschnitt. Die Ausbildung oder das Studium finden häufig weit entfernt vom Elternhaus statt. Entweder, das Kind findet in einer Wohngemeinschaft eine neue Bleibe oder es sucht sich eine eigene Unterkunft.

Was sollen Eltern mit der neu gewonnenen Zeit anfangen? Plötzlich sind sie nicht mehr in erster Linie Vater und Mutter, sondern wieder ein Paar. Das stellt die Beziehung auf den Kopf. Vielfach müssen sich die Ehepartner einander neu annähern.
Was sich Eltern bewusstmachen sollten, ist, dass die Abnabelung des Kindes vom Elternhaus der normale Gang der Dinge ist. Wenn ein erwachsenes Kind Anstalten macht, das Nest zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen, haben sie alles richtiggemacht! Schließlich ist der selbstständige junge Mensch, der sein Leben in die Hand nimmt, das Ziel aller Erziehungsbemühungen. 

Don’t: Versuchen, es hinauszuzögern

Es ist keine gute Idee, den Auszug hinauszuzögern. Zum einen lässt sich nicht verhindern, dass das Kind erwachsen wird. Zum anderen brauchen gerade weniger selbstbewusste junge Erwachsene jetzt jemanden, der sie motiviert und an sie glaubt. Das kann auch ein Schubs in Richtung ausziehen sein! 

Eltern, die ihre unsicheren Kinder bremsen oder selbstbewussten Töchtern und Söhnen Steine in den Weg legen, zerstören ihr Selbstwertgefühl.

Der Abschied wird bestenfalls eine gewisse Zeit aufgeschoben. Aber: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die emotionale Trauerarbeit kommt trotzdem auf die Eltern zu. 

Do: Trauer zulassen

Für Mütter ist es meistens besonders schwer, wenn die Kinder das Nest verlassen. Zum einen sind sie in der Regel hauptsächlich für die Versorgung der Familie zuständig. Zum anderen fällt der Auszug der Kinder und damit der Wechsel von der aktiven zur passiven Mutterschaft häufig mit dem Beginn der Wechseljahre zusammen. 

Das bedeutet, Frauen müssen sich neu orientieren:

•    Ein Großteil der Hausarbeit fällt weg. Dadurch reduziert sich die zusätzliche Belastung nach der Arbeit.
•    Die Partnerschaft wird auf die Probe gestellt: Gibt es nach dem Auszug der Kinder noch genug Verbindendes? Oder driften die Eheleute auseinander?
•    Die aktive Mutterschaft fällt weg. Damit verliert die Frau einen Teil ihrer Rolle. Sie fühlt sich nicht mehr gebraucht.
•    Das Altern wird bewusster wahrgenommen.
•    Auf der Arbeit übernehmen jüngere Kollegen das Ruder.

Anders gesagt: Nicht ist mehr so, wie es mal war. Das gesamte Leben ist auf den Kopf gestellt.

Es ist vollkommen in Ordnung, den Schmerz darüber zuzulassen. Die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast vergleicht die Loslösung von den Kindern mit der Trauer um einen verstorbenen Menschen. Sie rät dazu, diesen Prozess bewusst zu durchleben. Schließlich ist das Loslassen ein Abschiednehmen

Während die Kinder den Sprung in die Freiheit in den meisten Fällen genießen, fühlen sich Mütter zurückgelassen. Väter quälen sich eher mit Selbstvorwürfen. Das gilt besonders für Workaholics, die wenig Zeit für den Nachwuchs hatten. Sie haben das Gefühl, das Aufwachsen ihres Nachwuchses verpasst zu haben. Erst wenn der Trauer Raum gegeben werde, sei eine Annäherung auf erwachsener Ebene möglich, so Verena Kast.

Do: Die Trauerphasen durchleben

Bei diesem Trauerprozess durchlaufen Mütter und Väter vier Phasen. Frauen, die mit Anfang bis Mitte 50 niedergeschlagen und depressiv sind, leiden nicht unbedingt unter einer klimakterischen Depression, wie oft diagnostiziert wird. Manchmal steckt die Schwierigkeit einer Mutter dahinter, sich mit der neuen Lebenssituation zu arrangieren. Schuld an der Niedergeschlagenheit ist das „Empty-Nest-Syndrom“: Die Kinder sind weg. Ihre bisherige Aufgabe ist beendet und sie fühlt sich nutzlos.

Was hilft: die vier Trauerphasen bewusst durchleben:

1.    Nicht-wahrhaben-Wollen: Eltern versuchen sich mit dem Gedanken zu trösten, dass die Kinder an den Wochenenden doch häufig zu Besuch kommen. Sie schieben den Gedanken an den Auszug und die Lebensveränderung von sich.
2.    Verärgerung: Auch eine gewisse Wut ist laut Psychotherapeutin Verena Kast normal. Schließlich haben die Eltern viel für ihre Kinder getan. Und diese verlassen „einfach so“ das Elternhaus und wenden sich womöglich einem neuen Lebenspartner zu.
3.    Suchen und Sich-Trennen: Eltern schwanken zwischen Nähe und Distanz zu ihren Kindern. Sie versuchen, einen guten Weg zu finden, dem Kind nahe zu sein, es aber auch sein eigenes Leben leben zu lassen.
4.    Neuer Selbst- und Weltbezug: In der vierten Trauerphase schließen Mutter und Vater Frieden mit der Situation. In dieser Zeit beginnen Eltern oft, eigene Projekte umzusetzen. Aus dem Kinderzimmer wird eventuell ein Hobbyraum oder ein Gästezimmer. Vielleicht gehen die Eltern gemeinsam auf Reisen oder fangen zusammen einen Sprachkurs an.

Don’t: Sofort umräumen

Kaum ist der Nachwuchs ausgezogen, wird umgeräumt? Keine gute Idee. Zum einen stößt das die Tochter oder den Sohn vor den Kopf. Auf sie wirkt es so, als hätten die Eltern es gar nicht abwarten können, sie endlich loszuwerden. Das kann der Eltern-Kind-Beziehung einen Knacks versetzen.

Zum anderen brauchen Mutter und Vater Zeit, um den Verlust des Kindes zu verwinden. Wer versucht, die ersten drei Trauerphasen zu überspringen, lässt in Wirklichkeit nicht los und leidet infolgedessen mehr, als nötig wäre. Besser ist es, sich mit dem Umräumen Zeit zu lassen. 

Do: Anlaufstelle sein und bleiben

Nur, weil die Tochter oder der Sohn das Elternhaus verlassen, heißt das nicht, dass die Eltern nicht mehr gefragt sind. Sie bleiben häufig erste Anlaufstation, falls das erwachsene Kind auf Probleme stößt. 

Das können finanzielle Sorgen sein. Aber auch Alltagsprobleme führen dazu, dass Kinder zum Telefon greifen und die Eltern kontaktieren: Wie geht der Rotweinfleck aus der Bluse? Auf wieviel Grad gehört das Hähnchen in den Backofen? Wie bekomme ich den Ausguss schonend wieder frei? Bei all diesen Dingen ist elterliche Expertise gefragt.

Bei Beziehungsproblemen zieht die Tochter häufig die Mutter ins Vertrauen. Schließlich kann sie von ihrer Lebenserfahrung profitieren. Soziale Medien machen es den Familienmitgliedern leicht, in Kontakt zu bleiben. Selbst wenn es die erwachsenen Kinder im Rahmen Ihres Studiums ins Ausland verschlägt: Eine WhatsApp-Nachricht, ein Facebook-Posting oder neue Fotos auf Instagram sorgen dafür, dass die Eltern weiterhin an allen Meilensteinen teilhaben.

Wenn dann der Nachwuchs an den Wochenenden vor der Tür steht, wird deutlich, dass die Abnabelung nicht nur auf einer Seite schwerfällt. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern bleibt bestehen. Sie entwickelt sich lediglich weiter und wird erwachsener.

Don’t: Familientraditionen absägen

Lieb gewonnene Familientraditionen werden vom Nachwuchs vermutlich gern beibehalten und an die eigenen Kinder weitervermittelt. Traditionen haben eine starke verbindende Kraft. Darum sollten Eltern nicht den Fehler machen, sie aufzugeben, nur, weil die Kinder aus dem Haus sind. Rituale geben ihnen Nestwärme. Sie halten die Erinnerungen an die Kindheit wach und lebendig. 

Do: Ein Sicherheitsnetz flechten

Junge Erwachsene sind nicht unbedingt sicherheitsbewusst. Beim Gedanken an ihren Auszug und die erste eigene Wohnung sehen sie in erster Linie ihre neuen Freiheiten:

•    sich einrichten können, wie sie möchten
•    aufräumen, wann und wie sie es richtig finden
•    keine elterlichen Regeln mehr befolgen müssen

Eltern denken vor allem an Verbindlichkeiten, Pflichten und Verantwortung:

•    regelmäßig Miete und Nebenkosten zahlen
•    Versicherungen (Haftpflicht, Hausrat, Berufsunfähigkeit, Lebensversicherung) abschließen
•    die Uni oder die Ausbildung mit guten Noten beenden
•    einen gut bezahlten, sicheren Job finden
•    Verschuldung vermeiden

Es kann immer etwas schiefgehen. Womöglich übernimmt sich der Nachwuchs finanziell und steht dann mit Geldsorgen im Elternhaus und bittet um Unterstützung. Hier tun Eltern gut daran, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein, vielleicht mit einem Not-Konto und einem Sicherheitsnetz, das greift, wenn es wirklich nötig ist. Die erwachsenen Kinder sollten wissen, dass ihre Eltern für sie immer eine Anlaufstation bleiben. Das gibt Ihnen Sicherheit.

Gegebenenfalls kann auch eine berufliche Absicherung für später zunächst noch von den Eltern übernommen werden. Hier werden die Risiken häufig unterschätzt und gerade während der Ausbildung ist beim Nachwuchs der finanzielle Rahmen noch knapp. Bei bestimmten Versicherungen wie etwa gegen Berufsunfähigkeit macht jedoch ein früher Abschluss Sinn. Es gibt meist keine Probleme mit der Gesundheitsprüfung und durch den frühen Beginn sind die regelmäßigen Beiträge niedrig angesetzt. Stehen die Kinder finanziell auf eigenen Beinen, können sie diese mit den günstigen Konditionen selbst übernehmen. 

Don’t: Zur Klammer-Mama werden

Wer wie eine Glucke jeden Schritt des erwachsenen Nachwuchses überwacht und sich in alles einmischt, tut weder sich noch dem Kind einen Gefallen. Dauernde Anrufe, ständige WhatsApp-Nachrichten, SMS und Mails nerven und hinterlassen auf Seiten des erwachsenen Sohnes oder der erwachsenen Tochter ein ungutes Gefühl. Wenn Mütter sich so verhalten, zeigen sie damit, dass sie ihren erwachsenen Kindern nicht vertrauen. Ja, ihnen vielleicht sogar nichts zutrauen. Das ist nicht angenehm.

Möglicherweise erkennen Mütter gar nicht, wie einengend und fordernd sie sind. Erwachsene Kinder sollten behutsam Raum für sich beanspruchen und deutlich machen, dass sie ihr eigenes Leben leben.

Vielleicht haben klammernde Mütter auch Schwierigkeiten mit dem charakteristischen Wechsel aus der Nähe und Distanz: Bei Liebeskummer ist die Tochter möglicherweise ständig in regem Kontakt mit der Mutter – sofern ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zwischen ihnen besteht. Falls in der Liebe alles gut läuft, herrscht vielleicht eine Zeitlang Funkstille. 

Es gibt junge Menschen, die sich nur dann bei ihren Eltern melden, wenn sie Hilfe brauchen. Das kann Geld, ein Rat oder praktische Unterstützung sein. Andere machen das Gegenteil: Sie melden sich nur, wenn es ihnen richtig gut geht. Probleme lösen sie am liebsten selbst. In der Regel wissen Eltern einzuschätzen, wie ihre Sprösslinge ticken. 

In jedem Fall gilt: Weniger ist mehr. Es genügt, dem Kind zu vermitteln, dass die Eltern bei Schwierigkeiten zur Stelle sind.

Do: Die neugewonnene Freiheit genießen

Es mag ein bisschen dauern, aber irgendwann wird den meisten Eltern bewusst, dass sie deutlich mehr Zeit und Freiheit haben als früher. Schließlich bestimmen nicht mehr Schul- und Semesterferien oder die Termine des Sprösslings den Tagesablauf. Es muss nicht länger das Frühstück pünktlich auf dem Tisch stehen. Es gibt keine Wäscheberge mehr in der Waschküche und auch das Hinterherräumen fällt weg.

Ab sofort haben Mutter und Vater die Möglichkeit, ihren Tag so zu gestalten, wie sie mögen. Anfangs überschattet vermutlich die Trauer über den Auszug alles. Es dauert, bis Eltern ihre neue Freiheit wahrnehmen und nutzen.

Don’t: Sich weiterhin nach dem Kind richten

Manche Eltern behalten wie in der Kurzgeschichte „Die Tochter“ von Peter Bichsel die eingefahrenen Gewohnheiten bei: Tochter Monika ist erwachsen, arbeitet in der Stadt und lebt ihr eigenes Leben. Ihre Eltern haben Mühe, mit der neuen Situation zurechtzukommen. Die Signale der Tochter, die ihnen aus ihrem neuen Leben nichts erzählen möchte, verstehen sie nicht. Statt endlich loszulassen und sich wieder aufeinander zu konzentrieren, richten sich die Eltern weiter nach dem Kind. Sie warten lieber untätig am gedeckten Abendbrottisch, bis Monika mit dem Zug ankommt. Ihr einziges Gesprächsthema: die Tochter.

Paare sollten es am besten gar nicht erst soweit kommen lassen. Es hilft, sich innerlich darauf einzustellen, dass es zwar lange dauert, Kinder großzuziehen. Dass aber nach rund zwei Jahrzehnten ein Ende in Sicht ist. Damit sich Frau und Mann auch danach noch etwas zu sagen haben, ist es sinnvoll, von Anfang an regelmäßig exklusive Zeit als Paar zu verbringen.

Do: Mit Papa alte Zeiten auferstehen lassen

Nichts hält Erinnerungen lebendiger als Anekdoten. Es macht Spaß, sich witzige Momente aus der Vergangenheit wieder ins Gedächtnis zu rufen, gemeinsam an besondere Momente aus der Kindheit zu denken und zu lachen.

Was ebenfalls verbindend ist: Dinge gemeinsam tun. Der Vater zeigt der Tochter, wie sie Steckdosen montieren muss oder hilft dem Sohn beim Reifenwechsel. Vielleicht arbeiten alle auch gemeinsam in der Küche und zaubern ein Familienessen, um die alten Zeiten wieder lebendig zu machen. Sogar alte Filme können die vertraute Atmosphäre von damals zurückholen – wenn man sie zum Gesprächsanlass nimmt. Es reicht nicht, am Kaffeetisch zu sitzen und sich nach einer Stunde wieder zu verabschieden, wenn Väter und Kinder in Kontakt bleiben wollen.

Aktivtäten schweißen zusammen.

Don’t: Vergessen, dass man Mutter ist

Selbst wenn die Kinder nicht mehr zu Hause wohnen: Eine Mutter bleibt eine Mutter. Die Beziehung zu erwachsenen Kindern verändert sich. Sie wird partnerschaftlicher und im Idealfall gleichberechtigter. Trotzdem wäre es nicht richtig, von einer Freundschaft zu sprechen. Freundinnen hat das Kind in der Regel mehr als genug. Aber es hat nur eine einzige Mutter. Und die ist weiterhin gefragt, selbst wenn sie diese Rolle überwiegend passiv ausübt.

Hilfe, Unterstützung, unkompliziertes Verständnis: Mütter kennen ihre Kinder. Mit den Jahren werden sie selbstbestimmter. Trotzdem dürfte es kaum einen Menschen geben, der den Sohn oder die Tochter so gut und tiefgreifend kennt. 

Die Mutter ist möglicherweise besonders gefragt, wenn sich Nachwuchs bei den Kindern einstellt. Schließlich hat sie all das, was jetzt auf die jungen Eltern zukommt, selbst erlebt. Sie kann die Schwierigkeiten nachvollziehen, mit Rat und Tat zur Seite stehen und gelegentlich als Babysitter einspringen. Vorausgesetzt, die räumliche Entfernung lässt das zu. 

Do: Um grünes Licht beim Umbau bitten

Warum nicht das erwachsene Kind offen in die Umbau-Pläne einbeziehen? Es zeigt der Tochter beziehungsweise dem Sohn, dass sich Mutter und Vater inzwischen mit der Situation abgefunden haben. Gleichzeitig nehmen die erwachsenen Kinder wahr, dass das Leben ihrer Eltern weitergeht. Auch für sie ist es ein Lernprozess: Sie erleben, dass die Eltern sich entwickeln, verändern und dass sie eben nicht mehr an allem teilhaben – außer, sie bemühen sich aktiv darum.

Wenn der Sohn oder die Tochter von dem Umbau wissen, verletzt es auch weniger, das alte Kinderzimmer beim nächste Besuch in ein Musikzimmer, Gästezimmer oder eine Sauna verwandelt zu sehen.

Don’t: Hinterherreisen

Familienforscher Hans Bertram findet es vollkommen normal, dass Eltern ihren erwachsenen Kindern hinterherreisen. Jedenfalls, wenn sich diese eine Existenz in einem anderen Land aufbauen, dort eine Familie gründen und nicht mehr einfach so nach Deutschland fliegen können. Das ist vollkommen in Ordnung. Schließlich möchten die Großeltern ihre Enkelkinder sehen. 

Räumliche Distanz erschwert alltägliche Kontakte zwischen den Familienmitgliedern: Einfach mal als Babysitter einspringen, ist für die Mutter nicht möglich. Ebenso wenig kann Papa seinen Sprössling beim Renovieren unterstützen. Nichts spricht dagegen, wenn die Eltern ihren Jahresurlaub in der Wahlheimat ihrer erwachsenen Kinder verbringen. 

Damit zeigen Sie, dass sie die Entscheidung des Nachwuchses akzeptieren und Lösungen finden, um weiterhin in Kontakt zu bleiben.
Anders sieht es aus, wenn Eltern ihren möglicherweise hochmobilen Kindern überallhin folgen:

•    Der Sprössling macht eine Weltreise. Am Flughafen stehen die Eltern inkognito hinter ihm. 
•    Die Tochter tourt mit ihrer Band durch Deutschland. In der ersten Reihe jubeln stets Mama und Papa als größte Fans. 
•    Um die beruflichen Chancen zu verbessern, wechselt der Nachwuchs mehrfach die Uni und studiert ein oder zwei Semester im Ausland. Zum Renovieren des neuen WG-Zimmers stehen Mutter und Vater jedes Mal schon mit dem Tapeziertisch parat.

Diese Art der Kontrolle sollten Eltern tunlichst unterlassen.

Do: Auch das Kind sein Leben leben lassen

Zum Loslassen gehört es, dem Kind sein eigenes Leben – und seine Fehler – zu lassen. Junge Menschen treffen falsche Entscheidungen. Sie vertrauen zu schnell. Sie durchdenken Dinge nicht bis zum Schluss. Sie handelt aus dem Bauch heraus. So sehr die Eltern es auch möchten: Sie können ihre Tochter oder ihren Sohn nicht vor allem beschützen. Gewisse Erfahrungen müssen sie selbst machen. Das gehört zum Leben dazu. Selbst wenn sich die Eltern weiterhin verantwortlich fühlen, sollten sie einsehen, dass ihr Einfluss auf das Leben des Nachwuchses immer geringer wird. Auch das ist normal und richtig so.

Dementsprechend sind gut gemeinte Ratschläge nicht unbedingt gern gesehen. Schon gar nicht, wenn sie ungefragt erfolgen. Das empfinden erwachsene Kinder vermutlich als Einmischung. 

Don’t: Jüngere Geschwister erdrücken

Nachdem die Eltern einmal erlebt haben, wie es ist, wenn ein Kind auszieht, konzentrieren sie sich oft verstärkt auf die jüngeren Geschwister. Hier lauert die nächste Gefahr: Es ist keine gute Idee, jüngere Kinder durch ständige Aufmerksamkeit zu erdrücken.
Hier gilt: Lieber aus den Erfahrungen mit dem ältesten Kind lernen und schauen, was das Kind braucht. Bei einem selbstbewussten jungen Erwachsenen sollten die Zügel lockergelassen werden. Schüchterne, weniger selbstbewusste Töchter und Söhne brauchen möglicherweise elterliche Ermutigung, damit sie den Sprung in die Selbstständigkeit schaffen. 

Eltern kennen ihre Kinder so gut wie niemand sonst. Mit Fingerspitzengefühl, Vertrauen und Liebe lässt sich diese Übergangszeit am besten bewältigen.

Fazit

Ja, das „Empty Nest Syndrom“ gibt es wirklich. Und es kann auch Eltern, die sich vielleicht schon klammheimlich auf den Aufzug des Nachwuchses freuen, treffen – vielleicht sogar besonders stark. Die wichtigste Regel ist es, die Unabwendbarkeit dieses Weggangs zu akzeptieren. Ohne ihn würde das eigene Kind niemals zu einem selbstständigen Erwachsenen. Damit im Hinterkopf läuft der Rest zwar nicht von selbst, aber doch um einiges leichter. 

Erwachsene Kinder, die ausziehen und ihr Leben selbstbewusst mit Zuversicht und Freude auf die Zukunft in die eigenen Hände nehmen, zeigen: Die Eltern haben ihre Sache gut gemacht! 

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