Wertesystem: Was sollte man seinen Kindern wirklich vermitteln?

Diese Werte sind zeitlos

Egoist oder Altruist? Meist eine Frage der Erziehung. Wer das Tagesgeschehen verfolgt, kommt nicht umhin, immer wieder das Wort „Werteverfall“ oder zumindest „Wertewandel“ zu hören und zu lesen. Unsere Welt ist schnelllebig geworden, stabile Werte, so scheint es, werden immer weniger. Dennoch gibt es Dinge, die zeitlos sind und deshalb bei allem gesellschaftlichen Wandel immer gültig sein werden – und wir zeigen sie jetzt, denn es ist unterschiedslos im Sinne aller Eltern, sie bei der Erziehung des Nachwuchses zu vermitteln.
 

1. Realismus und Pragmatismus

Kein Mensch ist mehr oder weniger wert. Und gerade unsere heutige Zeit sieht sehr viele gute Denkansätze und Wandlungsprozesse, die dafür sorgen, dass die Gleichwertigkeit aller Menschen in den Köpfen verankert wird. 

Allerdings sollten wir dabei eines nicht vergessen: Jeder Mensch hat trotz aller Gleichwertigkeit seine Stärken und Schwächen. Das eine Kind ist vielleicht brillant in Mathematik, aber ein schlechter Leser. Das andere lernt Fremdsprachen fast wie im Schlaf, hat aber mit Naturwissenschaften arge Probleme. 

An diesem Punkt ist Wertevermittlung durchaus eine Gratwanderung: Natürlich muss man einem Kind vermitteln, dass es mit genügend Anstrengung und Selbstvertrauen auch enorm hochgesteckte Ziele erreichen kann. 

Falsch wäre es jedoch, ihm zu vermitteln, dass es buchstäblich „alles“ erreichen könne, auch wenn es trotz größter Anstrengungen nicht die Grundlagen hat. Ein Kind etwa, das trotz umfangreicher Nachhilfe in Mathe und Physik niemals über ein wackliges „Befriedigend“ hinauskommt, wird mit höchster Wahrscheinlichkeit kein Elektroingenieur oder Pilot, selbst wenn es das noch so sehr möchte. 

Das soll kein Aufruf sein, kindliche Träume zu zerstören. Viel mehr, zu vermitteln, dass die Welt niemals vollkommen gerecht sein wird und sei es nur deshalb, weil es dem Einzelnen an Talenten mangelt, mit denen andere gesegnet sind. Realismus ist nichts Negatives. Es ist viel mehr ein Schutzmechanismus gegen Enttäuschungen. 

Pragmatismus lehnt sich direkt daran an. Er bedeutet, das, was einem die realistische Denkweise diktiert, in eine ebenso realitätsbezogene, eben pragmatische, Handlungsweise umzuwandeln. 

Ein pragmatischer Realist sieht die Dinge zwar immer positiv, weiß aber, dass in der Realität manches dem Einzelnen unmöglich ist. Weil er pragmatisch ist, passt er sich dann an, statt enttäuscht zu sein. 


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Wir alle haben Stärken und Schwächen. Vieles von letzterem kann man durch harte Arbeit überwinden. Aber nicht jeder kann alles erreichen. 

2. Kritische Zukunftsverantwortung

Die heutige Kinder- und Jugendgeneration ist für viele die mit Abstand politischste, die dieses Land seit den ausgehenden Sechzigerjahren gesehen hat. Und das ist gut so! Denn was wir derzeit bei Fridays for Future sehen, ist ganz pragmatisch eine Generation, die verstanden hat, dass sie in einer Zukunft leben muss, die derzeit hauptsächlich von Menschen gestaltet wird, die diese Zukunft aufgrund ihres Alters höchstwahrscheinlich gar nicht mehr erleben. 

Dass die Kids darüber sauer sind und auf die Straße gehen, um just diese Erwachsenengeneration dazu zu bewegen, mehr im Sinne der Jüngeren zu agieren, ist mehr als verständlich. Und genau hier muss auch Erziehung eines heute noch kleinen Kindes ansetzen. 

•    Man kann bei Zukunftsproblemen (nicht nur dem Klimawandel!) niemals etwas erreichen, indem man nach dem Motto „aber die anderen sind viel schlimmer“ agiert. Jeder trägt seinen Teil dazu bei – positiv wie negativ.

•    Kritisches Denken muss angewendet werden. Es gibt vieles, was unsere Zukunft besser machen kann, vor allem im technischen Bereich. Ebenso hat vieles, teils auch dieselben Technologien, auch das Potenzial zum Negativen. Nur wer kritisch denkt und pragmatisch handelt, behält die Kontrolle, wie die Zukunft gestaltet wird, denn er sieht beide Seiten der Medaille.

•    Nach wie vor geht nicht nur im Grundgesetz „alle Macht vom Volke“ aus. Jeder, der hier lebt, kann sich einbringen und aktiv die Zukunft verbessern. 

Vor allem der letzte Punkt ist auch eine wichtige Überleitung, denn am nächsten Kapitel mangelt es derzeit häufig.

Ein Mensch mit kritischer Zukunftsverantwortung weiß, dass jeder in seinem Verhalten in positiver wie negativer Weise die Zukunft beeinflussen kann. Aber er versteht auch, dass nicht alles, was als positiv verkauft wird, ausschließlich positiv ist. 

3. Obrigkeitskritische Eigenverantwortung

Wenn wir als Eltern heute etwas von autoritärer Erziehung lesen, schütteln wir oft mit dem Kopf. Denn es ist hinreichend bekannt, dass diese Erziehungsform vor allem unselbstständige Menschen produziert

Gleichsam neigen jedoch aktuell viele aus der Erwachsenengeneration dazu, sich immer mehr „von oben“, also dem Staat, diktieren zu lassen. Steuererhöhungen, Ver- und Gebote werden immer seltener wirklich kritisch hinterfragt. Dabei handelt es sich dabei ebenfalls um eine Art autoritäre Erziehung, bloß eben im größeren Maßstab. 

Was man Kindern deshalb vermitteln sollte, ist, dass „die Regierung“ oder „der Staat“ nicht die Antwort auf alle Probleme sein kann. Je mehr Gesetze und Regularien es gibt, je mehr Steuern man zahlen wird, desto unfreier wird man als Einzelner – und dass Steuergelder oft sehr freigiebig ausgegeben werden, kommt noch hinzu. 

Zu großes Staatsvertrauen produziert Eigenverantwortungslosigkeit. Der Staat kann nicht immer überall helfen, nicht immer rechtzeitig da sein, nicht immer Leitlinien vorgeben. 

Ein Kind zu einem verantwortungsvollen Menschen zu erziehen (was bei den meisten Eltern ganz oben auf der Agenda steht) muss automatisch auch bedeuten, ihm zu vermitteln, dass Freiheit nicht nur bedeutet, die Freiheit zu haben, alles zu tun, sondern auch eigenverantwortlich benötigt, sich im Zweifelsfall selbst zu bremsen. Wie gesagt, nicht für alles kann und sollte es ein Gesetz geben.  

Übrigens: Eine gute Grundlage dieser „Hilf-dir-selbst“-Mentalität ist es, schon von klein auf mit seinem Kind DIY zu betreiben

Staatskritische Eigenverantwortung bedeutet, nicht als Automatismus immer Hilfe vom Staat zu erwarten und Verantwortung an diesen zu übertragen; sich im Zweifelsfall selbst zu helfen und grundsätzlich kritisch gegenüber der „Kontrolle von oben“ zu sein. 


Vater Staat kann nicht für alles Anlaufstelle sein. Ein wichtiger Wert ist, dass ein freier Mensch auch automatisch eigene Verantwortung zeigt – und notfalls selbst zugreift. 
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4. Ehrliche Fehlerkultur sich selbst und anderen gegenüber

Lügen haben kurze Beine. Dieser bekannte Spruch mag altbacken wirken, ist aber tatsächlich zeitlos. Allerdings müssen wir in unseren Köpfen den Begriff Ehrlichkeit oft ein gutes Stück erweitern. Denn Ehrlichkeit als „Abwesenheit von Lügen“ ist nur ein Teilaspekt, besonders wenn wir uns auf Fehler fokussieren, wie sie jedem passieren können. 

In diesem Sinne bedeutet Ehrlichkeit viel mehr, dass man die Fähigkeit besitzt, eine Situation nüchtern anzuerkennen und zuzugeben. Ein Kind muss lernen, dass nicht der Fehler an sich schlimm ist, sondern:

•    Der Versuch, ihn zu vertuschen.
•    Der Versuch, die eigene Teilhabe daran kleinzureden.
•    Der Versuch, die Verantwortung dafür anderen in die Schuhe zu schieben.

Der zweite Aspekt ist allerdings auch eine Fleißaufgabe für viele Eltern: Denn Ehrlichkeit bedeutet auch, dass man Fehler von anderen anerkennt, sie jedoch nicht aus persönlicher Zu- oder Abneigung aufbauscht oder kleinredet. Und wenn ein Fehler korrigiert wurde, sollte er vom Tisch sein. 

Hier besteht die Fleißaufgabe für Eltern auch darin, einem Kind Fehler nie vorzuhalten, ganz besonders nicht, wenn es diese freiwillig zugegeben hat. Andernfalls bekommt es den Eindruck, dass Ehrlichkeit nur dazu führt, dass man immer wieder mit seinem Fehler konfrontiert wird – das kann einen fatalen Rückkopplungseffekt auslösen, der sich bis ins Erwachsenenleben durchschleift. 

Eine ehrliche Fehlerkultur bedeutet, sich einzugestehen, dass Fehler passieren können, egal wie sehr man sie zu vermeiden sucht. Es bedeutet aber auch, dass man deshalb Fehler zugibt und sie niemandem nachträgt.

5. Mutige Hilfsbereitschaft 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Auch dieser Spruch hat einen hohen Bekanntheitsgrad. Und wenn ein Kind davon etwas mitnehmen sollte, dann, dass Wegsehen kein Problem verschwinden lässt. Egal ob es Mobbing auf dem Schulhof ist, Ungerechtigkeit oder körperliche Unzulänglichkeiten. 

Abermals begegnet uns hier der Pragmatismus: Er bedeutet, wenn man Probleme sieht, schnell und unbürokratisch selbst zu helfen, statt auf andere zu vertrauen. Das kann Zivilcourage bedeuten, aber auch der notwendige Respekt der alten Dame von gegenüber die Einkaufstaschen hochzutragen, auch wenn man sie vielleicht kaum kennt. 

Mutige Hilfsbereitschaft bedeutet, direkt und unbürokratisch zu helfen, wenn man ein Problem sieht, statt die Augen zu verschließen und weiterzugehen. 


Unterschiedlichkeit ist eine Tatsache – und unsere Stärke. Alle Menschen, ihre Meinungen und Herangehensweisen sind gleichberechtigt. Der vielleicht wichtigste Wert überhaupt. 
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6. Gerechte Toleranz

Jeder Mensch ist anders. Und gerade Kinder müssen von Anfang an lernen, dass dies nichts Negatives ist, sondern eine schlichte Tatsache. Allerdings muss zu dieser Erkenntnis unbedingt auch hinzukommen, dass man diese Tatsache wirklich akzeptiert. 

Dadurch, dass jeder Mensch anders ist, wird man im Leben automatisch immer wieder auf andere Meinungen, Ansichten, Lebensweisen und Herangehensweisen treffen. Und naturgemäß wird einem manches davon nicht zusagen, weil man es selbst ebenfalls einfach anders macht bzw. gewohnt ist. 

Hier besteht ein enorm wichtiger Wert darin, einem Kind zu vermitteln, dass alles davon gleichwertig ist und man es auch akzeptieren muss, wenn man es selbst nicht gut findet.

Gerechte Toleranz ist die Umsetzung eines „Leben und leben lassen“. Wir alle sind unterschiedlich und gerade das ist eine Stärke, die man nicht durch Gleichmacherei überdecken sollte. 

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