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Entdecke die Vielfalt männlicher Lust!

Männer wollen immer das Eine? Von wegen...

Neulich habe ich einen Artikel darüber gelesen, wie frei und egozentrisch Männer ihre Sexualität ausleben würden. Und dass Frauen dies doch auch einmal genau so machen sollten, so sie denn Singles sind oder in einer offenen Beziehung leben. Sich einfach nicht darum zu kümmern, wie der Mann heißt, mit dem sie im Bett landen. Keine Erwartungen, keine Versprechen, kein gemeinsames Frühstück, kein schlechtes Gewissen, ohne Gefühle, ohne stundenlanges Vorspiel, ohne Hemmungen, sich betrinken und sich nach dem Höhepunkt umdrehen und einschlafen.

Na klar kann auch eine Frau auf diese Weise ihre Sexualität ausleben, wenn ihr der Sinn danach steht. Und na klar gibt es Männer, bei denen One Night Stands genau so ablaufen. Aber so ein ONS steht ja gerade auch für bedingungslosen Sex. Wer sich darauf einlässt, sollte nicht das ganz große Gefühlskino erwarten. Schon gar nicht, wenn man nach einer durchzechten Nacht in der Kiste landet. Vor allem ist jeder für sich selbst verantwortlich. Wer also etwas haben will, sollte sich das auch holen und nicht darauf warten, dass der andere es schon geben wird. DAS ist es, was Frauen lernen müssen. Raus aus der Opferrolle. Bleibt die Frage: Sind Männer wirklich so rücksichtslose Triebbefriediger? Ist männliche Sexualität dermaßen eingeschränkt?

Lustvoll Mann sein

Es gibt Untersuchungen, die zu belegen scheinen, dass Männer in puncto Sex einfacher gestrickt seien als Frauen. Nur, woher kommt das? Menschen sind soziale Wesen und als solche lernen wir von unseren Eltern, unserer Peergroup und der Gesellschaft, in der wir aufwachsen. Es nur auf die Gene zu schieben, wäre also zu einfach. Aber mit welchem Bild von männlicher Sexualität wachsen wir denn auf? Immer können, immer Lust haben und das Ganze im Duracellhäschen-Modus. Männer werden beruflich wie privat auf Leistung getrimmt und weniger darauf, sich selbst zu spüren. Da brauchen wir nur einmal einen Blick in die gängige Pornografie zu werfen. Alles reduziert sich auf den erigierten Penis. Der Orgasmus steht als Ziel an oberster Stelle. Er ist der krönende Abschluss des Ganzen, ohne ihn scheint etwas zu fehlen. Auch und vor allem im wahren Leben.

Frauen werden dabei gern als Opfer männlicher Lust dargestellt und nicht als Menschen, die für ihre eigenen Lust verantwortlich sind. Anstatt für ihre Bedürfnisse einzustehen, werden sie wie im Beispiel oben dazu angehalten, ganz genauso zu agieren, nämlich rücksichtslos. Männern wird damit wieder gespiegelt, wie defizitär sie zu sein scheinen. Sie verinnerlichen dieses Bild und beschneiden sich damit selbst. Dabei ist männliche Sexualität genauso vielfältig, emotional oder unsicher wie die weibliche. Männer müssen dies nur entdecken und zulassen.

Genau über diesen Entdeckungsweg haben Saleem Matthias Riek und Rainer Salm ein Buch geschrieben. In diesem Buch finden wir das Gegenteil von der oben beschriebenen eingeschränkten Männersexualität. Für „Lustvoll Mann sein. Expeditionen ins Reich männlicher Sexualität“ wurden fünfzehn Männer interviewt. Und zwar Männer, die sich bereits auf ihre eigene erotische Reise begeben haben. Es ist spannend und beeindruckend, was sie von sich preisgeben. Vor allem wird deutlich, wie verletzlich Männer sind. „Um dann wirklich loslassen und mit ihr eins werden zu können, muss mir eine Frau Raum geben“ sagt einer der Befragten. „Einen himmlischen Orgasmus habe ich noch nie getrennt von intensiver Verbindung erlebt. Ich verspreche mir auch nicht besonders viel vom Sex außerhalb einer intensiven Beziehung. Ich habe da zwar durchaus Lust darauf und Spaß dabei. Aber richtige Tiefe braucht seine Zeit und damit auch eine längere Beziehung.“ Je weiter die sich Männer vorwagen, desto mehr gerät der Orgasmus aus dem Fokus. Berührungen, das Sich-Öffnen, in Kontakt zu treten, Unsicherheiten aushalten und sich einfühlen werden immer wichtiger. Sie entdecken Sexualität in einer ganz neuen Dimension. Ein Fazit ist, dass auch Männer sich als sexuelle Wesen willkommen fühlen möchten. Stattdessen stoßen sie immer wieder auf abfällige Bemerkungen und schämen sich für ihre eigenen Bedürfnisse.

Der Blick über den sexuellen Tellerrand

Männer verhalten sich also überhaupt nicht immer rücksichtslos und egoistisch. Letztendlich werden mit solchen Aussagen nur die üblichen Vorurteile geschürt. Hier müsste die Männerwelt aufschreien! Nur sind wir an solche Bemerkungen gewöhnt, so dass wir fast nicht mehr darüber stolpern. „Jaja, stimmt genau, das habe ich auch schon so erlebt.“ Kann ja sein. Aber welchen Anteil hatten wir dann selber daran? Haben wir es zugelassen? Haben wir einfach noch nicht über den sexuellen Tellerrand geschaut? Wir alle sind in der Lage uns weiterzuentwickeln. Frauen wie auch Männer. Wir können uns damit beschäftigen, was wir für männlich oder weiblich erachten. Und das bedeutet sicherlich für jeden etwas anderes. Aber statt immer nur auf Leistung zu pochen, ist es an der Zeit, unsere eigene Sinnlichkeit zu entdecken und achtsam mit uns umzugehen. Und dem oder der anderen ebenfalls den Raum zu geben, den er oder sie zur Entfaltung braucht.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION