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Körper oder Persönlichkeit? Worauf kommt es wirklich an?

18. Juli 2016

Wer mich kennt, weiß, dass ich immer und überall in kürzester Zeit auf mein Lieblingsthema komme. Zumindest wenn ich das will - und das ist meistens der Fall. Jaja, ich kann sie schon sehen, meine lieben Freunde, wenn sie dies hier lesen. Denn sie kennen mich und meine offene Art, mit dem Thema Sexualität umzugehen und Leute in Gespräche zu verwickeln. Oft regen mich die Themen auch später noch zum Nachdenken an und bieten den Anlass für einen Artikel. So wie jetzt gerade.

Neulich Abend kam ich also bei einem Drink in meiner Lieblingsbar mit einer Frau ins Gespräch. Die Dame, attraktiv, sehr schlank, gepflegt und im reiferen Alter legte offensichtlich sehr viel Wert auf ihre äußere Erscheinung. Wir tauschten ein paar Komplimente hin und her und schwupps waren wir beim Thema. Attraktivität und weibliche Reize. Und dann sagte sie etwas, das mich sehr betroffen machte. Männer träumten in ihren sexuellen Fantasien nur von Hollywood-Schönheiten und schalteten zu Hause beim Sex das Licht aus, um die Falten und Unzulänglichkeiten der Körper ihrer Frauen nicht sehen zu müssen. Was mich daran so berührte war die Art, wie sie das sagte, resigniert, so, als wäre das eine unabänderliche Tatsache. Und ich konnte sie auch nicht davon überzeugen, dass so viele Männer ihre Frauen lieben, wie sie sind. Und dass auch sie so geliebt werden kann, wie sie ist. Zu tief verwurzelt war ihre Verletzung durch die Erfahrungen, die sie gemacht hatte.

Ein schöner Körper allein reicht nicht aus

Ganz ehrlich, ein schöner Körper ist sicherlich kein Fehler und schon gar kein Ausschluss-Kriterium. Aber ist das wirklich alles, worum es beim Sex und in der Liebe geht? Neiiin! Neiiiiiin! Neiiiiiiiin! Sicher, die Medien sind voll von vermeintlich perfekten Körpern und dabei wissen wir alle, dass man mit Photoshop wahre Wunder bewirken kann. Ganz sicher ist es auch kein Verbrechen, sich beim Solosex Scarlett Johansson oder Bastian Schweinsteiger in hemmungsloser Leidenschaft vorzustellen. Ebenso gehören sexuelle Fantasien während des Liebesspiels mit dem Partner dazu. Wen und was man sich dabei vorstellt und ob man dies mit dem Partner teilt oder nicht, bleibt dabei jedem selbst überlassen.

Geht es tatsächlich nur um das schnelle sexuelle Erlebnis, ist der Mensch, mit dem wir Sex haben, als Persönlichkeit gar nicht so wichtig. In diesem Fall zählt die körperliche Attraktivität ungleich mehr als die Persönlichkeit. Denn es ist das Einzige, was wir von dem anderen Menschen überhaupt wahrnehmen. Und wenn wir mit einem Menschen zusammen sind, den wir eigentlich gar nicht wirklich lieben, aber aus unterschiedlichen Gründen in der Beziehung verharren, ist es fast unmöglich, Unzulänglichkeiten, seien sie körperlicher oder persönlicher Natur, zu akzeptieren und zu lieben. Genau das führt meistens dazu, den anderen abzuwerten und unter Umständen sogar das Licht im Schlafzimmer zu löschen, um den anderen nicht ansehen zu müssen. Wer sich in einer solchen Situation befindet, sollte sich weniger Gedanken um die Figur als vielmehr um die Probleme in der Beziehung machen und sich fragen, woher diese Abwertung kommt und ob sich daran arbeiten lässt.

Wenn wir uns hingegen wirklich in einen Menschen verlieben und ihn mit seinen Stärken, Schwächen, Vorlieben, Eigenarten, Ecken und Kanten akzeptieren und respektieren und als eigenständige Person wertschätzen, dann verbindet uns mehr als Lust. Dann geht es um Intimität und Vertrauen. Der Körper wird zu einem Teil dieser Person und dieser intimen Beziehung. Dann brauchen wir keinen Astralkörper. Und auch die Veränderungen, die das Älterwerden oder Schwangerschaften mit sich bringen, werden in diese Liebe integriert.

Eine positive Ausstrahlung macht attraktiv

Das hört sich logisch an und vielleicht nickt Ihr jetzt mit dem Kopf und denkt, ja, genau, sie hat Recht, das sehe ich auch so. Aber es hilft nichts, so viele Frauen und auch Männer haben trotzdem eine ganz klare Vorstellung davon, was sie als einziges attraktiv erscheinen lässt – nämlich ein perfekter Körper. Da wird trainiert, getuscht, geschnippelt, diätet und bei alldem fast vergessen, was noch in jedem von uns steckt: Ein wunderbarer Mensch mit Ecken und Kanten, der es verdient, um seiner selbst willen geliebt zu werden. Deswegen sage ich, sucht einmal weniger im Spiegel nach Fehlern. Schaut auf Eure Stärken, fragt Eure Familien, Eure Partner, Eure Freunde, Eure Arbeitskollegen, was sie an Euch mögen. Schaut auf das, worin Ihr gut seid. Und wirklich jeder ist in irgendetwas richtig gut! Eine positive Ausstrahlung bügelt so manche Falte am Körper aus. Deswegen vergesst bitte niemals: Ihr seid toll, so wie Ihr seid!

Anja Drews – Sexualwissenschaftlerin für ORION