Weibliche Ejakulation: Was passiert, wenn Frauen ejakulieren?

Anja Drews geht einem Phänomen auf den Grund

Es geht ein Gerücht um. Dieses Gerücht ist besorgniserregend. Und außerdem verwirrt es mich. Denn es besagt, dass beim Squirting, also wenn Frauen ejakulieren, nicht irgendeine Flüssigkeit aus der Frau heraus komme. Nein, es handele sich dabei schlicht und einfach um Urin. Was ist dran?

Igitt, mag jetzt mancher Leser denken, wenn ich das vorher gewusst hätte. Wenn Frauen ejakulieren, kommt da also nur Urin heraus? Das Gerücht geht aber noch weiter: Weibliche Ejakulation und Squirting seien gar nicht dasselbe! Jetzt bin ich wirklich durcheinander. Wenn nur ein bisschen herauskommt und das milchig ist, dann sei das das Ejakulat, wenn mehr herauskommt, dann sei das Urin. Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ab welcher Flüssigkeitsmenge müssen wir denn nun auf unser Bettzeug aufpassen? Und wer hat das nun eigentlich wieder behauptet und was fangen wir mit dieser Erkenntnis an?

Wissenschaft ist nicht immer das Maß aller Dinge

Bevor dieses Gerücht nun endgültig die Lust vertreibt, möchte ich ein paar Dinge klar stellen. Französische Wissenschaftler haben eine Studie zur weiblichen Ejakulation durchgeführt. Und auch wenn die Ergebnisse im Dezember 2014 im ehrwürdigen Journal of Sexual Medicine veröffentlicht wurden, so haben die Wissenschaftler am Ende doch nur sieben Frauen untersucht. Sieben. Und hier soll sich der Unterschied in den Flüssigkeiten ergeben haben. „Die Daten, die wir während der Ultraschalluntersuchungen der Blase und in biochemischen Analysen gesammelt haben, weisen darauf hin, dass es sich bei der weiblichen Ejakulation um die unwillkürliche Absonderung von Urin während sexueller Aktivität handelt, obwohl in der Flüssigkeit auch ein marginaler Anteil von Prostatasekreten festgestellt werden kann." Hört sich nicht sehr erotisch an.

Studien belegen, die Flüssigkeit ähnelt dem männlichen Ejakulat

Aber keine Panik. Es gibt auch Studien, die belegen, dass diese Flüssigkeit Ähnlichkeit mit dem männlichen Ejakulat hat, nur ohne Spermien, und somit kein Urin enthält. Die Ähnlichkeit der Flüssigkeiten wird damit erklärt, dass sich rund um die Harnröhre der Frau schwammartiges Gewebe befindet, das sich auch in der Prostata des Mannes findet. Bei uns werden sie als „paraurethrale Drüsen“ bezeichnet. Sie liegen in dem Bereich, den wir als G-Punkt oder G-Zone bezeichnen und dessen Stimulation wie auch bei der Prostata Lustgefühle hervorrufen kann. In der Prostata wird die Flüssigkeit produziert, die zusammen mit den Spermien das Ejakulat des Mannes bildet. Und da ist kein Pipi drin. Allerhöchstens winzige Spuren vom letzten Toilettengang. Denn das Ejakulat nimmt beim Orgasmus ja den Weg durch die Harnröhre. Wenn es allerdings aus irgendwelchen Gründen nicht herauskommen kann, fließt es zurück in die Blase. Und dann wird es zusammen mit dem Urin heraus gepinkelt. Auch bei uns Frauen kann sich das Gewebe um die Harnröhre herum mit Flüssigkeit füllen und mit der richtigen Stimulation wie beim Mann herausschießen. Kann, muss aber nicht. Und diese Erklärung gefällt mir wesentlich besser als die französische.

Urin oder Prostatasekret?

Ist es denn nun Urin oder Prostataexkret, was da herauskommt, wenn Frauen ejakulieren? Ehrlich, ich weiß es nicht. Wie so oft führen auch hier verschiedene Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen. Ich gehe aber davon aus, dass alle Frauen, die ejakulieren können, es gemerkt hätten, wenn größere Mengen Urin aus ihnen heraus gekommen wären. Urin ist in aller Regel nicht farblos und auch nicht geruchlos. Und er schießt auch nicht im hohen Bogen aus uns heraus. Aber es ist schon spannend, wie schwierig es ist, die weibliche Sexualität zu erforschen. Gibt es einen vaginalen Orgasmus oder kommt alles von der Klitoris? Gibt es den G-Punkt oder gibt es ihn nicht? Ist der Muttermund sexuell empfindsam oder nicht? Warum bekommen wir überhaupt einen Orgasmus? Die Liste der Fragen ist endlos.

Interessant finde ich auch, dass Squirting auf der Liste der meistgesuchten Pornobegriffe auf Platz 7 steht. Es scheint doch eine große Faszination vor allem auf die Männer auszuüben, wenn Frauen ejakulieren. Vielleicht ist das für Männer der scheinbar sichtbare Beweis dafür, dass eine Frau Lust hat. Und einen Orgasmus! Denn wenn das Ejakulieren – und ich bleibe dabei, dass Ejakulieren und Squirting zwei Begriffe für dieselbe Sache sind – unmittelbar mit einem Orgasmus zusammenhinge, dann hätte das Rätselraten endlich ein Ende. Hat es ihr gefallen oder hat sie nur vorgetäuscht? Nein, hier gäbe es endlich Klarheit. Aber darum geht es ja gar nicht! Sex kann auch ohne Orgasmus toll sein. Denn es geht nicht nur um die körperliche Sensation, sondern vor allem auch um die Nähe und Verbundenheit, die wir dabei spüren. Deswegen kann Sex anderseits auch trotz Orgasmus unbefriedigend sein. Denn Frauen können tatsächlich auch ohne die große Aufregung kommen. Das wissen vor allem diejenigen, die gute Vibratoren haben. Und außerdem hängen Ejakulation und Orgasmus bei Frauen nicht zusammen. Beides geht auch getrennt voneinander. Der Orgasmus-Beweis gilt also nicht.

Man muss nicht immer alles ganz genau wissen

Manchmal wünsche ich mir die Zeiten zurück, in denen wir einfach auf unsere Gefühle vertrauen durften. Die Zeiten, in denen nicht jede Kleinigkeit erforscht und auseinander genommen wurde. Zeiten, in denen es noch Tabus gab, die man brechen konnte und die den Sex damit auch spannend gemacht haben. Und ich will auch gar nicht wissen, was da alles so ganz genau aus uns heraus kommt. Wenn es Spaß macht, ist es doch gut. Und wenn es keinen Spaß macht, dann lassen wir es doch einfach. Das sportive Herausschießen von Flüssigkeiten im Stil der Pornos sieht für mich jedenfalls nicht nach Lust aus. Darauf können wir zu Hause sicherlich verzichten. Man kann es einmal ausprobieren wie ein exotisches Gewürz. Aber viele Frauen, mit denen ich spreche, sind ohnehin nicht scharf darauf, ihre Bettwäsche großflächig damit zu tränken. Und die, denen es Spaß macht, können ja einfach damit weitermachen. Letztendlich hat sich nichts geändert, was auch immer da heraus kommt.

Anja Drews – Sexualwissenschaftlerin für ORION