Wenn Frauen ins Stadion gehen

Wie verbreitet Sexismus in den Fußballstadien immer noch ist

Fußball ist Männersache? Weit gefehlt! Denn Frauen spielen nicht nur überaus erfolgreich selbst, sie sind oft auch genauso glühende Anhänger ihrer Mannschaft wie die männlichen Pendants. In den Stadien ist das aber offenbar noch nicht ganz angekommen. Das ist nicht nur schade – es ist vor allem unzeitgemäß.

Die Sache mit dem Abseits

Manche Dinge funktionieren irgendwie immer. Fußball zum Beispiel. Oder Geschlechterklischees. Die beiden funktionieren übrigens nach wie vor ganz hervorragend zusammen, weil Frauen selbst mit einfachsten Regelfragen wie Abseits überfordert sind, Spieler nach dem Aussehen beurteilen, sich über Nebensächlichkeiten wie Schuhe, die farblich nicht zu den Trikots passen, ereifern können und überhaupt mit ihren ständigen Fragen nach dem Sinn des Ganzen nur beweisen, wie absolut unqualifiziert sie für die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Lieblingssport der Deutschen sind.

Männer hingegen werden mit Fußballfachkompetenz großgezogen. Deshalb ist es auch nur allzu verständlich, dass sie nicht nur die Leistungen der Akteure auf dem Rasen mit der Aura der Unfehlbarkeit bewerten können, sondern darüber hinaus auch bestens geeignet sind, um komplexe Sachverhalte wie die Regelungen beim Videobeweis zu erörtern oder der Frage nachzugehen, warum Montagsspiele den Untergang des Fußballs, wie wir ihn kennen, bedeuten.
Dass es sich bei den meisten dieser Klischees um scherzhafte Übertreibungen handelt, dürfte vielen Frauen, die ein tiefergehendes Interesse am Fußball entwickeln, ein schwacher Trost sein. Im günstigsten Fall sind sie eine milde belächelte Ausnahme von der Regel, im schlimmsten Fall werden sie gar nicht ernstgenommen, weil Frauen eben keine Ahnung von Fußball haben.

Weibliche Fußballfans, die verkannte Zielgruppe

Das ist natürlich auch nicht ganz richtig, denn es gibt sehr wohl eine nicht unbeträchtliche Zahl von Frauen, die regelmäßig ins Stadion pilgern und keineswegs im Verdacht stehen, das nur wegen der gutaussehenden Kicker zu tun. Nur scheint diese Tatsache nicht allen in der Fußballszene bekannt zu sein. Dabei steigt die Anzahl der weiblichen Fußballfans in den Stadien weiter an, selbst bei Fernsehübertragungen sind es nicht allein die Männer, die vor den Geräten sitzen und mitfiebern.
Wie man(n) damit umgehen soll, ist aber offenbar eine weitgehend ungeklärte Frage. Anlass für ein explizites Gender-Marketing, bei dem die weiblichen Fans direkter und ganz spezifisch angesprochen werden, ist das Interesse der Frauen nur in wenigen Fällen. Weil es, wenn es falsch angegangen wird, schnell in Sexismus und Diskriminierung abrutschen kann. 

Wer diesen Punkt sehr streng nimmt, könnte sich dann schon über pinke Fan-Artikel beklagen, bei denen zwar das Geschlecht durchaus berücksichtigt wurde, aber in einer derart stereotypen Weise, dass die Idee schon wieder schlecht ist. Ganz abgesehen davon sollte bei Maßnahmen, die auf weibliche Fußballfans abzielen, zunächst deren Rolle als Fan und der Wunsch nach Identifikation mit dem Verein im Vordergrund stehen. Dazu gehören eben auch die entsprechenden Vereinsfarben und in den allerseltesten Fällen dürfte Pink unter diesen sein.

Erschreckenderweise lassen sich noch mehr Beispiele für missverstandenes Gender-Marketing in der Bundesliga, das im Prinzip sogar noch schlimmer ist, als es gar nicht zu versuchen. Zugegeben, das mag keine leichte Aufgabe sein, aber vielleicht liegt das daran, dass die Bedürfnisse von Frauen als Fans weiterhin zu wenig wahrgenommen wurden. 

(K)Eine Frage der Wahrnehmung: Sexismus im Fußball

Was vermutlich zu einem großen Teil in der Dominanz der Männer auf den Fan-Rängen begründet liegt. Fan-Kultur ist weitestgehend Männersache, daran ändern auch die steigenden Zahlen der Frauen in den Stadien wenig, genauso wenig wie die zahlreicher werdenden weiblichen Fan-Clubs. Keine Entwicklung, die über die Maße schnell vonstattengegangen ist, ganz im Gegenteil. 

Wie langsam und mühselig der Weg für Frauen im Männerfußball ist, zeigt sich an der späten Einsetzung von Bibiana Steinhaus als Schiedsrichterin in der Bundesliga. Oder an den Reaktionen auf Claudia Neumann als Kommentatorin des ZDF bei der Fußball WM 2018 in Russland. Erschreckend genug, auf wie viele Männer das noch befremdlich wirkt, allerdings nicht halb so erschreckend wie die ausartenden Beleidigungen, die beispielsweise Neumann während der Weltmeisterschaft erfahren musste

Nicht zu vergessen die empörende Peinlichkeit, die sich der DJ Martin Solveig bei der – ersten überhaupt, wohlgemerkt – Verleihung des Ballon d’Or an die Weltfußballerin des Jahres leistete: Der Franzose nahm die Auszeichnung zum Anlass, die norwegische Stürmerin Ada Hegerberg zu fragen, ob sie denn vielleicht twerken wollen würde. Der in jeder Hinsicht coole Umgang der jungen Norwegerin mit diesem Zwischenfall muss beeindrucken, sie verweist zu Recht auf die Notwendigkeit des gegenseitigen Respekts. Dass Solveigs Spruch weltweit für Entrüstung gesorgt hat, empfindet sie aber – ebenfalls zu Recht – als natürliche Reaktion.

Wie ausgeprägt der Sexismus im Fußball-Umfeld sein kann, wird an diesen drei Fällen besonders deutlich. Weil alle drei, Steinhaus, Neumann und Hegerberg aber eben auch im Rampenlicht stehen und für die Öffentlichkeit einerseits leicht zu Opfern von Anfeindungen, andererseits aber in der Öffentlichkeit sehr viel schneller als solche identifiziert werden können. Das birgt die nicht zu unterschätzende Gefahr, hieraus Einzelfälle zu konstruieren, die nicht der wahren Stimmung in den Stadien entsprechen.

Komfortzone Stadion?

Stellt sich allerdings die Frage, ob weibliche Fans weniger Häme und Hetze zu befürchten haben, als die prominenten Beispiele. Die Berichte aus den Stadien lassen in dieser Hinsicht allerdings nur wenig Gutes erahnen, denn sie werden noch immer als Männer-Domäne verstanden. Die Ironie dabei: Diese männliche Fan-Szene ist durchaus in der Lage, politische Statements abzugeben und soziales Engagement zu zeigen. Gegen Rechts beispielsweise, gegen die Benachteiligung von Minderheiten, die Fans spielen auch für das Leben jenseits der Stadionkurven eine wichtige Rolle.

Umso unerklärlicher ist es vor diesem Hintergrund, dass Sexismus weiterhin eine tolerierte Form der Diskriminierung ist, die sich noch dazu in vielerlei Hinsicht zeigt. Am eklatantesten sind ohne Frage die Fälle, in denen männliche Fans gegenüber weiblichen übergriffig werden oder körperliche Gewalt zumindest androhen. Berührungen in den Bussen oder Bahnen zum Stadion, wenn alle Fans zum Spiel wollen, gehören für viele weibliche Fans zum üblichen Spieltags-Ritual dazu. Angenehmer wird das Antatschen dadurch nicht. 

Hinweise darauf, dass solche Belästigungen ja „nur ein Spaß“ seien und sich die Frauen „nicht so anstellen sollen“, sind keine Entschuldigung, die als solche gelten gelassen werden könnte. Sie sind im Gegenteil ein Teil des Problems, das sie kleiner machen wollen, als es tatsächlich ist. In Zeiten von #metoo auf mehr Sensibilität in diesem Bereich zu hoffen, ist offensichtlich zu viel verlangt. Andererseits ist das Fußballstadion auch nur ein Ort von vielen, an denen es zumindest für die Männer „normal“ ist, Frauen weiterhin als Objekte zu behandeln.

Klassische Rollenbilder bevorzugt

Dabei zeigt sich die Diskriminierung bei weitem nicht nur auf der körperlich-übergriffigen Ebene, sondern generell im Umgang mit Frauen in der Fan-Szene, die es dort immer noch schwer haben. Vielfach haben Frauen noch die besten Karten, wenn sie als Freundin etablierter männlicher Fans bekannt sind. Was wiederum nicht bedeutet, dass sie dadurch anderen männlichen Fans in irgendeiner Weise gleichgestellt wären. Das ist in vielen Belangen keineswegs der Fall, von der Platzbelegung in den Fan-Bussen bis zu ihren Rollen innerhalb der Clubs – denn hier werden häufig noch klassische Rollenbilder hochgehalten. 

Hinter den Kulissen ist es daher gar nicht unüblich, dass sich Frauen in den Fan-Clubs engagieren, im Stadion ist es vielfach jedoch noch undenkbar. Vorsingen auf dem Zaun oder generell in den vorderen Reihen des Fanblocks stehen, das ist immer noch zu oft nur in Ausnahmefällen möglich.

Das Stadion als No-Go-Area?

Viele Schilderungen von weiblichen Fans machen nicht gerade Mut, wenn es um den Stadionbesuch geht. Dennoch steigt der Anteil der Frauen, die sich ihr Hobby und ihre Leidenschaft nicht nehmen lassen und sehr wohl in den Stadien präsent sind. In ihren eigenen Fan-Clubs zum Beispiel. Und sie haben unlängst mit dem Projekt „Fan.tastic Females. Football Her.Story“ eine Plattform erhalten, die die Perspektive der weiblichen Fans europaweit aufzeigt. 

Die Ausstellung zeigt aber vor allem, dass die Frauen in den Fanblöcken keineswegs den Stereotypen entsprechen, die üblicherweise kursieren – sie sind genauso Fans wie die Männer, mit derselben Leidenschaft, derselben Vielfalt. Sie organisieren sich nicht anders als die Männer, sie unterhalten Gruppen und Netzwerke, sind Ultras. Es ist einerseits traurig, dass es für diese öffentliche Wertschätzung ein eigenes Projekt braucht. Andererseits ist es erfreulich, einen solchen Denkanstoß zu haben, der die männlichen Fans hoffentlich mehr für die Frauen in ihren Blöcken sensibilisiert und diesen gleichzeitig vor Augen führt, dass die Stadien dieser Welt für sie eben keine No-Go-Areas sein müssen.