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Wie gestaltet sich das Sexleben nach der Prostatektomie?

Sexual-Expertin Anja Drews über Erektion und Sex nach einer Prostatektomie

01. März 2016

Wer sagt, dass man nach einer Prostatektomie kein erfüllendes Sex-Leben mehr haben kann, der irrt, sagt Anja Drews. Die Sexual-Expertin berichtet darüber, wie es nach der Komplettentfernung der Prostata weitergeht.

Schockdiagnose Prostatakrebs

Das ist der Alptraum eines jeden Paares: Endlich hat sich der Liebste überwunden und quält sich zum Arzt – da wird Prostatakrebs diagnostiziert. Mit 64.000 neuen Fällen jedes Jahr ist das die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Allerdings verursacht dieser Krebs im Frühstadium noch nicht einmal Beschwerden, die ein Mann ignorieren könnte. Deshalb und weil sich der Krebs auch am besten heilen lässt, je früher er erkannt wird, empfehlen Ärzte regelmäßige jährliche Untersuchungen. Und solange sich der Krebs auf die Vorsteherdrüse, wie die Prostata auch genannt wird, beschränkt, stehen die Überlebenschancen sehr gut. Nun betrifft das Problem eher ältere Männer mit dem Durchschnittalter von 69 Jahren. Durchschnitt heißt, es trifft die einen früher und die anderen später. Aber auch im höheren Lebensalter spielt Sexualität eine große Rolle im Leben der Menschen und so stellt sich vermutlich ziemlich schnell die Frage, ob auch im schlimmsten Fall der radikalen Prostata-Entfernung ein Liebesleben überhaupt noch möglich ist. Ja, das ist es, auch wenn das in vielen Fällen ein Umdenken im Kopf bedeutet.

Was passiert nach einer Prostatektomie?

Gehen wir also von einer radikalen Prostatektomie aus. Wenn sich der Krebs noch nicht über die Prostata hinaus verbreitet hat, können unter bestimmten Voraussetzungen die für eine Erektion notwendigen Nervenbahnen erhalten bleiben. Das sollte unbedingt mit dem operierenden Arzt besprochen werden! Denn dann kann eine Erektion immer noch möglich sein. Allerdings muss man sich damit gedulden, bis sich die Nerven nach der OP wieder regeneriert haben. Und das kann schon ein paar Monate dauern. In dieser Zeit sollte auf jeden Fall kräftig geübt werden. Denn liegt ein Penis erst einmal eine Zeitlang brach, wird nach und nach das Schwellkörpergewebe abgebaut. Das gilt im Übrigen auch für alle nichtbetroffenen älteren Männer. Übung macht den Meister, egal, ob allein oder zu zweit. Mit einem Sexualmediziner kann man besprechen, welche Methode am besten geeignet ist, ob Schwellkörper-Injektionen, Penispumpen oder PDE-5-Hemmer wie Cialis, Levitra oder Viagra.

Dabei sollte ein Paar nicht vergessen, dass mit steigendem Lebensalter die Erektionsfähigkeit ohnehin langsam nachlässt. Wer also erwartet, bei jeder Erregung mit einer strammen Erektion zu reagieren, hat unrealistische Vorstellungen und setzt sich selber unter völlig überflüssigen Erfolgsdruck. Gemach, gemach, sag ich da. Und natürlich ist auch nach einer Operation nicht mehr alles wie vorher. Denn ohne Prostata gibt es keine Ejakulation mehr. Auch daran müssen sich beide Partner erst einmal gewöhnen. Ein Orgasmus hingegen ist in der Regel noch möglich, bei einigen Männern jedoch in abgeschwächter Form. Dabei nun wieder kann es in den Monaten nach der OP passieren, dass ein Mann unkontrolliert Urin verliert. Verständlich, dass das alles für Unsicherheiten auf beiden Seiten sorgt. Leider kann genau das wiederum durchaus zum Verlust der Lust führen. Lauter kleine, aber bedeutsame Teufelskreise, die es zu durchbrechen gilt.

Umdenken im Kopf: Wie wollen wir Sexualität erleben?

Nun muss man sich fragen, was Sex für den einzelnen Menschen bedeutet. Stehen Penetration und Orgasmus im Mittelpunkt, stellen sich sicherlich gravierende Probleme ein. Aber Sex ist nicht mit Geschlechtsverkehr gleichzusetzen. Denn es gibt noch viele andere Möglichkeiten, einen Mann oder eine Frau zu befriedigen und vor allem auch, körperlich zu lieben. Schwierig wird es auch, wenn das Selbstwertgefühl eines Mannes davon abhängt, ob und in welcher Stärke sich eine Erektion zeigt. Sex, der aber nur aus männlichem Imponiergehabe besteht, kann schnell langweilig und öde werden. Genau das ist häufig der Grund für eine sexuelle Lustlosigkeit auf Seiten der Frau. Sexualität hat aber neben der Lust- und Fortpflanzungsdimension auch noch die Beziehungsdimension. Beim Sex geht es eben nicht nur um körperliche Befriedigung und darum, sich zu beweisen. Über Sex vermitteln wir dem Partner Gefühle von Akzeptanz, Nähe, Sicherheit, Intimität und Geborgenheit. Dabei verschieben sich in den Beziehungen älterer Menschen die Prioritäten normalerweise ohnehin in diese Richtung und Zärtlichkeit nimmt einen höheren Stellenwert ein. Nun wollen wir aber gerade immer das, was wir nicht haben (können) – in diesem Fall eine schöne Erektion mit einer befreienden Ejakulation.

Wenn der Sex nun womöglich seit Jahren sowieso schon in eine unerwünschte Richtung läuft, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt zum Umdenken: Raus aus den alten Verhaltensmustern, auf zu neuen Wegen – und zwar miteinander! Eine Erektion macht noch lange keinen Mann und die meisten Frauen sind hocherfreut über orale und manuelle Zuwendungen. Reden ist nicht alles, aber darüber, wie die gemeinsame Sexualität zukünftig verlaufen soll, darf man sich schon austauschen. Das baut Druck auf beiden Seiten ab.

Regelmäßige Untersuchungen beugen vor

Das Wichtigste zuletzt noch einmal ganz deutlich: Wenn ein Karzinom rechtzeitig entdeckt wird und sich nur auf die Prostata beschränkt, überleben fast alle Männer diese Erkrankung. Und ich möchte an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass nicht jede Beschwerde gleich Krebs bedeutet. Im Gegenteil, etwa 40 % der Männer klagen über behandlungsbedürftige Symptome, die sich der gutartigen Vergrößerung der Prostata – dem benignen Prostata-Syndrom (BPS) – zuordnen lassen: Probleme beim Wasserlassen, abgeschwächter Harnstrahl, Harnstottern, Nachträufeln, häufiger starker nächtlicher Harndrang und noch einiges mehr. Und das lässt sich gut behandeln. Wenn Sie also einen Partner haben, der über Beschwerden klagt oder generell nicht gern zum Arzt geht, dann sollten Sie seine Sorgen ernst nehmen und ihn nach Möglichkeit unterstützen.

Anja Drews – Sexualwissenschaftlerin für ORION