Wo kommt mein Orgasmus her?

Anja Drews über die Frage aller Fragen

Meine lieben Liebenden, so begrüßte Lilo Wanders früher einmal ihre Zuschauer und so möchte ich an dieser Stelle auch beginnen. Meine lieben Liebenden, wisst Ihr genau, was Ihr fühlt? Ich hoffe ja. Aber wisst Ihr auch ganz genau, wo Ihr etwas fühlt?

Ich liege in Gedanken gerade bei meiner Freundin, der weltbesten Zahnärztin, auf dem Behandlungsstuhl. Eine Krone hat sich gelöst. „Welche denn?“ fragt sie routiniert. Ebenso routiniert gebe ich zurück: „Da, hinten, der zweite Backenzahn“. Ja, ich bin mir ganz sicher, schließlich habe ich es mit der Zunge genau gefühlt. Sie ruckelt. Nichts tut sich. Sie ruckelt am Zahn daneben. Und siehe da! Da versteckt sich die wackelnde Krone. Ich war doch so sicher! Diese Situation kennen sicher ganz viele, besonders wenn es um Zahnschmerzen geht. Wir können nicht genau lokalisieren, wo wir den Schmerz empfinden und liegen mit unserer Vermutung oft daneben. Was hat das jetzt mit Sex zu tun, fragt Ihr Euch? Jede Menge. Denn auch im weiblichen Intimbereich verstecken sich ungeahnte Möglichkeiten der Verwirrung, hier allerdings nicht in Hinblick auf Schmerzen sondern auf Lust. Das ist schon einmal viel besser. Lust ist super, die wollen wir, so oft es geht, erleben. Aber wo genau empfinden wir sie? Klitoris, G-Punkt, A-Punkt, Muttermund? Klitoral, vaginal? Gar nicht so einfach. Können wir genau sagen, was wir wo genau fühlen? Und was stimmt?

Kann man Gefühle überhaupt objektiv bestimmen?

Jede Frau empfindet anders und das auch noch in unterschiedlichen Situationen. Heute hopp, morgen top. Wir alle sind höchst empfänglich für Berührungen in besonderen Momenten. Und völlig unempfänglich in anderen. Das weiß jede Frau, deren Liebster sich schon einmal im unpassenden Moment ihren Brüsten genähert hat. Was vorhin im Bett noch großartig, ist es jetzt am Schreibtisch nur unangenehm und unpassend. Geh weg, meine Brüste gehören jetzt wieder mir! Eine Stimulation kann hier und da zu heftigen Orgasmen führen. Kann, muss aber nicht. Ein Orgasmus kann heute so dahin plätschern und mit genau der gleichen Stimulation morgen über uns hinwegfegen. Während die eine Frau hier ausflippt, spürt die andere dort gar nichts. Während die eine schwört, vaginale Orgasmen zu erleben, ist die andere überzeugt von ihrem klitoralen Glück. Während der eine Mann sie zum pausenlosen Ejakulieren bringt, schaut es beim Nächsten in der Hinsicht aus wie an einem abgedrehten Springbrunnen.

Die weibliche Lust ist komplizierter als die männliche. Schon allein, weil wir nicht alles sehen können, was sich in unserem Inneren befindet. Und weil wir oft auch gar nicht hinschauen mögen. Einfacher wäre einfacher. So ist es spannender. Aber auch für Männer gibt es noch so einiges zu entdecken, wenn sie sich normalerweise nur auf ihren Penis konzentrieren. Was ist denn mit dem Hodensack, dem Damm? Schon mal mit dem Spiegel genau angeschaut und mit den Händen gefühlt? Ich könnte Sigmund Freud heute noch dafür ohrfeigen, dass er den Mythos vom vaginalen Orgasmus in die Welt gesetzt hat. Kaum ein Irrglaube hält sich so hartnäckig wie dieser. Eines der meistgenannten Probleme in der Sexualberatung und -therapie ist der ausbleibende vaginale Orgasmus. Frauen wie Männer mühen sich ab, dieses Ideal zu erreichen und scheitern doch allzu oft an den anatomischen Gegebenheiten. Auch die Existenz des G-Punktes ist in der Sexualwissenschaft heute noch höchst umstritten. Auf diese Aussage erntete ich in einem Interview mit einer großen Frauenzeitschrift höhnische Kommentare aus der Welt der Tantriker: Wo ich denn meine Ausbildung gemacht hätte, natürlich gäbe es den G-Punkt. Und klar, sicherlich ist das kein „Punkt“ im mathematischen Sinne, dann wäre er ja winzig klein. Aber das ist Wortklauberei und hat nichts mit dem Thema zu tun. Dass manche Frauen hier aus unterschiedlichsten Gründen nicht sexuell empfindsam sind, stand gar nicht zur Debatte. Der Sexualtherapeut Christoph Joseph Ahlers wiederum sagte in einem Interview mit der Welt: „Es gibt keinen G-Punkt. Der G-Punkt ist der Yeti der Sexualmedizin. Gesichert gibt es ihn genauso wenig wie einen Unterschied zwischen klitoralem und vaginalem Orgasmus.“ Schade. Hin und her. Jede Frau, die ejakulieren kann, wird jetzt aufschreien und sagen, natürlich gibt es den G-Punkt! Ich würde mittlerweile behaupten, das sei reine Glaubenssache. Für mich jedenfalls gibt es den G-Punkt. Zustimmen kann ich Herrn Ahlers hingegen in Bezug auf die Unterscheidung zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus. Die Klitoris ist letztendlich für alle Orgasmen verantwortlich. Aber wo und wie wir einen Höhepunkt empfinden, das kann jede Frau nur für sich entscheiden.

Nehmen wir die Lust doch ganz einfach individuell!

Also, was stimmt denn nun? Alles. Gar nichts. Hier gibt es keine Objektivität wie beim Zahnarzt. Aber jede Menge subjektives Empfinden. Und keiner kann es bisher wissenschaftlich nachweisen. Es gibt für jede Behauptung eine Lobby. Das kann ganz schön verwirrend sein. Die Frage lautet letztendlich: Was fühle ich? Wenn ich glaube, dass mein Orgasmus vaginal ist, dann ist er das. Weil ich es fühle. Wenn ich der Meinung bin, mein vaginaler Orgasmus fühlt sich anders an als mein klitoraler, dann ist das auch so. Wenn ich meinen G-Punkt entdeckt habe, gibt es ihn. Ganz einfach. Und wenn ich meinen Muttermund für erogen halte, so stimmt auch das. Das heißt aber nicht, dass andere Frauen ebenso empfinden müssen. Ejakulieren ist toll, aber das hält gar nicht jede Frau für erstrebenswert. Und ich finde es toll, wenn eine Frau oder ein Paar sich auf die Suche nach lustvollen Stellen begibt. Und vielleicht gibt es beim nächsten Mal schon wieder etwas Neues zu entdecken! Der Weg ist das Ziel. Aber bitte keine Erwartungshaltung, keinen Druck!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin ORION