Lebensstile für die Zukunft

Job oder Familie? Auto oder Fahrrad? Hightech oder Natürlichkeit? Wichtige Fragen, wenn es um unseren Lebensstil geht und wie der in Zukunft wohl aussieht. Denn unsere Lebensweise ist nicht nur ein Ergebnis von allem, was uns so inspiriert und beeinflusst. Sie ist auch selbst ein enormer Einflussfaktor mit dem Potenzial, Trends zu kreieren und die Dinge nachhaltig zu verändern. Daher stellt sich angesichts der vielen Entscheidungsmöglichkeiten doch vor allem die Frage: Muss ich mich überhaupt entscheiden?
 

Die Freiheit der Wahl

Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Nein, niemand muss sich entscheiden. Jedenfalls nicht in dem Sinne, dass ihm nur die Wahl zwischen Schwarz oder Weiß, zwischen Job oder Familie, zwischen Technikaffinität und Naturbewusstsein bliebe. In unserer Zeit der Individualisierung muss sich niemand auf etwas festlegen, wenn er das nicht möchte, wenn das nicht zu seinem Lebensentwurf oder zur aktuellen Lebenssituation passt, die Freiheit der Wahl eben.

Entscheiden müssen wir uns trotzdem, genau wegen dieser Freiheit der Wahl. Die immer größer werdende Zahl an Auswahlmöglichkeiten, die wir in jedem Lebensbereich bekommen, zwingen in gewisser Weise doch zu einer Entscheidung. Das ist der Preis der Individualisierung, wenn man so will. Das paradoxe Zusammenwirken von Entscheidungsfreiheit und Entscheidungszwang ist eine der gegensätzlichen Folgen, die das Phänomen Individualisierung hervorgebracht hat. 

Zum Beispiel gilt das genauso für die „Wir-Kultur“, die sich ebenfalls erst aus der vorherigen Ich-Bezogenheit entwickelt hat. Das „Wir“ gestaltet sich nur vielfach anders, als noch die älteren Generationen kannten und bewegt sich immer zwischen Selbstverwirklichung und Wir-Gefühl. Der Grund dafür: einmal mehr die Möglichkeit, selbst darüber zu bestimmen, wie, wo, wann und mit wem ein Wir überhaupt zustande kommt und häufig sind die Lösungen innovativ. 

Wie etwa Coworking-Spaces, in denen Freiberufler und junge Unternehmen gemeinsam Platz finden, sich ein Büro teilen, das sie sich sonst nicht leisten können und gleichzeitig die Möglichkeit haben, über den Tellerrand der eigenen Tätigkeit hinwegzuschauen. Ganz dem Ruf der Individualisierung folgend sind solche Arrangements, im Gegensatz zum Trend der Coworking-Spaces im Allgemeinen, aber nur vorübergehend gedacht. Morgen fällt die Entscheidung vielleicht schon wieder anders aus und festlegen muss sich niemand. Hauptsache, die Optionen sind vorhanden.

Drei Lebensstile mit Zukunft

Entsprechend vielgestaltig sind daher die individuellen Lebensentwürfe und Lebensstile, obwohl sich natürlich trotzdem Gemeinsamkeiten ausmachen lassen. Zum Beispiel, wenn es um die eingangs gestellten Fragen geht, die letztendlich für alle eine wichtige Rolle spielen, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Mobilität und Flexibilität auf der einen, Gemeinschaftsgefühl und der Wunsch nach einer Heimat auf der anderen Seite, das sind zentrale Bedürfnisse, um die sich das moderne Leben heute dreht.

Die drei Lebensstile, die dabei den größten Einfluss darauf haben könnten, wie wir in Zukunft leben, hat das Zukunftsinstitut unter dem Begriff „Pioniere für künftige Wohnkonzepte“ zusammengefasst. Wobei die vorgestellten Lebensweisen nicht nur das Wohnen, sondern die Lebensgestaltung insgesamt prägen könnten:

  • Die Modernen Nomaden sind der Inbegriff einer globalisierten Gesellschaft, daher sind sie überall in der Welt zu Hause, sofern ein solches Konzept für sie eine Rolle spielt. Sie reißen nämlich Grenzen ein, zwischen Orten ebenso wie zwischen Räumen, sie sind die klassischen Nutzer von Coworking-Spaces und ähnlicher Konzepte, die sich um das Wohnen drehen. Bindungen ohne Bedingungen, in allen Lebenslagen, damit sie Modernen Nomaden ihre persönliche Freiheit voll auskosten können.
  • Wie die Modernen Nomaden fühlen sich auch die Urban Matchas in der Stadt am wohlsten, denn hier gibt es die Trends, an deren Entstehung sie maßgeblich mitwirken: Sei es im Bereich der Mode oder bei der aktiven Gestaltung des Lebensumfeldes. Statt Globalisierung ist bei ihnen mehr das Konzept der „Rural City“ angesagt, dörfliches Zusammengehörigkeitsgefühl mitten in der Stadt, mit Nachbarschaftsgärten, die auch in der Stadt funktionieren, und Straßenfesten. Das „Wir“ ist sehr viel wichtiger als das „Ich“. Aber nicht falsch verstehen, Selbstverwirklichung ist und bleibt die treibende Kraft für Urban Matchas.
  • Im Gegensatz zu diesen beiden Lebensstilen bringen Neo-Biedermeier die Spießigkeit zurück, ohne das abwertend zu meinen. Für sie sind Familie und Heim zentrale Punkte, um die sich das Leben dreht. Ein vergleichsweise einfaches Leben, bei dem Funktionalität und Gemütlichkeit miteinander vereint werden sollen, was sich die Neo-Biedermeier durchaus etwas kosten lassen, denn das Beste ist gerade gut genug und soll es auch lange bleiben. Ganz neu und unvertraut dürften diese Lebensstile eigentlich niemandem mehr erscheinen, denn sie sind längst etabliert. Das bedeutet aber wiederum nicht, dass ihr Einfluss dadurch geringer würde. Ganz im Gegenteil, wie sich besonders am Beispiel der Neo-Biedermeier verdeutlichen lässt.

Der „Hygge“-Faktor

Denn die Grundhaltung der Neo-Biedermeier lässt sich tatsächlich auf einen Begriff herunterbrechen, der inzwischen seit einigen Jahren eine bestimmte Form des Lebensgefühls und die dazugehörige Lebensweise umschreibt: „Hygge“. Was klingt wie die neue Regalserie eines schwedischen Möbelherstellers ist für viele das Rezept zum Glück, Made in Denmark. So weit hergeholt ist die Vermutung nämlich gar nicht, Hygge in Verbindung zu setzen mit skandinavischen Möbeln, sind die doch ein wichtiger Bestandteil der richtigen „Hyggeligkeit“ im eigenen Heim.

Allein, sie sind nicht alles, was das ursprünglich aus Dänemark stammende Prinzip ausmacht. In erster Linie ist eine Geisteshaltung. In deren Zentrum steht die Gemütlichkeit, die wiederum jeden Lebensbereich einschließt: das Wohnen, das Essen, das Arbeiten, das Miteinander. Wo die Modernen Nomaden zufrieden sind, die ganze Welt ihr Zuhause nennen zu können, ist dieser Begriff für Hygge-Anhänger sehr viel enger gefasst, räumlich wie sozial. 

Glück findet man eher in einer beschaulichen und vertrauten Umgebung, mit ebenso vertrauten Menschen und einfachen Dingen. All das, von den eigenen vier Wänden über deren Einrichtung bis hin zu den Menschen, die sich dort begegnen, ist sorgsam ausgesucht. Die gewünschte Harmonie soll schließlich nicht gestört werden.

Aber: warum ist Hygge so beliebt?

Den Wunsch, im hektischen Alltag eine selbstgestaltete Ruhe-Oase zu haben, ist sicherlich ein Faktor, der zur Beliebtheit des Hygge-Konzepts beiträgt. Besonders im Berufsleben geht alles immer schneller, ständige Erreichbarkeit gehört für viele dazu, die Grenzen zwischen Privat und Arbeit verschwimmen. Kein Wunder also, dass das Bedürfnis nach einem Rückzugsort aus all dem Trubel bei vielen Menschen besteht.

Dieses Bedürfnis allein reicht vielleicht schon aus, um einen großen Teil des Hygge-Trends zu erklären, erschöpfend ist das aber keineswegs. Was beispielsweise auffällt, ist die Vielschichtigkeit, die sich hinter der dänischen Lebensphilosophie verbirgt, weshalb sie so wunderbar in eine individualisierte Gesellschaft passt: Hygge bietet für jeden einen Aspekt, mit dem er oder sie sich identifizieren kann und der ohne Schwierigkeiten oder innere Konflikte in den persönlichen Lebensstil integriert werden kann.

Zumal es Überschneidungen mit anderen Trends gibt, beispielsweise mit der Neuen Natürlichkeit. Das ist ebenso ästhetischer Stil wie Lebenseinstellung, bei der natürliche Materialien, die Wohngesundheit, elegante Verarbeitung und ein Mix aus modern und naturbelassen eine Rolle spielen. Darin unterscheidet sich die Neue Natürlichkeit nur wenig, wenn überhaupt, von Hygge. Im Grunde geht das eine vollkommen in dem anderen auf, obwohl sich der Back-to-Nature-Gedanke nicht allein bei Hygge-Anhängern großer Beliebtheit erfreut. 

Urban Matchas können all dem genauso viel für ihr städtisches Umfeld abgewinnen wie Neo-Biedermeier, die sich ihren Traum eines nachhaltigen, gesunden und gemütlichen Lebens in ihren Holzfertighäusern auf dem Land erfüllen. Das Hygge-Gefühl lässt sich auf unterschiedliche Weise erfahren, auch wenn die zentralen Faktoren hierfür am Ende dieselben bleiben: Etwas mehr Achtsamkeit gegenüber den Dingen im Leben, die man wirklich schätzt, eine gemütliche und komfortable Umgebung und nach Möglichkeit ein bisschen mehr Genuss, am liebsten gemeinsam mit Familie und Freunden.

Vorerst scheinen das die gemeinsamen Nenner zu sein, auf die sich nicht nur die neuen Spießer einigen können, sondern ganz viele Menschen. Hygge ist als Idee offen genug, jedem Einzelnen sein ganz eigenes Stück vom selbsterschaffenen Glück zu lassen. Wahrscheinlich ist dieser Lebensstil genau deswegen so beliebt und weiterhin von Bedeutung für die Frage danach, wie wir morgen leben werden, er lässt uns die Wahl.