Pflegeberufe: So schlecht wie ihr Ruf?

Image und Bezahlung

Warum wollen viele Menschen nicht in der Pflege arbeiten – oder muss es heißen: warum lohnt sich gerade dieser Beruf ganz besonders? Mehr zu diesem interessanten Thema!

Vielleicht ist die Überschrift etwas provokant. Ach was vielleicht - sie ist provokant. Absichtlich! Denn die Berufe an sich haben keinen schlechten Ruf, nur die Branche, die Bezahlung und der Umgang mit den Mitarbeitern. Das muss man strikt trennen. Letztendlich sind Pflegeberufe nach wie vor sehr beliebt und der Pflegenotstand trifft zwar Arbeitgeber und Gesellschaft, doch für Pflegende bringt er auch den Luxus mit, sich nicht mit der Angst vor Arbeitslosigkeit befassen zu müssen. Wechselwillige finden eher einen neuen Job als der Arbeitgeber den freigewordenen nachbesetzen kann.

Berufsbilder in der Pflege

Im Volksmund lebt die gute alte Krankenschwester weiter. In der arbeitsmarktpolitischen Wortwahl gibt es diesen Terminus schon lange nicht mehr. Im Jahr 2004 wurden die Berufsbezeichnungen Krankenschwester/ Krankenpfleger per Gesetz zu der Bezeichnung  Gesundheits- und KrankenpflegerInnen. Dies sollte signalisieren, dass es nicht nur gilt, Kranke zu pflegen, sondern auch für die Gesundheit vorzusorgen. Entsprechend ist die Prophylaxe auch ein größerer Themenschwerpunkt geworden. Bei den Altenpflegern blieb erst einmal alles wie gehabt. 

Die Umstellung auf die Generalistische Pflegeausbildung hat zuletzt erneut für Verwirrung gesorgt.  Denn jetzt sind auch die Altenpfleger mitbetroffen. Die Ausbildung wird (angeblich) neu strukturiert, mit höheren Zugangsvoraussetzungen versehen und am Ende heißen alle Pflegefachmann/-frau. 

Warum angeblich? Mit dem Realschulabschluss wurde das Niveau für die Zulassung zur Pflegeausbildung hochgesetzt. Allerdings können nach wie vor auch Hauptschüler diese Ausbildung absolvieren, wenn sie im Vorfeld entweder den Realschulabschluss nachholen oder eine einjährige Pflegehelferausbildung machen. Letzteres ist sinnvoller, denn das Jahr wird auf die dreijährige Ausbildung angerechnet. Im Grunde ist es also wie vorher: Beginn der Ausbildung und nach einem Jahr eine Prüfung ablegen – bis 2020 waren das die sogenannten „einjährigen Pflegehelferausbildungen“. Danach dann direkt ins zweite Ausbildungsjahr übergehen. 

Neben der Kranken- und Altenpflege gibt es ebenfalls schon lange noch die Ausrichtung auf die Kinderkrankenpflege. Bis 2020 wurde die Krankenpflegeausbildung so strukturiert, dass in den ersten beiden Ausbildungsjahren die allgemeinen Themen behandelt und erst im dritten Jahr spezielle Klassen für die Kinderkrankenpflege eingerichtet wurden. Mit dem Pflegeberufereformgesetz ist es jetzt so geregelt, dass dies für alle Pflegeausbildungen so gehandhabt wird, dass in den ersten zwei Jahren alle die gleichen Inhalte vermittelt bekommen und das dritte Jahr der Spezialisierung dient. 

Imageverlust durch Vorurteile

Während die Krankenpflege schon immer ein besseres Ansehen hatte, galt für Altenpfleger lange das Vorurteil, dass sie nur Windeln wechseln und Popos putzen würden. Sicher hing dies mit einem Menschenbild zusammen, das einer demografischen Entwicklung entsprang, in dem Menschen nicht so alt wurden wie heute und es vor allem deutlich mehr junge Menschen gab. Außerdem galt es als familiäres Versagen, seinen alternden Angehörigen in ein Heim zu geben, denn die gesellschaftlichen Werte waren anders und die Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau und noch nicht so interdisziplinär verteilt wie heute. Kinder und Alte gehörten in die Obhut der leistungsfähigen Ehefrau.

Inzwischen hat sich die Einstellung glücklicherweise auch in der breiten Masse verändert. Die berufstätigen Kinder von Senioren können oft nicht selbst die Pflege übernehmen und ein Seniorenheim wird nach anderen Kriterien ausgesucht als vor vierzig Jahren. 

Was ebenfalls mit vielen Vorurteilen behaftet ist und das Image von Pflegeeinrichtungen und –berufen nachhaltig schädigt, ist die Kostenfrage. Pflege ist teuer. Haben die Krankenkassen in der Behandlung und Pflege von Kranken die Hand über den Finanztöpfen, müssen Altenheime sich mit der Pflegekasse auseinandersetzen und jedes Loch im Säckel kennen, um für Bewohner und Personal so viel Geld wie möglich zu bekommen. Das geht von Seiten der Kostenträger soweit, dass sie Minutenpläne für die Grundpflege vorgeben und bei Krankenhausbehandlungen die Aufenthaltszeiten limitieren, die abgerechnet werden dürfen. Um eine Einrichtung zu betreiben, muss also wirtschaftlich gearbeitet werden. Kleineren Kliniken gelingt das immer seltener, Unikliniken hingegen haben weitere Fördertöpfe aus Forschung und öffentlicher Hand, so dass sie als Arbeitgeber für Pflegende sehr attraktiv sind. 

Seniorenheime jonglieren inzwischen mit den Pflegestufen der Bewohner, um Gehälter an die Pflegekräfte zahlen und die Einrichtung so gut wie möglich betreiben zu können. Wartelisten hin oder her. Sind zu viele schwerstpflegebedürftige Bewohner (und das werden Bewohner biologisch bedingt oft erst nach dem Einzug) in einer Einrichtung, muss das Personal mehr leisten oder zusätzlicher Bedarf mit Neueinstellungen oder durch Leiharbeit gedeckt werden. Ersteres ist kaum noch möglich, letzteres verursacht Kosten, also wird bei den Anwärtern für einen Heimplatz auch danach geschaut, wie hoch der Pflegeaufwand bereits ist. Weniger Geld von der Pflegekasse ist da oft der bessere Deal, denn ein ganzes Gehalt für eine examinierte Kraft, bringt auch die höchste Pflegestufe nicht. 

Tatsächlich leidet das Image auch unter Aspekten, die nicht in die Kategorie Vorurteil fallen. Die Bürokratie ist realistischer Alltag. Auch wenn es Hilfsmittel gibt, die Dokumentationen vereinfachen, die Pflegekräfte verbringen einen Großteil der Zeit mit Verwaltungs- und Schreibkram. Das erzeugt Zeitnot und Stress im Umgang mit Pflegeempfängern. Eine vergessene Notiz kann im Ernstfall schwere Konsequenzen für Pflegende haben. Denn nur eine Leistung die dokumentiert wurde, wird als tatsächlich erbracht gewertet. Kommt es zu einem Problem, das auf „Pflegefehler“ zurückgeführt wird, entscheidet die Dokumentation über Schuld oder Unschuld.

Wie schlecht ist die Bezahlung des Personals denn wirklich?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Hier muss abgewogen werden, womit das Gehalt einer examinierten Pflegekraft verglichen wird. Gemessen an dem Leiharbeiterlohn eines Ungelernten klingt der Betrag wie ein kleines Vermögen. Das beginnt bereits in der Ausbildung. Die Ausbildungsvergütungen in der Pflege sind überdurchschnittlich. Das waren sie übrigens sogar in Ostdeutschland vor der Wende schon. Allerdings sind die Anforderungen auch von Anfang an besonders hoch und die Arbeitsbedingungen mit besonderen „Härten“ versehen. Wochenend- und Feiertagsarbeit, Wechselschichten, hohe physische und psychische Belastungen können mit keinem Geld der Welt abgegolten werden. Ausgebildete Pflegefachleute arbeiten immer unter einem hohen Druck. Sie tragen Verantwortung für Menschenleben und in Kliniken können Entscheidungen einer Pflegekraft im wahrsten Sinne des Wortes über Leben und Tod entscheiden. 

Vergleichen wir das Gehalt also mit der Arbeit, der Verantwortung und den Nachteilen, die eine Pflegekraft auch im privaten Bereich in Kauf nehmen muss, ist das Gehalt niemals hoch genug. Doch die meisten Pflegenden wählen ihren Beruf aus anderen Gründen und der gibt ihnen viel mehr als Geld. Sie leisten einen wertvollen Dienst am Menschen und der Dank eines Patienten oder Bewohners ist ein Bonus, der ebenfalls nicht mit Geldwert beziffert werden kann. 

Arbeitsbedingungen und -verträge haben sich deutlich verbessert. Die Einstellung der Arbeitgeber ihren Angestellten gegenüber ist zwar vielleicht immer noch nicht wertschätzend genug, aber das Wissen, dass unzufriedene Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt mit Kusshand von anderen Pflegeeinrichtungen übernommen werden, trägt sehr dazu bei, Arbeitsklima und -bedingungen zu optimieren.