Stress abbauen: Raus aus der Perfektionsfalle

Einige können es auf Anhieb, andere nicht: Entspannung lernen

Stress abbauen - das hat Klara lange Zeit nicht gekonnt. Die 41-Jährige hat immer alles gegeben: im Beruf und in der Familie. Bis irgendwann dann nichts mehr ging. Vollzeitjob, Ehemann, zwei Kids, ein Haus – das kann man allein kaum wuppen. Doch Klara wollte alles und hätte fast ihr Glück dabei verloren.

Stress abbauen, das ist ihr Beruf, doch bei sich selbst ist es Klara immer schwer gefallen. „Klara, Sie haben Zauberhände! Ich fühle mich jetzt wie neugeboren“, schwärmt die Kundin und verlässt mit einem fröhlichen Winken die Praxis, in der Klara als Physiotherapeutin arbeitet. Die 41-Jährige aus Delmenhorst freut sich über das Lob, sagt dann aber: „Es ist völlig verrückt. Wenn es um die Verspannungen anderer geht, finde ich immer Mittel und Wege, um zu helfen. Aber meine eigenen Blockaden habe ich lange überhaupt nicht in den Griff bekommen.“ Wie wichtig es ist, Entspannung zu lernen, das weiß Klara heute.

Stress abbauen, Fehlanzeige

Denn die Ehefrau und Mutter von Peter und Karin hat eine schwere Zeit hinter sich. „Ich wollte für meine Familie und meine Kollegen immer das Beste geben. Mit dem Ergebnis, dass ich allen nur noch auf die Nerven ging und sie sich von mir zurückzogen. Da stand ich dann: allein, gestresst und verbittert.“  Doch Klara konnte nicht anders. Von klein auf hatte sie von ihrer strengen Mutter gelernt, dass sie nur dann gelobt und geliebt wurde, wenn sie alles richtig machte. „Nur gut zu sein, war zu wenig. Ich wollte perfekt sein, auf allen Gebieten: eine tolle Mutter, eine super Ehefrau, eine makellose Hausfrau, eine ideale Kollegin.“

In jeder freien Minute arbeitete Klara in ihrem Haushalt, auch wenn das niemand einforderte. Zum Entspannen hatte sie schlichtweg keine Zeit. „Mein Mann Jakob hat nie verstanden, warum ich mich selbst so unter Druck setze“, gibt sie heute zu. Zudem half der 43-jährige Rettungssanitäter gerne mit: kochte, kaufte ein, kümmerte sich um die Kinder. „Und dass er sich beim Bügeln und Putzen zurückhielt, ist ehrlich gesagt meine Schuld. Er konnte es mir nie recht machen. Ich fand immer was zum Nachbessern. Da hat er dann nichts mehr angefasst.“

Auch die Kinder waren zunehmend genervt. Ihre Schränke mussten nach einer bestimmten Ordnung eingeräumt, die Zimmer aufgeräumt sein. In der Küche durfte nichts auf der Arbeitsfläche stehen, und im Kellerregal mussten selbst die Vorräte in Reih und Glied geordnet sein. 

Perfektionswahn versus Stressbewältigung im Alltag

Noch schlimmer wurde ihr Perfektionswahn, als sie den Internetdienst Pinterest entdeckte. „Jeden Tag sah ich mir neue Bilder von wunderschönen, selbst gemachten Dekorationen, Kuchen, Torten und Cupcakes an. Und die Frauen, die das so mühelos zauberten, schienen alle top gepflegt und glücklich zu sein. Warum kriegten die das alles hin und ich nicht? Ich hielt mich für eine totale Versagerin." Die Stimmung zu Hause und auch in der Praxis wurde immer schlechter. „Ich war gereizt, blaffte alle an und ging bei der leisesten Kritik in die Luft“, sagt Klara. „Ich war eben völlig überlastet und erschöpft.“

Die Kollegen gingen ihr mit der Zeit nur noch aus dem Weg, und zu Hause bat Jakob: „Lach doch mal wieder. Stell einfach mal Wurst und Brot auf den Tisch, und dann spielen wir mit den Kindern Karten. Die wollen nicht immer nur still zusehen, wie du hektisch durch die Wohnung wuselst.“ Nach solchen Appellen war Klara immer beleidigt. Sie arbeitete bis zur Erschöpfung, und das wurde nicht einmal gewürdigt. So sah sie das damals. Und dann begann die Zeit, wo ihr die eigenen Ansprüche über den Kopf wuchsen. Der Berg der Bügelwäsche wurde immer höher, weil sie es nicht mehr schaffte, die Bettwäsche für vier Leute wegzubügeln. Klara machte aber etwas perfekt oder gar nicht. Dann entsprach der Keller nicht mehr ihren Anforderungen – sie betrat ihn nicht mehr. Die ungeputzten Fahrräder blieben in der Garage – dann lieber gar nicht mehr radeln. „Immer mehr blieb liegen, und ich wurde immer unglücklicher. Als Karin und Peter mehr Aufmerksamkeit von ihrer Mama forderten, konnte ich nichts mehr geben.“

„Ich war nicht mehr gefragt.“

Die Konsequenz daraus bekam Klara schnell zu spüren: „Ich war nicht mehr gefragt. Wenn die Kids Spaß haben wollten, wandten sie sich an Jakob.“ Doch dass die gesamte Familie in den Streik treten würde, hätte Klara dennoch nie gedacht: „Kurz vor Ostern 2013 saßen wir beim Frühstück. Ich hatte schon irre Pläne für alle geschmiedet, wie Garage ausräumen und im Garten arbeiten. Aber dann gab es massiven Widerstand.“

Ohne uns, verkündeten die Kinder. „Du bist ja doch wieder nur genervt und vermiest alles“, meinten sie. Tochter Karin fuhr über die Feiertage zu einer Freundin. Peter und Jakob machten mit Freunden eine Radtour. 

Plötzlich saß Klara ganz alleine zu Hause. Ihr klangen Jakobs Abschiedsworte noch in den Ohren: „Du bist ständig so schlecht drauf, dass du uns alle runterziehst. So wollen wir nicht leben. Jetzt hast du hier deine Ruhe. Vielleicht nutzt du sie mal für etwas anderes als zum Putzen. Denk mal über unsere Ehe nach.“

„Ich habe gemerkt, dass ich mich wirklich ändern muss.“

Damals stürzte die Welt für Klara ein. „Ich habe nur noch geheult. Aber ich habe nach diesem Schock gemerkt, dass ich mich wirklich ändern muss, wenn ich meine Familie und meinen Mann behalten will.“ Seitdem ist eine Menge passiert: „Ich habe mir einen Wellness-Urlaub am Meer gegönnt und über alles nachgedacht. Brutal ehrlich. Seither gehe ich es viel ruhiger an. Die Kinder sind für ihre Zimmer alleine zuständig, und Jakob und ich teilen uns den Haushalt. Der ist jetzt nicht mehr perfekt – das muss ich aushalten. Aber meine Kinder sind jetzt wieder gerne mit mir zusammen und mein Mann erst recht. Wir haben sogar wieder richtig guten Sex.“ 

Stress abbauen: Tipps für den Alltag

Die Angst vor Versagen ist ein schlechter Ratgeber

Menschen, die in jedem Bereich nach Perfektion streben, sind meist tief innerlich unsicher und ängstlich. Wer sich ändern, gelassener und ruhiger werden will, muss sich seinen Ängsten stellen und mit gezielten Übungen Stress abbauen.

Erster Schritt um Entspannung zu lernen: Mut zum Unperfektsein

Immer ganz vorn dabei zu sein, alles alleine zu schaffen, ist auf Dauer furchtbar anstrengend. Und was wäre denn das Schrecklichste, das passieren könnte, wenn die Leistung mal „nur“ bei 80 Prozent liegt? Man etwa mal ungeschminkt zum Einkaufen geht, mal eine Dose aufmacht, statt selbst zu kochen. Antwort: Nichts passiert. Und: Rein rechnerisch lohnen sich 100 Prozent nicht, denn man braucht viel mehr Zeit für den letzten Schliff als für die Erledigung der gesamten Aufgabe.

Grenzen akzeptieren, vor allem die eigenen

Höher, schneller, weiter, mehr – scheint heute das Maß aller Dinge zu sein. Doch mit diesem Grundsatz mutiert man nicht nur im Job schnell zum Hamster im Rad. Man muss nicht alles im Laufschritt tun, denn das ist tödlich, wenn man Stress abbauen möchte. Lieber mal stehen bleiben, Luft holen! Ausruhen heißt nicht faul sein. Jeder braucht Entspannung, um seine Akkus aufzuladen und sich dann mit neuer Kraft neuen Herausforderungen zu stellen.

Gönnen Sie sich selbst ein bisschen Nachsicht

Es bringt nichts, sich selbst zu zerfleischen, wenn mal was nicht geklappt hat. Selbstzweifel ziehen nur runter und machen unsicher. Dies hat auch noch eine andere Konsequenz: Wer alles perfekt erledigen will, schiebt Aufgaben oft vor sich her. Das nennt sich Prokrastination (Aufschieberitis). Abhilfe schafft der Umgang mit To-Do-Listen: Setzen Sie Prioritäten, schreiben Sie auf, was zu erledigen ist, und arbeiten Sie die Liste in aller Ruhe ab. 

Tipps aus der Natur

Nach einem gestressten Arbeitstag wirkt Vanille wie Balsam für die Seele. Die Kraft der Aromabausteine wirkt ausgleichend. Gönnen Sie sich ein Vanille-Bad: fünf Tropfen Vanilleöl mit zwei Esslöffel Sahne verrühren und in die volle Wanne gießen. Denken Sie dabei maximal zwei Minuten darüber nach, was an diesem Tag hätte besser laufen können. Dann haken Sie es ab, sagen laut: „Vergiss es!“ und legen sich aufs Ohr. Morgen ist ein neuer, unperfekter Tag.

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