Arm trotz Arbeit: Mareike über ihr Leben mit Niedriglohn

„Jeder Euro mehr oder weniger zählt“

Sie hat die Angebote der Discounter immer im Blick, kauft secondhand und wird sich vermutlich nie einen längeren Urlaub leisten können. Doch lieber so, als wieder von Hartz IV leben zu müssen. Mareike (42) erzählt von ihrem Leben mit Niedriglohn.

„Gestern bin ich nach der Arbeit schnell zum Supermarkt geflitzt: Dort gab es Pesto im Angebot. Ich liebe Spaghetti damit und kaufe Pesto immer auf Vorrat. Für fünf Gläser habe ich fünf Euro weniger gezahlt als regulär. Klar, viel ist das nicht, aber es macht sich bemerkbar.

Bei mir ist das Geld knapp, immer. Obwohl ich 40 Stunden in der Woche arbeite. Fakt ist, dass ich als Floristin wirklich nicht gut verdiene, genau 2.000 Euro brutto. Davon bleiben mir netto 1.390 Euro. Für meine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung zahle ich 550 Euro warm – aber ich hatte Glück, sie überhaupt zu ergattern. Bei den Mietpreisen! Abzüglich sämtlicher Fix-Kosten, die ich sonst noch habe, bleiben mir im Monat nur 410 Euro, also etwas mehr als 13 Euro pro Tag für Essen, Kleidung und so weiter. Nicht viel, wie gesagt. Da zählt jeder Euro mehr oder weniger.

„Ich weiß immer genau, wie viel Geld ich noch auf dem Konto habe“

Floristin war immer mein Traumberuf. Ich liebe Blumen und Pflanzen. Früher habe ich immer von einem eigenen Geschäft geträumt. Als meine ehemalige Chefin Insolvenz anmelden und mir kündigen musste, bestärkte mich mein damaliger Lebensgefährte darin, es mit der Selbstständigkeit zu probieren. Er bot mir an, mich bei der Geschäftsgründung finanziell zu unterstützen. Ich nahm sein Angebot an. Ein Fehler, wie sich später herausstellte. Ich besuchte Existenzgründer-Seminare, suchte nach einem geeigneten Ladenlokal. Doch das war schwieriger als gedacht und dauerte. Dann trennte sich mein Lebensgefährte von heute auf morgen von mir. Plötzlich war ich allein. Ohne Job, ohne Geld, in einer viel zu teuren Wohnung. Die Kosten wuchsen mir über den Kopf. Meine Ersparnisse waren schnell aufgebraucht, der Traum von meinem eigenen Geschäft geplatzt und kein neuer Job in Sicht. Immerhin fand ich durch Zufall eine günstigere Wohnung.

Mir blieb nichts anderes übrig, als Hartz IV zu beantragen. Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Auf dem Amt musste ich alles offenlegen – mein ganzes Leben. Aber ich brauchte das Geld. Zu Hause setzte ich mich mit einem Taschenrechner an den Tisch. Was ging, was nicht, was musste weg, was konnte ich verkaufen, und wie viele Tage musste ich überbrücken? Mittlerweile bin ich im Überschlagen von Kosten Profi geworden. Ich weiß immer, ob ich mir am Monatsende noch frisches Obst leisten kann oder ob das ausfällt.

„Von meinem Gehalt für die Rente sparen? Das geht gar nicht"

Etwas mehr als ein halbes Jahr habe ich Hartz IV bezogen. Ich bewarb mich, bekam aber nur Absagen. Die Arbeitslosigkeit war nervtötend, anstrengend. Ich merkte, wie ich langsam abglitt. Manchmal saß ich schon vormittags vor dem Fernseher, eigentlich gar nicht meine Art. Als die 30. Absage kam, war mein Selbstvertrauen auf dem Tiefpunkt. Ich hing zu Hause rum und war völlig antriebslos. Mein Berater im Jobcenter sagte: Werden Sie aktiv. Da habe ich mir eine Freundin zu Hilfe geholt und mit ihr Vorstellungsgespräche geübt. Es musste einfach was passieren. Dann bin ich los, von einem Blumenladen zum anderen und habe mich vorgestellt. Und eines Tages hatte ich Glück. Durch Zufall hatte gerade eine Mitarbeiterin gekündigt. Ich arbeitete noch am selben Tag zur Probe – und habe den Chef überzeugt. Als die Zusage kam, war ich überglücklich. Da ist es auch egal, dass ich jetzt in der Hamburger Innenstadt arbeite und am Tag gut 40 Kilometer zur Arbeit pendeln muss. Das kriegt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut hin. Als das erste Gehalt nach dieser Zeit kam, habe ich gefeiert. Ein herrliches Gefühl, Geld zu erhalten für die Arbeit, die man geleistet hat. Ehrlich verdient.

Viel Gehalt bekomme ich natürlich nicht. Allerdings gönne ich mir einen Luxus: mein Auto. Es ist klein und schon älter, aber fährt mich an den Wochenenden überall hin. Das ist ein tolles Gefühl. Urlaube sind bei mir einfach nicht drin, und so komme ich wenigstens raus, kann etwa mal einen Tag an die Ostsee fahren. Darauf will ich nicht verzichten. Ansonsten bin ich ein echter Sparfuchs geworden.

Natürlich bleiben trotzdem noch Sorgen: Wenn etwa meine Waschmaschine kaputt gehen würde, hätte ich kein Geld für die Reparatur. Fürs Alter vorsorgen kann ich auch nicht. Obwohl meine Rente wirklich klein sein wird. Aber es hilft ja nichts. Bislang habe ich alles hingekriegt und werde es auch weiter schaffen. Hauptsache, ich kann wieder arbeiten. Das gibt mir ein gutes Selbstbewusstsein. Ich sorge für mich, und mir geht es gut. Das ist doch schon ganz schön viel!“

Infos zum Thema: Später droht die Altersarmut

Rund 4,2 Millionen Deutsche arbeiten in Vollzeit für einen Niedriglohn. Sie müssen jeden Cent umdrehen, um damit irgendwie über die Runden zu kommen. Rund 27 Prozent sind Frauen, die häufiger in geringer bezahlten (Dienstleistungs-)Berufen arbeiten oder in Teilzeit.

Was bedeuten die Begriffe Niedriglohn und Mindestlohn? 

Wer in Westdeutschland weniger als 2.226 Euro Brutto-Gehalt im Monat verdient, zählt zu den Niedriglohn-Empfängern. In den ostdeutschen Bundesländern liegt die Niedriglohngrenze bei 1.766 Euro. Der Mindestlohn wurde 2015 eingeführt und betrug damals 8,50 Euro pro Stunde. Zum 1. Januar 2019 wurde er auf 9,19 Euro angehoben.

Wie kommt es überhaupt dazu, dass oft so wenig gezahlt wird? 

Viele Firmen sind nicht an Tarifverträge gebunden. Das heißt: Sie müssen sich nicht an vorgegebene Gehälter halten, sondern können sie selbst festlegen. Aufgrund ihrer Organisation gibt es in vielen Betrieben auch keinen Betriebsrat, der sich für gerechtere Bezahlung der Mitarbeiter einsetzen könnte.

Was bedeutet ein dauerhafter Niedriglohn für die Rente?

Zum einen zahlen Niedriglohn-Empfänger weniger in die Rentenkasse ein, zum anderen ist eine Rücklagen-Bildung natürlich sehr schwierig. Wer vom Niedriglohn im Rentenalter nur noch die vorgesehenen rund 60 Prozent bekommt, der fällt schnell in die Kategorie „Altersarmut“. Die betrifft vor allem Frauen, die in den eher schlecht bezahlten Berufen arbeiten, seltener Karriere machen und zu Gunsten von Kindern oder kranken Angehörigen in Teilzeit gehen.

Wie hoch ist der durchschnittliche Lohn in Deutschland?

Der liegt laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung derzeit bei 16,70 Euro pro Stunde. Damit Arbeitnehmer nicht mehr unter die derzeitige Niedriglohnschwelle rutschen, wäre für Deutschland ein gesetzlich festgelegter Stundenlohn von 11 Euro pro Stunde nötig.

Muss man das einfach hinnehmen, oder kann man etwas tun?

Wer den Arbeitgeber nicht wech- seln will, kann wenig tun. Bei Gehaltsverhandlungen hat man mit Fortbildungen bessere Karten.

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