Minimalistisch leben: Weniger ist mehr!

Der neue Minimalismus: Ein Lebensstil gewinnt an Bedeutung

Ein neuer Lebensstil findet immer mehr Anhänger: minimalistisch leben. Besitztümer und Statussymbole verlieren ihre Wichtigkeit. Doch was genau macht die Lebensform aus und für wen ist sie geeignet?

Der Lippenstift, die tolle Tasche, das aktuelle Handy – natürlich locken uns schöne, neue Dinge. Aber die jüngere Generation, besonders in den Städten, klinkt sich zunehmend aus dem Konsum aus. Mein Haus, mein Auto, meine Designer-Möbel – das sind für sie keine Statussymbole mehr. Stattdessen werden Mini-Häuser oder -Wohnungen nachgefragt, man betreibt Car-Sharing und peppt eigenhändig Omas Kommode wieder auf. Das größte Statussymbol ist heute Zeit, wie Studienergebnisse bestätigen. Demnach machen Erlebnisse mit Freunden und Familie glücklicher als eine weitere gekaufte Sache. Minimalismus ist der Verzicht auf Dinge, die wir nicht brauchen, und minimalistisch leben ist in.

Woher kommt der minimalistische Trend?

Der Minimalismus-Trend ist eigentlich gar kein Trend – denn diese Bewegung gibt es schon seit langer Zeit. Angefangen mit der Kunstrichtung in den 1960ern, die das Gegenstück zum Expressionismus darstellt. Die Werke des Minimalismus bestehen nur aus reduzierten Formen und Farben. Heutzutage ist der minimalistische Gestaltungsstil angesagter denn je: Ob im Interieur, in der Mode oder gar bei technischen Geräten. Simples Design mit wenigen, auserwählten schlichten Formen und Farben finden wir in allen Kategorien.

Minimalistisch leben im eigenen Zuhause

“Minimalistisch wohnen“ – wir denken wahrscheinlich alle zuerst an den oft steril anmutenden Wohnstil, der in den 90er-Jahren gefeiert wurde. Ja, das ist augenscheinlich Minimalismus in der reinsten Form – die Einen finden es ungemütlich, für viele Ästheten ist dies die einzig wahre Wohnform. Es muss nicht so “übertrieben“ sein, aber es macht Sinn, sich einmal mit dem Gedanken zu befassen: Was braucht man wirklich zum Wohlfühlen und Glücklichsein? Spätestens beim Aufräumen oder dem alljährlichen Frühjahrsputz werden wir mit Dingen konfrontiert, die wir eigentlich gar nicht benötigen. Oder zu viel haben. Was hortet man nicht alles?! Brauchen wir wirklich noch das zehnte Platzdeckchen, die hundertste Tupperdose oder das dritte Geschirr für einen besonderen Anlass, der alle 10 Jahre einmal vorkommt? Und wie viele Kommoden, Schränke und Vitrinen haben Sie angeschafft, um all die Dinge, die Sie eigentlich nicht brauchen, unterzubringen? Sich Luft verschaffen, Platz in den eigenen vier Wänden schaffen und sich hauptsächlich mit Dingen umgeben, die wichtig sind – darum geht es im Kern beim minimalistischen Wohnen. Minimalismus schafft nicht nur Platz in den eigenen vier Wänden, es macht auch den Kopf frei. Dann das hat etwas zu tun mit insgesamt aufgeräumt sein – probieren Sie es!

Minimalistisch leben bei der Arbeit

Wir leben, um zu arbeiten. Lange galt dieser Satz als Dogma unserer Gesellschaft. Wer lange im Büro saß, galt als strebsam und machte Karriere. Aber die aktuellen Zahlen sprechen eine andere Sprache: Über die Hälfte aller Arbeitnehmer in Deutschland fühlt sich gestresst und ausgelaugt. Das ändert auch die Wahrnehmung der Menschen. Heute sind Aussteiger angesehen, die sich ihren Traum erfüllen oder um die Welt reisen. Nicht umsonst ist das Sabbatical, ein Auszeit-Jahr vom Job, so beliebt. 

Minimalistisch leben heißt auch kürzer treten – etwa nur noch halbtags arbeiten. Schweden macht es gerade vor und testet den 6-Stunden-Arbeitstag – bei gleicher Bezahlung. Das wird sich bei uns in Deutschland wohl nicht ohne Gehaltsverzicht durchsetzen. Und dazu sind viele Jobeinsteiger bereit, fordern lieber Gleit- und Auszeiten und verzichten dafür aufs Eigenheim oder das Auto. Dank des Internets gibt es zunehmend Berufe, die eine Anwesenheit im Büro oder im Land überflüssig machen. Um die Welt reisen und dabei arbeiten – das sind heute die Traumjobs. Dann braucht man in Deutschland nur noch eine Meldeadresse.

Minimalistisch leben im Alltag

Im täglichen Leben ist der Trend zum Schlichteren schon lange angekommen. Wohnungen werden spärlicher möbliert, Bücherwände sind dem Kindle gewichen, Plattensammlungen dem MP3-Player, ganze Küchen der Open Kitchen. Geräte wie etwa der Rasenmäher oder die Bohrmaschine werden ausgeliehen. So spart man sich die Kosten und den Stauraum. In Tauschringen und -börsen kann man mit Kleidung, Spielzeug und sogar Dienstleistungen handeln. 

In Städten sparen sich immer mehr Leute das Auto und das Fahrrad. Carsharing und Call-a-Bike-Systeme ersetzen sie zum Minipreis. Statt in der Mittagspause in die Kantine oder zum Imbiss zu gehen, bringen Angestellte ihr selbst gekochtes Essen wieder im Henkelmann mit. Diese Art von minimalistischem Leben spart Kosten, Zeit und hilft auch noch der Umwelt. Auch Handarbeiten stehen hoch im Kurs: Nähen, Stricken, Häkeln und Basteln.

Auch, wenn etwas kaputt geht, sollte man zunächst versuchen, den Gegenstand zu reparieren und ihn nicht gleich wegwerfen oder ersetzen. Wer etwas repariert, übt sich auch in handwerklichem Geschick und kann hinterher stolz auf seine Arbeit sein. "Do it yourself" ist die Devise, und jeder freut sich über einen neuen Tipp oder eine schöne Idee. Keine schlechte Entwicklung, oder?

Minimalistisch einkaufen

Am besten greifen Sie zu unverpackten und frischen Lebensmitteln. Es gibt immer mehr Unverpackt-Läden, die auf Plastikverpackungen und Co. in Gänze verzichten. Dort können Sie das Essen in selbst mitgebrachte Behältnisse füllen und so der Umwelt etwas Gutes tun. Gehen Sie auf dem Wochenmarkt einkaufen, dort sind die Lebensmittel ebenfalls frisch und ohne Verpackung erhältlich.

Minimalistisch leben zu Hause

Laut einer Statistik besitzt jeder Deutsche rund 10.000 Gegenstände. Hört sich im ersten Moment nach enorm viel an. Doch ein Blick in den Kleider- oder Küchenschrank zeigt: Das kann gut hinkommen. Dem US-Amerikaner Dave Bruno war alles zu viel. 2008 entschied er, fortan minimalistisch zu leben und der Überflussgesellschaft zu beweisen: Weniger ist mehr. Und so mistete er seinen Besitz aus, bis er bei 100 Dingen war. Damit lebt er nun glücklich, zufrieden und frei, wie er sagt. Was er noch besitzt? Ein Zelt und einen Campingkocher zum Beispiel. Auch das Skateboard hat er behalten. Minimalistisch wohnen heißt schließlich nicht spaßfrei wohnen…

Sein Beispiel machte Furore: Überall machen es ihm Menschen nach, trennten sich von Ballast und holten den Minimalismus in ihr Leben. Dass wir unter zu viel Dingen leiden, zeigte in Deutschland bereits 2004 der riesige Erfolg des Buches „Simplify your life“ von Marion und Werner Tiki Küstenmacher. Die Aufräumbibel heute heißt „Magic Cleaning“ von Marie Kondo. Die Bestseller zeigen, dass ein großes Bedürfnis danach besteht, Haushalt und Leben übersichtlicher und einfacher zu gestalten. Auch das ist eine Seite des Minimalismus.

Vorteile von Minimalismus im Überblick

  • Man produziert weniger Müll, indem man weniger konsumiert.
  • Weniger Besitz bedeutet auch weniger Sorgen (etwa um ein Haus, Auto o.ä.)
  • Man lernt die nötigen Konsumgüter zu schätzen und fokussiert sich auf die wirklich wichtigen Dinge. Das bedeutet auch weniger Verlustängste und mehr Dankbarkeit!
  • Man lernt sich selbst besser kennen, denn mit weniger Besitz muss man manchmal improvisieren und sich ständig gut einschätzen können.
  • Wenig Besitz erlaubt mehr Flexibilität, zum Beispiel in Bezug auf Reisen oder Umzüge. Man ist weniger gebunden.
  • Geld sparen ist wohl eines der größten Benefits des Minimalismus!
  • Auch mehr Platz spricht definitiv für den reduzierten Trend.
  • Wer weniger Kram besitzt, hat automatisch mehr Ordnung Zuhause.
  • Man konsumiert bewusster, denkt nach bevor man etwas kauft und hinterfragt die Notwendigkeit.

Minimalismus: Tipps und Infos im Internet

Minimalismus kennt keine Grenzen. Auch im Internet ist er präsent und gibt uns jede Menge Anregungen:

Der Minimalist: Michael ist ein deutscher Blogger und Minimalist. 2010 krempelte er sein Leben um und schreibt darüber auf seinem Blog www.minimalismus-leben.de

Vertauscht: Es gibt viele Online-Tauschbörsen. Das Prinzip: tauschen statt wegwerfen, z. B. mit Büchern, DVDs und CDs: z. B. www.tauschticket.de

Kleine Häuser: Ein absoluter Trend – die sogenannten Minihäuser. Die Größe variiert, fängt bei 18 qm an und geht bis maximal 100 qm: www.tiny-houses.de

Essen retten: Jedes Jahr landen Millionen Tonnen an Lebensmitteln im Müll. Warum nicht tauschen statt wegschmeißen? Etwa bei www.foodsharing.de

Datum: 15.05.2020
Autor: Lena Radke