Die Frau ohne Vagina: Linda leidet am MRKH-Syndrom

Wie lebt sie mit diesem Schicksal?

31. März 2017

Eine Diagnose, brachte die Welt der jungen Frau ins Wanken: Linda (34) leidet am sogenannten MRKH-Syndrom. Sie ist ohne Vagina auf die Welt gekommen. Wie kommt sie mit diesem Schicksal klar?

Sie klammert sich an ihrer Kaffeetasse fest. „Bitte nicht schon wieder das Thema Kinder, fleht die gebürtige Kölnerin innerlich. Doch da ist es schon geschehen. Ihre Kolleginnen unterhalten sich am Mittagstisch angeregt darüber, was ihre Kinder in der Krippe erlebt haben. Sabine, ihre jüngere Kollegin, ist gerade schwanger und berichtet von ihrer morgendlichen Übelkeit. Linda lächelt nett, vesucht, sich unauffällig zu verhalten – bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Zu spät. Miriam fragt: „Und du, Linda? Willst du denn gar keine Kinder?“ Die Frage sitzt. Linda wird heiß. „Doch“, sagt sie leise. „Aber es klappt nicht“, ergänzt sie mit brüchiger Stimme. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. 

Diagnose MRKHS: Die 16-jährige Linda ist geschockt 

Was Linda nicht erzählen möchte: Sie leidet an dem MRKH-Syndrom. Das heißt: Sie ist ohne Vagina auf die Welt gekommen. Als Linda 15 Jahre alt ist, hat sie als Einzige in ihrem Freundeskreis noch nicht ihre Periode bekommen. Unter ihren Freundinnen gilt sie als Spätzünder. Weil die Menstruationsblutung ein Jahr später noch immer ausbleibt, sucht ihre Mutter mit ihr einen Arzt auf. Die Frauenärztin stellt viele Fragen und erklärt ihr am Ende: Die Periode werde schon irgendwann kommen. Sie müsse nur Geduld haben. 

Monate später versuchen sie, die Regelblutung mit Hormontabletten auszulösen. Doch nichts passiert. Bei einer weiteren Untersuchung ertastet die Frauenärztin dann eine extrem verkürzte Vagina. Während sie bei normal entwickelten Frauen acht bis zwölf Zentimeter lang ist, misst die von Linda nicht mal drei Zentimeter. Dort, wo das schlauchförmige Organ das äußere Genital normalerweise mit der Gebärmutter verbindet, ist bei Linda nur eine Mulde. Die damals 16-Jährige und ihre Mutter sind geschockt.

Und was heißt das jetzt genau?

Linda wird an eine größere Klinik in der Nähe überwiesen. Dort bringt eine Kernspin-Untersuchung Klarheit. Der Arzt vor Ort erklärt der 16-Jährigen, dass ihre Vagina nicht vollständig ausgebildet ist. „Ich weiß noch, dass ich gar nicht richtig realisierte, was der Arzt mir damit eigentlich sagen wollte. Als er mir dann mitteilte, dass meine Vagina so gut wie gar nicht vorhanden ist, dachte ich noch: Na und? Dann ist meine eben ein bisschen kleiner als die von anderen Frauen“, erinnert sich Linda. 

Erst als der Arzt ihr anhand eines Bildes veranschaulicht, dass ihr auch die Gebärmutter fehlt, versteht Linda langsam, welche Tragweite diese Diagnose für sie hat. „Er sagte mir, dass ich am so genannten MRKH-Syndrom leide. Dass ich aufgrund dieser Fehlfunktion meines Körpers niemals Kinder werde bekommen können. Und: Dass ich so auch keinen Geschlechtsverkehr haben könnte.“ Linda ist völlig geschockt. All ihre Pläne und Wünsche sind auf einmal wie weggewischt.

Es war, als hätte ein großer Wirbelsturm alles durcheinandergebracht. Es war nichts mehr, wie es einmal war. Ich war damals ja gerade erst 16 geworden, aber trotzdem hatte ich schon konkrete Vorstellungen von meiner Zukunft. Ich wollte einen Ehemann und mindestens zwei Kinder. Und das sollte jetzt alles nicht mehr gehen?

Linda hat schwer mit ihrer Diagnose zu kämpfen. Aus Angst, jemand könne herausfinden, dass sie diese Fehlbildung hat, zieht sie sich immer mehr zurück. Die Frage, was sie ist, beschäftigt sie laufend. „Ich fühlte mich einfach nicht normal. Was war ich denn? Wie kann ich eine Frau sein, ohne das wichtigste Merkmal einer solchen zu besitzen?“ Linda wird geradezu panisch bei dem Gedanken, ihre Freunde könnten von ihrer Fehlbildung erfahren. 

Eine Beziehung ist für Linda ausgeschlossen

Eine Beziehung zu einem Jungen ist für sie so gut wie ausgeschlossen. Jedes Mal, wenn sich ein Junge ihr nähern will, blockt sie ab. „Damit keiner etwas mitbekommt, habe ich meinen Freundinnen erfundene Geschichten von Männern erzählt, mit denen ich schon sexuell aktiv war.“ Linda ist fast erleichtert, als ihre Schulzeit zu Ende ist. Nach dem Abitur geht sie nach Dortmund und macht eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Dort hofft sie, sich ein neues Leben aufbauen zu können.

Doch die Probleme waren ja immer noch da. Ich war einfach extrem verunsichert, was meine Sexualität und meine weibliche Identität angeht. Ich sah mich selbst nicht als Frau – wie sollten das dann andere Menschen und vor allem Männer tun. Und was sollten die auch mit mir anfangen? Ich konnte ihnen ja nichts bieten. Und welcher Mann bleibt schon bei einer Frau, die ihm keinen Sex bieten kann?

Linda merkt schließlich, dass es so nicht weitergehen kann. Sie besucht ein Forum für MRKH-Betroffene. Dort kann sie sich mit anderen Frauen austauschen. Erst durch sie lernt Linda, mit ihrer Fehlbildung anders umzugehen. Und: Sie bekommt dort den Tipp, mit einer Psychologin über ihr Problem zu sprechen. Ihre Rettung! Mit der Therapeutin versucht Linda, ihre tiefsitzenden Ängste aufzuarbeiten. Und auch, wenn es ihr schwerfällt: Sie macht Fortschritte. Außerdem will sie sich bei einer Klinik vorstellen. Denn sie hat erfahren, dass es Möglichkeiten gibt, die Vagina operativ auszubilden. Nur Kinder wird die heute 34-Jährige wohl nie bekommen können.

Tipps & Infos: Was genau ist MRKHS?

Etwa 6.000 bis 8.000 Frauen in Deutschland leiden an dem Syndrom. Was heißt das für sie? 

  • Was bedeutet MRKHS? Das Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom betrifft nur Frauen. Betroffene haben keine Gebärmutter und Vagina, in der Regel aber völlig intakte Eierstöcke. Genetisch sind die Frauen nicht beeinträchtigt und haben weibliche Chromosomen.
  • Wie oft kommt das vor? Eine von 5.000 Frauen weltweit hat MRKHS. Wodurch es ausgelöst wird, ist noch nicht erforscht. Fest steht: Die Fehlentwicklung der so genannten Müller-Gänge entsteht rund um den zweiten Schwangerschaftsmonat.
  • Was heißt das für die Frau? Eine Frau mit MRKHS hat in der Regel keine Chance, jemals eigene Kinder zu bekommen. In einigen Ländern (z. B. USA, Kanada) suchen sich betroffene Frauen und ihre Partner eine Leihmutter – in Deutschland und fast allen europäischen Ländern ist eine Leihmutterschaft allerdings verboten. Ende 2014 kam es zu einem Durchbruch: Weltweit erstmals brachte eine Frau in Schweden mit transplantierter Gebärmutter ein Kind zur Welt.

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