Ihr Leben war die Hölle: Michaela wuchs mit einer narzisstischen Mutter auf

„Ich wurde emotional missbraucht“

Die psychische Krankheit ihrer Mutter macht Michaela (38) das Leben zur Hölle. Ständig wird sie klein gemacht, manipuliert, bedroht. Sie ist dafür da, dass es der Mutter gut geht. Erst vor zwei Jahren hat sie dank eines Arztes das ganze Ausmaß erkannt.

Schon im Grundschulalter merkt Michaela: Ihre Mutter ist anders. Damals glaubt sie fest, dass sie im Krankenhaus vertauscht wurde. Für sie der einzig erklärbare Grund, warum ihre Mutter sie nicht so lieben kann, wie andere Mütter ihre Kinder lieben. Selbst Michaelas Freunde fragen, was denn mit der Mutter los sei? „Aber da konnte ich nur mit den Schultern zucken. Ich wusste es ja auch nicht. Und ich kannte es auch gar nicht anders.“ Heute weiß sie: Ihre Mutter leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Wenn ich etwas nicht so machte, wie sie wollte, schwieg sie tagelang

Aber was genau ist das? Was bedeutet es für das Miteinander? Michaela erinnert sich: „Wenn ich etwas nicht so gemacht habe, wie sie es wollte, gab es als Bestrafung das Silent Treatment, also Schweigen.“ Und dieses Schweigen ist nicht kurz mal eben, sondern dauert viele Tage lang. Eine andere Form ist das so genannte Gaslighting, unter dem Michaela noch mehr gelitten hat. „Wenn wir zum Beispiel etwas verabredet hatten und ich sie kurz davor noch einmal darauf angesprochen habe, sagte sie ,Du spinnst ja!‘ oder ,Darüber haben wir nie gesprochen‘ und gern auch: ,Das bildest du dir doch alles nur ein‘.“ Das verunsicherte die kleine Michaela total. Immer ist sie schuld, schlampig, vergesslich, faul. Als Michaela 14 ist, trennen sich ihre Eltern. Ihr Vater hatte sich der Mutter ebenfalls immer untergeordnet. Doch Partner können einen zerstörerischen Menschen verlassen – Kinder können das nicht. Michaela bleibt zunächst im Kontakt zu ihrem Vater. Ein Unding für die Mutter. „Du hältst nicht zu mir. Du machst mir so das Leben schwer!“

Ich kam nach Hause, und meine Mutter lag wie tot auf dem Bett

Auch Schläge muss Michaela einstecken. Obwohl sie sagt: Das sind zumindest Wunden, die heilen. „Viel schlimmer als das Schlagen selbst war es, wenn meine Mutter vor mir stand und laut darüber nachdachte, wie sie es am besten macht, damit es mehr weh tut.“ Seelisch grausam sind auch die von der Mutter vorgespielten Suizidversuche. Beim ersten Mal ist alles abgedunkelt und die Mutter liegt wie tot auf dem Bett. Michaela ruft den Rettungswagen. Doch als der eintrifft, ist die Mutter schon aufgestanden. Sie habe nur geschlafen. Noch einige Male wird sie genau
diese Szenerie für ihr Kind nachstellen. Jedes Mal, wenn die Mutter ihr nicht antwortet, schleicht Michaela panikerfüllt von einem Raum zum nächsten, in der Erwartung, gleich die tote Mutter zu finden. „Es geht den Menschen, die an dieser Störung leiden, vor allem darum, Macht über andere zu haben“, weiß sie heute. 

In der Schule wird Michaela gemobbt. Das ist schrecklich, aber hat ein Gutes: Sie geht zum Schulpsychologen. Ihm kann sie ihr Herz ausschütten, auch über ihr Zuhause. Und der erkennt: Das Problem liegt nicht an der 17-Jährigen, sondern an deren Mutter. Er schreibt eine Empfehlung, dass Michaela von zu Hause ausziehen sollte. Und genau das passiert. Erst einmal bricht die junge Frau den Kontakt ab. Doch durch ihren ersten Ehemann geht sie wieder einen Schritt auf die Mutter zu. „Außenstehende wie er können es oft nicht nachvollziehen. Sie sagen, man stelle sich an, so schlimm könne es doch nicht sein, oder: Du hast doch nur die eine Mutter!“ Michaela, von Grund auf verunsichert, denkt: Vermutlich hat er recht. Die erste Ehe ist unglücklich. 

Michaela lässt sich scheiden, heiratet erneut und bekommt ein Kind. Im neuen Haus ist eine Einliegerwohnung – dort zieht die Mutter ein. „Damals dachte ich noch, dass eine familiäre Struktur ihr Halt gibt und sie ändert.“ Ein großer Fehler. Alles eskaliert, als das zweite Kind geboren wird. Die Mutter will mit diesem Enkel nichts zu tun haben, weil sie dessen rötliche Haare als Teufelszeichen ansieht. Michaela ist wie vom Donner gerührt, kann nichts sagen – wie damals als Kind. Doch jetzt ist für sie das Maß voll. Beim Hausarzt erfährt sie, dass das völlig absurde Verhalten der Mutter einen Namen hat: narzisstische Persönlichkeitsstörung. Sie sucht sich Hilfe bei einem Therapeuten – und schließt sich einer Selbsthilfegruppe von Betroffenen an. „Es ist unglaublich, wie viel Ähnlichkeiten unsere Geschichten haben.“

Per Gerichtsbeschluss wird sie auch die Mutter los, die sich trotz Kündigung weigert, auszuziehen. Aber Michaela weiß: „Sie wird mich mein Leben lang beschäftigen.“  

Tipps und Infos zum Thema: Wenn die Gefühle nur noch um das Ego kreisen

Die narzisstischen Persönlichkeitsstörung erkennt man an verschiedenen Merkmalen. Treffen mehr als die Hälfte auf einen Menschen zu, wird er sehr wahrscheinlich daran leiden.

Grandios wichtig fühlen sich die Menschen und übertreiben ihre Leistungen und Talente. Sie erwarten zudem, dass alle ihre Überlegenheit anerkennen.

Von ihren Fantasien über Macht grenzenlosem Erfolg, Brillanz, Schönheit und idealer Liebe sind sie völlig eingenommen.

Als besonders und einzigartig sehen sie sich und wollen am liebsten auch nur von solchen Menschen umgeben sein.

Exzessive Bewunderung brauchen sie von allen anderen.

Ein hohes Anspruchsdenken ist ebenfalls sehr typisch. Narzissten erwarten, dass jeder auf ihre Ansprüche eingeht und sie erfüllt.

Andere Menschen benutzen sie, um die eigenen Ziele zu erreichen.

An Empathie mangelt es ihnen absolut. Sie sind nicht bereit, Gefühle von anderen zu erkennenund zu akzeptieren.

Sie sind sehr neidisch und glauben, dass auch die anderen neidisch auf sie selbst sind.

Arrogant und hochmütig wirkt ihr Kommunikationsstil oft – dass sie andere verletzen, stört sie nicht.

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