Ina (39): „Mein Mann ist hochsensibel“

Über ihre ganz besondere und emotionale Liebe

Die Partnerschaft mit einem hochsensiblen Menschen ist kompliziert, aber auch sehr intensiv. Ina (39) erzählt von ihrer Beziehung mit einem Mann, der hochsensibel ist.

„Eine Horde Jugendlicher drängt sich lärmend in die U-Bahn. Lachen, schubsen, drängen. Ein fremder Ellbogen stößt mich noch dichter an Jonas’ Brust. Ich schaue zu ihm hoch, sein Blick ist unruhig. Ich verstehe sofort. „Komm, wir steigen aus“, sage ich. Den Kinofilm werden wir dann zwar verpassen, aber was soll’s.

Es sind diese für andere Menschen alltäglichen Situationen, die Jonas oft nicht aushalten kann. Wo die meisten einen unsichtbaren Umhang tragen, der sie vor den Reizen der Umwelt abschirmt, ist mein Partner nackt. Er ist hochsensibel. Menschenmassen, Gerüche, Geräusche, Lichter, all das prasselt ungefiltert auf ihn ein. Und manchmal überfordert ihn das. Dann braucht er eine Auszeit. Jonas hat eben ganz feine Antennen. Er nimmt auch die Stimmungen seiner Mitmenschen sofort wahr. Sie überrollen ihn wie eine Lawine, erklärte er mir in unserer Kennenlernphase. Ich glaube, kein Gefühl kann sich vor ihm verstecken.

„Noch nie zuvor habe ich mich von einem Mann so verstanden gefühlt“

Ich lernte Jonas über eine Dating-Website kennen. „Aha“, dachte ich, als ich sein sehr ausführliches Profil las. „Endlich ein Mann mit Tiefgang.“ Er schrieb von langen Spaziergängen am Wasser, Vegetarismus, Yoga und seiner Liebe zu Kunst und Fotografie. Ich schickte ihm eine Nachricht. Es folgte ein wochenlanger schriftlicher Austausch, bei dem unsere Botschaften immer persönlicher wurden. Mich berührte, wie viele Gedanken er sich um das Leben machte. Irgendwann trafen wir uns. Seine feinfühlige und ruhige Ausstrahlung faszinierte mich sofort, und er gab mir direkt das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Nie zuvor schien mich ein Mann auf Anhieb so gut zu verstehen. Meine letzte Beziehung war noch nicht lange her, und es gefiel mir, dass er keiner von diesen typischen Männern war, die sofort mit der Tür ins Haus fallen. Dass wir es bei den folgenden Treffen langsam angehen ließen. Irgendwann hielt ich die Spannung aber nicht mehr aus. „Was ist das denn eigentlich zwischen uns“, fragte ich, als wir an einem lauen Sommerabend an einem See saßen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich schon hoffnungslos in ihn verknallt. Da erzählte Jonas mir zum ersten Mal von seinem hochsensiblen Wesen. In der Pubertät hatte er immer mehr festgestellt, dass er reizempfindlicher als seine Altersgenossen ist. Aber erst im Studium entwickelte sich die Idee, dass es auch anderen so gehen könnte wie ihm, und er begab sich auf die Suche. Er fand Gleichgesinnte, konnte sich endlich austauschen, weiß aber seither auch: Er wird immer so bleiben, wie er jetzt ist. Dazu gehört auch, dass er lange braucht, um sich emotional auf einen anderen Menschen einzulassen. Bei uns verging fast ein Jahr.

„Ich musste erst lernen, mich auf seine Bedürfnisse einzustellen“

Gerade am Anfang war unsere Beziehung recht herausfordernd. Veranstaltungen unter Menschen, wie ich sie liebe, sind sein persönlicher Albtraum. Egal, ob ein Restaurantbesuch oder eine Familienfeier. Es kostet Jonas einfach unendlich viel Kraft, und er braucht eine ganze Weile, um sich vorzubereiten und sich hinterher wieder „aufzutanken“. Anfangs konnte ich das nicht ganz nachvollziehen. Ich hatte immer das Gefühl, dass er meine Ideen und Pläne einfach nervig fand. Dann schlossen wir einen Kompromiss, der gut für uns beide ist: Er bekommt genug Tage Zeit, um sich auf ein Ereignis geistig vorzubereiten, und darf gehen, wenn es ihm wirklich zu viel wird. Ein weiteres Problem: unser wirklich sehr unterschiedliches Nähe-Distanz-Bedürfnis. Jonas braucht viel Raum für sich alleine. Als frisch Verliebte konnte ich das überhaupt nicht verstehen, denn natürlich wollte ich ihn jeden Tag sehen. Aber nicht nur das, auch Händchenhalten oder gemeinsam in einem Bett schlafen sind Dinge, von denen er sich oft mehr eingeengt fühlt, als dass er sie genießen kann. Aber mit der Zeit lernte ich, seine Bedürfnisse zu respektieren und sie nicht als Ablehnung mir gegenüber zu betrachten. Manchmal fällt es mir noch heute schwer, aber dafür bekomme ich so viel von ihm. Wir ergänzen uns einfach wunderbar. Ich entscheide Dinge eher aus dem Bauch heraus, er ist der Denker. Die Gespräche mit ihm inspirieren mich immer wieder. Es ist wirklich nie langweilig. Und egal, was wir unternehmen, es ist ein sehr intensives Erlebnis. Dafür liebe ich ihn.“

Tipps und Infos zum Thema: Männer haben es schwerer

Etwa 20-30 Prizent aller Menschen sind hochsensibel. Diese Eigentschaft betrifft Männer und Frauen gleichermaßen. Tom Falkenstein, Psychologischer Psychotherapeut aus Berlin, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie erkenne ich, ob mein Partner hochsensibel ist?

Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen. Macht sich Ihr Mann tiefgründige Gedanken über sich selbst, andere und das Leben? Reagiert er mit starken Gefühlen und viel Empathie, etwa beim Lesen von Büchern oder Schauen von Filmen oder in emotionalen Situationen? Beschreibt er, dass er sich schnell angespannt und nervös fühlt, etwa an wuseligen Orten? Nimmt er im Alltag subtile Reize wahr? Reagiert er empfindlich auf Gerüche? All das könnten Indizien sein.

Haben es besonders empfindsame Männer schwerer als Frauen?

Hochsensibel zu sein, ist nicht Teil des „männlichen Ideals“, trotz aller Fortschritte bezüglich der Geschlechterrollen, und daher oft mit Scham besetzt. Viele Betroffene berichten mir, dass sie mit dem Gefühl aufwuchsen, „nicht richtig“ zu sein, weil sie von ihrer Umwelt oft
die Botschaft erhielten, zu„weinerlich“ für einen Jungen zu sein. Die Sozialisation des Mannes macht es weiterhin schwierig, sensibel und emotional und gleichzeitig „männlich“ zu sein – und dies in sich als etwas Positives zu verbinden.

Wie kann eine Partnerschaft mit einem Hochsensiblen gelingen?

Ich glaube, eine Beziehung ist immer herausfordernd, ob hochsensibel oder nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es wichtig sein könnte, dem hochsensiblen Partner genug Freiraum und Zeit alleine einzuräumen und dies nicht als Ablehnung zu interpretieren. Letztlich hat man auch selbst etwas davon, wenn der hochsensible Partner nicht permanent überstimuliert ist. Die Gewissheit, einen Mann an der Seite zu haben, den das Leben schnell berührt, der sich Gedanken macht und der anderen gegenüber emphatisch ist, ist doch eine wunderbare Voraussetzung für eine erfüllte Partnerschaft mit Tiefgang.

Das könnte Sie auch interessieren:
Alexithymie: „Ich leide unter Gefühlsblindheit“
Das „Impostor-Phänomen“: Die Angst, nicht genug zu sein
Anststörung: Therapie- und Behandlungsformen
Aus dem Leben: „Mein Mann war heimlich schwul“
Ihr Leben war die Hölle: Michaela wuchs mit einer narzisstischen Mutter auf
Karla über ihre schwierige Kindheit: „Mir fehlte immer der Halt“