Johanna über ihr Leben mit einem Soziopathen

„Meine Ehe war die Hölle“

Manipuliert, drangsaliert, missbraucht ... Das Leben mit einem Narzissten kann schön sein, so lange er sein wahres Ich nicht zeigt. Mit der großen Liebe ist es vorbei, als Rolf sich nicht mehr ausreichend bewundert fühlt. Damit beginnt der emotionale Missbrauch, den sie viel zu lange erträgt. Hier erzählt Johanna (42) von ihrer Ehe mit einem Soziopathen und wie sie es schaffte, sich von ihm loszureißen.

Plötzlich braucht er Bewunderung und Macht

Der Beginn von Johannas Beziehung zu Rolf ist für sie aufregend und romantisch. Er ist aktiv, charmant, und sie unterstützt ihn, etwa in seinem Studium, so viel sie kann. Sie heiraten, bekommen zwei Mädchen, und eigentlich könnte alles gut sein. Doch dann wendet sich das Blatt. Der Alltag zieht ein, und offenbar fehlt es Rolf bald an Aufmerksamkeit. Er braucht, das wird immer deutlicher, Bewunderung. Und Macht. Um die zu bekommen, wechselt er immer wieder Job und Wohnort – Johanna muss mitziehen. Rolf bittet nicht mehr, er verlangt. Sie hat alles zu organisieren, sie hat mehr zu arbeiten, sie sei faul. 

Als sie schwer krank ist, fühlt sie sich wieder wahrgenommen

Bald kann sie ihm nichts mehr recht machen, seine Forderungen werden immer abstruser. Ein bestimmter Platz am Tisch muss immer für ihn frei bleiben, sonst rastet er aus. Den großen Garten soll sie umgraben, ganz allein. Johanna gehorcht, um des lieben Friedens willen, doch ihre Kräfte reichen nicht, immer öfter wird sie krank. Schließlich diagnostiziert ihr Arzt einen Gehirntumor. Paradox, aber in diesem Moment fühlt sie sich zum ersten Mal wieder als Mensch wahrgenommen. Und dieses Gefühl bleibt in Erinnerung. Johanna begehrt immer häufiger auf. Nie zuvor hat sie sich jemandem anvertraut, immer hat sie kämpfen wollen für ihren Traum von der glücklichen Familie. Doch glücklich ist niemand – weder sie noch die Kinder. Sie weiß: So will ich nicht weiterleben. 

Nach 20 Jahren geht sie. Endlich. Jetzt hat Johanna ein Buch über ihre Ehe-Hölle geschrieben. „Wenn ich damit nur eine einzige Frau für das Thema sensibilisieren kann, hat es sich schon gelohnt.“ Die Lea-Redaktion sprach mit ihr.

Wieso haben Sie sich das bieten lassen? Ist das mangelndes Selbstbewusstsein?  

„Auch, aber es kann im Grunde jedem passieren, wenn in einer Beziehung bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aufeinandertreffen und man in irgendeiner Form voneinander abhängig ist. Ich stelle mir diese Frage selbst oft, weiß aber: Mit einem größeren Selbstbewusstsein hätte es auf dem Weg zum bitteren Finale höchstens noch viel mehr Streit gegeben.“

Können Sie jetzt einen Punkt nennen, an dem Sie hätten gehen sollen?

„Nein, ich hätte hin und wieder stärker aufbegehren müssen, aber ich glaube, das Stück musste so gespielt werden, es brauchte alle Akte.“

Wie haben Sie es überhaupt geschafft, Selbstvertrauen zu behalten?

„Durch meine Kinder und meine Arbeit. Ich bin eine recht ,sichere‘ Mutter, ich habe ein gutes Gefühl für meine Kinder, bin stark und klar, sie gediehen prächtig, wenn man das so ausdrücken kann. Und dass ich Erfolg als Illustratorin hatte, war wie Wind unter Flügeln, von denen ich nicht wusste, dass ich sie besitze.“

Haben Sie heute, nach gut fünf Jahren, noch Angst vor Ihrem Mann?

„Jeder Brief vom Anwalt lässt mich zittern. Die Haltung seinen Kindern gegenüber ist unverzeihlich und entzieht sich jeder Rechtsgrundla- ge. Er ist unberechenbar. Das macht mir Angst.“

Was raten Sie Frauen, die an einen narzisstischen Partner geraten sind?

„Meistens weiß man das ja erst hinterher ... Wenn man aber die Befürchtung hat, sollte man sich in die Thematik einlesen, dann fühlt man sich auf einmal nicht mehr ganz so hilflos und merkt, dass man überhaupt nicht ,verrückt‘ ist, obwohl er einen die ganze Zeit so hinstellt.“

Tipps und Infos zum Thema: Missbrauch hat viele Gesichter

Jede dritte Frau hat schon psychische oder physische Gewalt erlebt. Doch nur 20 Prozent holen sich Hilfe. Hier sind einige Anlaufstellen für Opfer.

Schnelle Hilfe im Ernstfall:

  • Das Hilfetelefon„Gewalt gegen Frauen“ des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben gibt es schon lange. Jetzt ist eine neue Kampagne gestartet. Titel: „Ab jetzt rede ich!“ Bei allen Formen von Gewalterfahrung kann man dort jemanden erreichen, der zuhört und Hilfestellung geben kann. Tel.: 0 80 00/11 60 16, www.hilfetelefon.de
  • Deutschlandweite Hilfe- und Beratungsangebote hat auch der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (kurz: bff ). Die Angebote sind kostenlos und auf Wunsch darf man anonym bleiben. www.frauen-gegen-gewalt.de
  • Opfer von sexuellem Missbrauch, deren Angehörige sowie Fachkräfte, die im pädagogischen Bereich arbeiten, bekommen Unterstützung. Das Portal ist ein Wegweiser zu Hilfen vor Ort sowie zu Therapie-Angeboten. www.hilfeportal-missbrauch.de
  • Der Verein „Frauen helfen Frauen“ mit Hauptsitz in Konstanz hat auf seiner Internetseite reichlich Angebote, angefangen vom Sicherheitsplan für Frauen bis hin zu den wichtigsten Telefonnummern. www.gewaltgegenfrauen.de

Unser Buch-Tipp: Eindringlich schildtert die Autorin ihr Leben mit einem narzisstischen Ehemann. Sie schreibt unter einem Pseudonym, mag ihren wahren Namen nicht nennen.

 

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