Stalking: Wenn das Leben zum Albtraum wird

Hunderte Anrufe, perfide Morddrohungen und das Gefühl beobachtet zu werden

Stalking-Opfer gehen durch die Hölle. Ständige Angst macht ihnen einen normalen Alltag unmöglich. So ging es auch Marita (32), die Monate lang unter Todesangst litt. 

Es begann mit einem überdimensionalen Strauß roter Rosen, den mir jemand an meinen Arbeitsplatz schickte. Das war im Februar 2016, in der Woche nach dem Valentinstag. Meine Kollegen im Friseursalon zogen mich tagelang damit auf. Wer denn mein glühender Verehrer sei? Das wusste ich selbst nicht. Zwischen den Blumen klemmte zwar ein Kärtchen, darauf stand aber nur: „Für die schönste Frau der Welt.“ Kein Name, kein Hinweis.

Steckte vielleicht ein Kunde dahinter?

Anfangs fühlte ich mich noch geschmeichelt. Doch dann trafen immer mehr dubiose Geschenke für mich ein. Einmal war es ein Plüsch-Teddybär, ein anderes Mal ein Lebkuchenherz. Allmählich wurde mir mulmig zumute. Wer schickte mir da ständig Sachen, und warum gab er sich nicht zu erkennen? Ich war schon seit drei Jahren Single und wohnte erst seit vier Monaten in Hamburg. Männer hatte ich nach meinem Umzug keine näher kennen gelernt. Steckte vielleicht ein Kunde aus dem Salon dahinter? 

Aus dem mulmigen Gefühl wurde drei Wochen später lähmende Angst. Da erhielt ich eine SMS von einer unbekannten Nummer: „Hey, meine Schöne, wie läuft dein Tag?“ Ich ahnte sofort, dass sie von derselben Person kam, die mir die Geschenke geschickt hatte. „Lass mich in Ruhe!“, schrieb ich nach der dritten oder vierten Nachricht zurück. Zwecklos. In den kommenden Wochen folgten Abertausende Anrufe und Nachrichten, von früh bis spät, auch nachts. Ein einziges Mal ging ich ran. „Ich bin ganz nah bei dir“, sagte eine dunkle Stimme. Ich legte auf und lag den Rest der Nacht mit Todesangst im Bett.

„Überall fühlte ich mich beobachtet“

Bei der Arbeit vermutete ich hinter jedem Mann, der mich anlächelte, den Täter. Aufs Haareschneiden konnte ich mich kaum noch konzentrieren. Überall fühlte ich mich beobachtet – bei der Arbeit, beim Einkaufen, im Café. Die schlimmste Zeit begann, nachdem ich Sebastian kennen lernte, meinen Freund. Aus den Liebesbekundungen des Unbekannten wurden Beschimpfungen und Drohungen. „Du Schlampe, Ich habe dich mit diesem Kerl gesehen. Ich bring dich um, wenn du nicht Schluss machst“, schrieb er. Und dass er wisse, wo ich wohne. Zum Beweis fand ich eines Morgens eine Collage mit Fotos von mir auf der Fußmatte vor meiner Haustür. Meinen Kopf hatte der Stalker auf jedem der Fotos abgetrennt.

Meine Telefonnummer wechselte ich schließlich, so endete wenigstens der Telefonterror. Aber beobachtet fühlte ich mich immer noch. Eines Abends fuhr ich mit dem Auto von der Arbeit los und konnte hinter mir einen Wagen ausmachen, der mich verfolgte. Ich blieb ruhig, merkte mir das Kennzeichen und steuerte die nächstgelegene Polizeidienststelle an. Als ich auf den Parkplatz fuhr, drehte der Fahrer hinter mir ab. Vor vier Monaten habe ich außerdem gekündigt, umgezogen bin ich auch. Seitdem habe ich endlich Ruhe. Ich hoffe, dass es so bleibt.

Was bringt das neue Gesetz?

Eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim ergab, dass in Deutschland fast zwölf Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben gestalkt werden. So kommt es jedes Jahr zu etwa 20.000 Verdachtsfällen, tatsächlich verurteilt wird am Ende aber nur ein Prozent der angezeigten Täter. Das könnte sich nun endlich ändern. 

Seit Jahren Straftatbestand 

Stalking ist seit 2007 in Deutschland eine Straftat. Bislang konnten Täter aber erst dann verurteilt werden, wenn ihre Opfer ihre Lebensgewohnheiten wegen des ständigen Nachstellens grundlegend verändern mussten. Zum Beispiel wenn sie notgedrungen den Arbeitsplatz oder den Wohnort wechselten. 

Künftig besserer Schutz 

„Nicht die Opfer sollen gezwungen werden, ihr Leben zu ändern, sondern die Stalker“, sagte Justizminister Heiko Maas bei der Verabschiedung des neuen Gesetzes zum besseren und früheren Schutz für Betroffene, das kürzlich auch der Bundesrat bewilligt hat: Jetzt können Nachstellungen nicht erst dann bestraft werden, wenn Opfer ihr Leben massiv umstellen müssen, sondern bereits dann, wenn sie „objektiv geeignet“ sind, solche Beeinträchtigungen zu verursachen. Mit dem neuen Gesetz sind zum Beispiel auch falsche Todes- oder Heiratsanzeigen und das Manipulieren von Einträgen in sozialen Medien strafbar.

Tätern droht Haftstrafe

Stalker können zu bis zu drei Jahren Haft oder einer Geldstrafe verurteilt werden. Hat es außer den Verfolgungen weitere Delikte wie Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch oder sogar Körperverletzung gegeben, fällt das Strafmaß entsprechend höher aus. Opfer können sich auch zivilrechtlich wehren und zum Beispiel auf Unterlassung und Schmerzensgeld klagen.

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