Tabuthema Menstruation: Zeit, offen darüber zu sprechen

Unsere Sexualpädagogin über eine der normalsten Sachen der Welt

Trotz unserer heutigen Aufgeklärtheit gilt die weibliche Menstruation noch immer als Tabuthema, das man nur ungern vor anderen anspricht. Aber warum schämen wir uns für eine der natürlichsten Sachen der Welt? Diplom-Sexualpädagogin Anja Drews über das vermeintlich peinliche Thema Periode.

„Psst. Psssst. Psssssst. Äh, hast du mal einen Tampon für mich?“ 
„Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden. Kannst du lauter sprechen?“
„Äh, nein, das geht nicht...... Ich brauche doch einen Tampon!“
„Oh. Ich verstehe. Psst. Warte kurz.“

Verstohlen wird nun in der Tasche gekramt und schließlich ein Tampon unter dem Tisch hindurchgereicht. Die ganze Aktion läuft so versteckt ab, dass mancher Geheimdienst seine wahre Freude daran hätte. Aber warum nur?

Die Menstruation ist keine Krankheit

Wir schreiben das Jahr 2019 und leben in einer sexuell mehr oder weniger aufgeschlossenen Gesellschaft. Nacktheit allerorten und kaum noch ein Tabuthema, über das nicht zumindest im öffentlichen Raum diskutiert wird. Trotzdem wird die Menstruation immer noch so behandelt, als litten wir Frauen in dem Zeitraum an einer ansteckenden Krankheit. Schwimmbadbesuche und Saunatage werden abgesagt. 

Wenn es darum ginge, dass eine Frau sich in der Zeit körperlich unwohl fühlt oder unter Unterleibsschmerzen leidet, dann ist das absolut nachvollziehbar. Aber weil fremde Menschen vielleicht ein Bändchen hervorblitzen sehen könnten?! Achtung! Alle herschauen, da ist eine fruchtbare Frau im Anmarsch!!! Oh mein Gott. Das ist ja viel zu persönlich! Auf der anderen Seite avancieren immer mehr Privatpersonen zu Pornodarstellern und –darstellerinnen und zeigen hier alles von sich. Aber bloß nicht über die Menstruation sprechen! Genau das sollten wir jedoch ändern.

Die natürlichste Sache der Welt avanciert zur Peinlichkeit

Bevor ich das erste Mal blutete, wurde ich von der Werbung schon gut auf diese Zeit vorbereitet. Das ist allerdings ironisch gemeint, denn damals wurde über dieses Thema kaum gesprochen. Es kursierte der Witz, mit einem Tampon könne frau alles machen: Reiten, schwimmen und radfahren. Wow, was für ein Teufelsding musste das sein! Wir hatten ja noch keine Ahnung, worum es wirklich ging. Dazu kam die Werbung für Binden und Slipeinlagen. Eine blau gefärbte Flüssigkeit wurde auf das Gewebe geschüttet und siehe da, nichts lief heraus. 

Heute fragen sich die Menstruationsaktivistinnen, warum man hier nicht gleich eine rote Flüssigkeit nimmt. In der Werbung für Zahnpasta hinterlässt der Biss in den Apfel schließlich auch sichtbare rote Spuren. Wenn bei einem Spot, dann bei allen, oder?! Was ist der Unterschied? 

Der erste Schritt in das Erwachsenwerden

Wir Erwachsenen vergessen auch gern, wie es den Mädchen ergeht, wenn sie ihre Menarche erleben. Als solche wird das erste Auftreten der Regel bezeichnet. Und das ist ein wirklich einschneidendes Erlebnis, immerhin wird hier der Übergang vom Mädchen zur Frau markiert. Ich weiß das, denn mir ist das ja auch passiert. Das Frau-werden ist dadurch aber von Anfang an mit Scham besetzt. Nur sollte sich kein Mädchen dafür schämen müssen! 

Das Leben ist kein Ponyhof und die Menstruation kein Zuckerschlecken

Es gibt viele verniedlichende Umschreibungen für die Periode: Besuch von den roten Indianern, Erdbeerzeit, Besuch von Tante Rosa, auf der roten Welle surfen. Man könnte fast meinen, diese Zeit sei eine wahre Freude für uns Frauen. 

  • Unerwähnt bleiben dabei die manchmal krampfartigen Unterleibsschmerzen, aufgrund derer sich schon so manche Frau arbeitsunfähig melden musste. 
  • Unerwähnt bleiben durchgeblutete Tampons, blutige Slips, blutige Laken. 
  • Nicht gesprochen wird über die Veränderungen, die sich beim Älterwerden einstellen
  • Unser Geheimnis bleiben blutsturzähnliche Blutungen und Blutquaddeln, die für Erschrecken sorgen können. 
  • Wer hat schon einmal dem Liebsten gegenüber herumgedruckst, wenn der gern Sex gehabt hätte? 
  • Was machen wir, wenn wir unterwegs sind und die hygienischen Bedingungen nicht gerade einladen zum Wechseln des Tampons? 
  • Wen hat es schon einmal geärgert, dass sich die Waschbecken auf öffentlichen WCs immer außerhalb der Kabine befinden und frau sich mit blutigen Fingern erst einmal anziehen muss, bevor sie sich die Hände waschen kann? Das mag vielleicht auch ein Grund dafür sein, dass sich Menstruationstassen nicht durchsetzen. 

Das finden Sie eklig? Aber es gehört zu unserem Leben nun einmal dazu! Und gerade, wenn wir verunsichert sind, sollten wir darüber sprechen können und dürfen! Die Menstruation beschäftigt uns über Lebensjahrzehnte. Sei es, weil sie uns Beschwerden bereitet, sei es, weil sie uns anzeigt, dass wir nicht schwanger sind, sei es, weil sie uns anzeigt, dass wir es sind. Wie oft zittern wir, während wir auf sie warten und wie oft wurde uns Angst und Bange, wenn sie ausblieb. Und wenn die Periode uns endgültig verlässt, sind die einen todtraurig über den Verlust der Fruchtbarkeit und die anderen hocherfreut, dies Mühsal endlich hinter sich lassen zu können.

Bringen wir frischen Wind in ein altes Thema!

Es ist an der Zeit, dieses Tabu endlich aufzulösen! In den USA haben sie bereits damit losgelegt. Die Unterwäschelinie Thinx hat nicht nur einen Slip mit integrierter Einlage entwickelt und möchte damit den Markt für Hygieneartikel aufmischen. Nein, sie hat es auch gewagt, in ihrer neuen Werbe-Kampagne das Wort Periode groß auf die Banner zu setzen und es damit für alle öffentlich sichtbar zu machen. Das stößt nicht überall auf Beifall. Aber damit musste man rechnen und irgendwer muss ja einmal damit anfangen. 

Auf der anderen Seite gibt es große Zustimmung. Und so hat das Time Magazine Thinx zu einer der 25 besten Erfindungen des Jahres 2015 gekürt. Das ist doch einmal was! Eine Unternehmerin aus Ohio hat es sich zum Ziel gesetzt, neben Toilettenpapier auch Tampons auf allen öffentlichen Toiletten kostenlos zur Verfügung zu stellen. Was für eine großartige Idee! Denn wir alle wissen, wie tief wir für diese Hygieneartikel in die Tasche greifen müssen. Und es ist überhaupt nicht nachzuvollziehen, dass für diese Artikel eine Mehrwertsteuer von 19 Prozent gilt! Es ist wirklich an der Zeit, dass sich zu diesem Thema auch in Deutschland etwas bewegt! 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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