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Tabuthema Pupsen: Ein Zeichen von wahrer Vertrautheit?

Seit Kindheitstagen wird uns eingetrichtert, dass Pupsen ein Tabuthema ist. Wir tun es nicht und wir sprechen auch nicht drüber. Und ins Schlafzimmer gehören Fürze erst recht nicht. Oder ist es nicht doch ein Zeichen, dass man einander vertraut? Diplom-Sexualpädagogin Anja Drews über das vermeintlich peinliche Thema.

Wir alle sind sehr unterschiedlich in der Wahrnehmung unseres Körpers und seiner Äußerungen:

•    Es gibt Paare, denen es nichts ausmacht, voreinander Luft abzulassen. Die natürliche Abgasabgabe gehört dort einfach zum Leben dazu. Es wird gar kein großes Gewese darum gemacht. 
•    Dann gibt es Paare, die einen regelrechten Pups-Wettbewerb starten. Wer ist lauter? Wer kann länger? Man lacht über Geräusche und Gerüche und neckt einander damit. 
•    Aber es gibt auch Paare, bei denen zumeist DER eine kräftig bläst, während DIE andere das gar nicht lustig findet. 
•    Und dann gibt es Paare, die tun es nie voreinander. Die kneifen die Pobacken zusammen und ertragen lieber Bauchkrämpfe, bevor sie im wahrsten Sinne des Wortes Dampf ablassen. 

Die amerikanische Familienpsychologin Leah DeCesare hat sich in einem ihrer Bücher über langlebige Beziehungen und Elternschaft unter anderem auch diesem Thema gewidmet. Sie sagt, Pupsen sei ein Zeichen von Vertrauen und Sicherheit. Denn nur wer vertraut, traut sich auch, dem Partner oder der Partnerin diese Seite von sich zu zeigen. 

Ist das wirklich so? Immerhin gibt es auch Menschen, die es gar nicht kümmert, was andere denken und die einfach so sind, wie sie sind. Inklusive ihrer inneren Winde. Und warum ist das Pupsen überhaupt so ein Tabu?

Tabuthema Pupsen

Furzen ist ja eins von den Themen, über die öffentlich nicht gesprochen wird. Nicht einmal unter Freuden. Pupsen ist verpönt. Als Kindern ist es uns egal, was uns da entfleucht. Im Gegenteil sind wir eher erleichtert, diesen Druck endlich loszuwerden. Einfach raus damit und fertig. Kinder sind unbefangen. Eigentlich ist es aus deren Sicht sogar faszinierend, was ihr Körper so alles kann. 

Genau das wird uns allerdings schnell ausgetrieben. Je nachdem, wie unsere Eltern drauf sind, gibt es zuweilen sogar erschreckte Blicke. Als würde sich das Kind der aufgedrückten Etikette absichtlich widersetzen. Oder es fallen erheiterte Kommentare, die dem Kind zeigen, dass es gerade etwas Peinliches von sich gegeben hat. Das alles ist aber nichts, das dem Nachwuchs vermittelt, dass dieser Vorgang vollkommen natürlich ist. Kinder lernen in vielerlei Hinsicht, ihren Körper nach und nach zu kontrollieren. 

Kontrolle steht der Hingabe im Weg

Dieses Kontrollieren hält sich dann auch im Erwachsenenalter. Waren Sie schon einmal beim Yoga, Pilates, Rückentraining oder einer ähnlich stillen Sportart? Einmal die Beine hoch, Bauchmuskeln angespannt und schon macht es hier und da leise oder laut „pfffff“. Erschreckte Blicke, ups, wie peinlich! Und es hilft auch leider nicht, dass sich andere umdrehen und flüstern „Macht gar nichts!“

Ich weiß nicht, ob schon einmal jemand den Zusammenhang zwischen Pupsen und dem Ausleben sinnlicher Lust erforscht hat. Und den gibt es ganz sicher. 

•    Auf der einen Seite wollen wir uns fallenlassen und den Sex genießen
•    Auf der anderen Seite wollen wir uns trotzdem nur von unserer besten Seite zeigen. 

Also müssen wir uns doch kontrollieren und ganz genau beobachten. Das passt nicht zusammen, oder?! Wilde Stellungen ohne Lüftchen, Analssex ohne Spuren, Sex während der Regel ohne Blut. Tja, irgendwie gehört das aber alles zusammen. Es ist unser modernes Leben, in dem die Ausscheidungen und Absonderungen aller möglichen Körperöffnungen tunlichst im Verborgenen stattzufinden haben. 

Wir entfernen uns immer mehr von unserer Natürlichkeit

Neulich gab es wieder einmal eine Challenge, wie ich sie nicht blöder finden könnte. Frauen präsentierten im Internet ihre sauberen Unterhosen. Was für ein Quatsch! Jede Frau hat Ausfluss, das ist völlig normal. Wir leiden unter einem Sauberkeitswahn, innerlich wie äußerlich. Selbstoptimierung der Gedanken und des Körpers. Wie sollen wir denn da einmal so richtig loslassen? 

Natürlich müssen wir es nicht gleich wie Martin Luther halten. Der prägte den bis heute bekannten Spruch: „Warum rülpset und furzet Ihr nicht, hat es euch etwa nicht geschmeckt?“ Es gibt Veranstaltungen, auf denen die Gäste frei nach mittelalterlichen Gebräuchen mit den Händen essen, die Reste hinter sich werfen und rülpsen dürfen. Furzen? Weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Diese Veranstaltungen erfreuen sich großer Beliebtheit. Einfach einmal alles hinter sich lassen und zupacken. Das Essen mit allen Sinnen genießen und fühlen. 

Was das Mittelalter mit unserer heutigen Lust zu tun hat

Wussten Sie, dass die Menschen im Mittelalter nebeneinander auf langen Bänken saßen und sich beim Kacken miteinander unterhielten? Auf den Straßen liefen Männer herum, die unter langen, weiten Mänteln Eimer mit sich trugen. Wer seine Notdurft verrichten musste, konnte sich einfach auf einen der besagten Eimer hocken und sich unter dem Schutz des Mantels entleeren. Das war weder peinlich, noch waren die Gerüche mit Ekel besetzt. 

Das kam erst später mit dem Einzug der sogenannten Kultivierung. Wir erfanden Messer und Gabel, einzelne Toiletten und schlossen fortan die Schlafzimmertür ab. Damit wurde auch das Pupsen in unserer Gesellschaft zum Tabu erklärt. Wer sich gut benehmen will, hält den Rücken gerade, puhlt nicht öffentlich in den Zähnen oder lässt die Winde frei wehen. 

Lasst Euch nicht vorschreiben, was richtig ist und was falsch

Ein natürlicher Umgang mit dem Körper wäre wünschenswert. Fürze sollten uns nicht peinlich sein. Sie gehören dazu und können uns durchaus in unerwünschten Situationen mit ihrer Anwesenheit überraschen. 

Wenn ich allerdings den Erziehungs- und Kulturfaktor betrachte, glaube ich nicht, dass Pupsen nun unbedingt ein Zeichen von Vertrauen in der Beziehung ist. Es gibt Menschen, die eine wunderbare Partnerschaft haben und trotzdem in dieser Hinsicht ihre selbsternannte Würde wahren. Menschen, die dieses Verbot ganz stark verinnerlicht haben, die sich auch in jeder noch so intimen Lebenssituation an die Etikette halten. 

Da stellt sich doch viel eher die Frage, was da noch so alles zurückgehalten wird. Was ist mit Gefühlen und Emotionen, was ist mit Ekstase und Wollust? Hier sind doch eher innere Zwänge am Werk als äußerliche Vertrauensbeweise. Ich habe von einem sehr alten Ehepaar gehört, das sich sein ganzes Leben lang absichtlich gesiezt hat. Wer sich siezt, streitet ihrer Ansicht nach weniger, überschreitet vielleicht weniger Grenzen. Ich glaube nicht, dass die beiden voreinander ihre Winde wehen ließen. Und trotzdem führten sie über Jahrzehnte hinweg eine sehr innige Beziehung. 

Wer nicht in Gegenwart des Partners oder der Partnerin pupsen mag, sollte sich auch nicht dazu zwingen. Anderseits können diejenigen, denen das völlig egal ist und die sich über ihre Fürze freuen, Rücksicht nehmen, falls dies dem Partner oder der Partnerin so gar nicht gefällt. 

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION