Hypochondrie: Die permanente Angst vor Krankheiten

Wie Elena die eingebildeten Beschwerden besiegte

23. März 2017

Sie hat sich und ihre Umwelt völlig verrückt gemacht: Elena (46) hatte panische Angst davor, körperlich nicht gesund zu sein und bald sterben zu müssen. Wie 0,05 Prozent der Deutschen litt auch die Sekretärin unter Hypochondrie. Hier erzählt die Mutter einer Tochter, wie sie die Angst vor Krankheiten überwinden konnte.

Es fing alles kurz nach meinem 35. Geburtstag an: Ich hatte einen Termin bei meiner Frauenärztin. Reine Routine eigentlich. Doch nach der Untersuchung studierte meine Ärztin eingehend meine Patienten-Akte. „Ich würde Sie gern zusätzlich zum Ultraschall schicken“, sagte sie. „Ihre Mutter ist ja mit Mitte 40 an Brustkrebs verstorben, deshalb sollten Sie ruhig schon jetzt regelmäßig zur Vorsorge gehen.“

Es schmerzte mich, an den Tod meiner Mutter erinnert zu werden. Ich war erst 17 Jahre alt, als sie starb, und litt darunter sehr. Dass ich einmal, genau wie sie, an Krebs erkranken und viel zu früh aus dem Leben gerissen werden könnte, darüber hatte ich nie groß nachgedacht. Bis zu diesem Tag. 

Beim Ultraschall war ich angespannt – vor allem, weil die Ärztin mit dem Gerät immer wieder über eine Stelle in meiner linken Brust fuhr. „Hier ist das Gewebe ein wenig dicht“, murmelte sie. Und wiegelte dann sofort wieder ab: „Alles gut, kein Grund zur Sorge.“ Aber für mich war seitdem nichts mehr so, wie es einmal war. Danach tastete ich zweimal täglich meine Brust ab, meinte, Verhärtungen zu spüren und Schmerzen zu haben. 

Permanente Angst, krank zu werden: „Ein paar Tage nach dem Arztbesuch kehrte meine Sorge zurück“

Im darauffolgenden halben Jahr war ich noch viermal bei meiner Frauenärztin, ein weiteres Mal beim Ultraschall und bei der Mammografie. Der Befund war immer negativ. Kein Brustkrebs. Das beruhigte mich – fürs Erste. Aber spätestens nach ein paar Tagen kam die Sorge zurück, dass da vielleicht doch etwas nicht in Ordnung sein könnte. Lilli, meine 13-jährige Tochter, sollte ihre Mutter nicht so früh verlieren, wie ich meine Mutter verloren hatte. Beim Gedanken daran, mein Kind allein zu lassen, fühlte ich mich entsetzlich hilflos. 

Und danach fing das mit den Magenschmerzen an. Nach dem Essen spürte ich häufig ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Ich achtete fortan penibel darauf, was ich aß, verkniff mir fetthaltige Speisen. Die Mittagspausen mit den anderen Sekretärinnen im Imbiss gegenüber unseres Büros ließ ich immer öfter ausfallen. Als das alles nichts änderte, dachte ich ständig: Wenn es kein Brustkrebs ist, habe ich vielleicht Magenkrebs. Wieder trieb mich jeden Tag die Panik um, dass ich schwer krank sein könne. Ich ging zur Magenspiegelung. 

Obwohlich in der Nähe von Leipzig lebe, ließ ich eine zweite Untersuchung in einem Magen-Darm-Zentrum in Hamburg vornehmen. In beiden Fällen hörte ich: „Frau Peters, Sie sind gesund!“ Es fiel mir schwer, das zu glauben. Schließlich können sich selbst die besten Ärzte irren … 

Ich schlief schlecht in dieser Zeit. Von Monat zu Monat wurde ich bei der Arbeit unkonzentrierter und fühlte mich immer häufiger überfordert. Bei neuen oder umfangreichen Aufgaben war ich in letzter Zeit jedes Mal total nervös. Mein Herz raste, und es schlug mir bis zum Hals. Ein schreckliches Gefühl! Je öfter ich das erlebte, desto sicherer war ich, dass das nicht gesund sein konnte. Was, wenn mein Herz mich plötzlich im Stich ließe? Als hätte ich nicht schon genug Medikamente und viele medizinische Geräte zu Hause, kaufte ich mir auch noch ein Puls- und ein Blutdruckmessgerät. Das war fatal, weil ich die Geräte bald andauernd in Gebrauch hatte – nur um festzustellen, dass meine Werte entweder viel zu hoch oder viel zu niedrig waren. 

Psychiatrische Behandlung von Hypochondrie: „Was soll ich denn beim Psychologen? Ich bin doch körperlich krank!“

Mein Mann Hannes und meine Tochter Lilli beobachten das mit Sorge. Hannes sagte, ich solle lieber einen Psychologen aufsuchen als noch mehr Ärzte. Ich wehrte mich vehement dagegen. Wie sollte mir ein Psychologe helfen, wenn mein Leiden doch körperlicher Natur war? Ich wollte nicht für verrückt gehalten werden. 

Eines Tages kam mein Chef auf mich zu und fragte, ob alles in Ordnung sei, ich würde in letzter Zeit so nervös wirken. Zu meiner Angst, an einer ernsten Krankheit zu leiden, gesellte sich die Furcht, meinen Job zu verlieren. Ich nahm mir vor, mir nichts mehr anmerken zu lassen – und auf keinen Fall krank zu werden. Ich fürchtete mich vor Viren. In meinem Zustand konnte eine Grippe im schlimmsten Fall tödlich sein. Im Winter trug ich deshalb einen Mundschutz, wenn ich mit der Bahn fuhr. Eines Morgens im vergangenen März konnte ich auf einmal nicht mehr aufstehen. Ich war erschöpft, hatte keine Kraft mehr. 

Einige Wochen später befolgte ich dann doch den Rat, mir psychologische Hilfe zu suchen. Das war mein Glück. In der Therapie verstand ich, was mit mir nicht stimmte: Ich habe das Vertrauen in meinen Körper vollkommen verloren und weiß dessen Signale nicht zu deuten. Durch Achtsamkeitsübungen lerne ich, in mich hineinzuspüren und zu fühlen, wie Schmerz und Unwohlsein kommen – und wieder gehen. 

Mir ist auch klar geworden, dass ich mir beruflich wie privat zu viel Druck gemacht hatte. Immer will ich alles perfekt machen. Dahinter stecken tiefe Verlustängste, die ich seit dem Tod meiner Mutter habe. Zum Arzt gehe ich immer noch. Aber nur noch alle drei Monate. Im Alltag achte ich darauf, regelmäßig Pausen zu machen. Das Mittagessen mit den Kolleginnen lasse ich mir auch nicht mehr vermiesen. Und der Mundschutz? Der bleibt diesen Winter zu Hause.