Karla über ihre Schwierige Kindheit: „Mir fehlte immer der Halt im Leben“

Warum Heimatgefühl so wichtig für uns ist

Weil ihre leibliche Mutter vom Leben überfordert ist, kommt Karla (34) in eine Pflegefamilie. Doch auch dort ist sie nur eine Mitläuferin. Wie sie diese „Heimatlosigkeit“ auch jetzt noch beeinflusst, erzählt sie hier. Unsere Expertin Diplom-Psychologin und Buch-Autorin Stefanie Stahl erklärt, wie man sich selbst erkennt und das Erlebte aus Kindheitstagen besser verarbeitet.

„Neulich war wieder so ein Moment, in dem ich mich mutterseelenallein gefühlt habe. Dabei war die Szene so wunderschön: In der Bahn saßen mir Mutter und Tochter gegenüber, die ganz intensiv miteinander sprachen, sie hörten sich zu, gingen aufeinander ein und hielten sich dabei an den Händen. Diese intensive Zuwendung habe ich mir auch immer gewünscht – aber nie bekommen.“

Denn Karlas Kindheit war alles andere als glücklich und unbeschwert. Die ersten fünf Jahre lebte sie bei ihrer leiblichen Mutter. Die war früh alleinerziehend, kam im Leben nicht zurecht, verlor ihren Job, litt an Depressionen. Glücklicherweise bekam das Jugendamt das damals mit und fand für Karla eine Pflegefamilie. „An die ersten Lebensjahre bei meiner Mutter habe ich überhaupt keine Erinnerungen. Aber ich gehe davon aus, dass mich meine Mutter oft vernachlässigt hat. Leider werde ich das auch nicht mehr herausfinden, weil sie früh gestorben ist.“

„Bedingungslose Liebe und Zuwendung – all das habe ich nie wirklich erfahren“

In der Pflegefamilie wird Karla zwar gut aufgenommen. Aber viel Aufmerksamkeit bekommt sie auch dort nicht. Das Problem ist eines der zwei leiblichen Kinder, das mit einem Bein bereits in der Pubertät ist. „Im Prinzip waren es gute Eltern, ich kann ihnen gar keinen Vorwurf machen. Sie haben wirklich versucht, uns Kinder auf das Leben vorzubereiten. Und sie legten Wert auf eine gute Schulbildung.“ Doch der ältere Pflegebruder gerät an falsche Freunde, probiert Drogen aus und feiert wilde Partys – und in der Schule geht’s bergab. Die Eltern haben alle Hände voll damit zu tun, den Jungen wieder in die Spur zu bringen. Es gibt sogar die Überlegung, Karla wieder abzugeben. Aber sie bleibt. „Allerdings war ich die ganze Zeit über eher ein Mitläufer“, sagt Karla. Und noch etwas spürt sie sehr deutlich: „Es sind einfach nicht meine Eltern. Da war kein Band zwischen uns.“

Ihre Pflegeeltern unterstützen sie bei Berufswahl und Wohnungssuche. Am Tag, als sie auszieht, sagt ihre Pflegemutter: „Du bist bei uns jederzeit willkommen.“ Karla weiß das bis heute sehr zu schätzen. Aber Liebe, Nähe, Vertrauen? Die empfindet sie nicht. „Wenn ich heute zurückblicke, liegt über allem das Gefühl, dass ich mich nie geborgen gefühlt habe. Diese bedingungslose Liebe, die habe ich nie kennengelernt.“ 

„Es fällt mir sehr schwer, zu vertrauen und mich auch mal fallen zu lassen“

Das schlägt sich auch auf ihre Beziehungen zu Männern nieder. Es fällt ihr schwer, zu vertrauen, sich fallen zu lassen. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass sich ein Muster wiederholt: Ich habe immer alles für die Männer getan, um deren Liebe zu bekommen. Aber dafür habe ich mich immer verstellt und war nie so, wie ich wirklich bin. Ich wusste: So will ich nicht weiter- machen. Es muss etwas passieren.“ 

Seitdem ist Karla bei einem Therapeuten in Behandlung. Es tut ihr gut, sagt sie, sie arbeitet an sich. „Ich will nach vorn schauen, und meist klappt das. Aber es gibt halt immer noch Momente, die sehr weh tun, so wie neulich in der Bahn.“

Tipps und Infos zum Thema

Das Experten-Interview: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme

Die Diplom-Psychologin und Buch-Autorin Stefanie Stahl (54) hat eine Methode entwickelt, wie man sich selbst erkennt und mit seinen Gefühlen gut umgeht.

Das Buch „Das Kind in dir muss Heimat finden“ ist ein voller Erfolg. Stefanie Stahl hat die Inhalte einfach strukturiert geschrieben. Sie unterscheidet im Gegensatz zu anderen Psychologen nur zwischen dem Sonnen- und dem Schattenkind in uns. Beide haben wir in uns, können sie kennen lernen und an ihnen arbeiten.

Wofür steht das „innere“ Kind?

„Der Begriff steht für unsere Kindheitsprägungen, die wir mitnehmen ins Erwachsenenleben. Wenn wir auf die Welt kommen, ist unser Gehirn zu 25 Prozent entwickelt. Daher sind gerade die ersten sechs Jahre prägend. Natürlich haben wir auch die Gene in uns, einiges ist also quasi vorherbestimmt. Die erlebte Kindheit hat jedoch einen entschei- denden Einfluss auf unser Selbstwertgefühl.“

Und was bedeutet das „Schattenkind“?

„Das sind die negativen Erfahrungen, die wir machen und die uns prägen. Durch sie nehmen wir Glaubenssätze mit, wie zum Beispiel ,Ich bin nicht genug‘ oder ,Ich bin nicht gewollt‘. Diese Glaubenssätze lassen uns auch als Erwachsene immer wieder in dieselben Sackgassen laufen, etwa immer in gleiche unglückliche Beziehungen. Da sollte man sich irgendwann fragen: Was halte ich im tiefsten Inneren von mir? Wie denke ich grundsätzlich über Beziehungen?“

Beschäftigen sich eher Frauen damit?

„Nein, da sind Männer und Frauen gleich. Frauen sind zwar reflektierter und setzen sich mehr damit auseinander. Aber gerade die junge Generation der Männer ist viel offener, redet viel über Gefühle. Die Persönlichkeitsentwicklung ist den Männern wichtig.“

Warum hadern so viele mit der Kindheit?

„Weil es keine perfekte Kindheit gibt, und keine perfekten Eltern. Die Kindheit muss nicht dramatisch schlecht gewesen sein. Aber jeder nimmt ein Schattenkind mit – mehr oder weniger groß.“

Kann man das Schattenkind „heilen“?

„Ja natürlich geht das. Man kann auf jeden Fall zu neuen Einstellungen kommen. Allerdings muss man vorher die eigenen Prägungen erkennen. Dafür muss man auch nicht durch die allerletzten Provinzen der Kindheit gehen. Wichtig ist, den roten Faden zu erkennen, die immer gleichen Muster. Und dann kann man wunderbar daran arbeiten. Was dann kommt, nenne ich immer das ,Ertappen und Umschalten‘. Wenn man merkt, dass negative Glaubenssätze hervorkommen, muss man auf das Erwachsenen-Ich umschalten, denn als Erwachsener lebt man ja in einer ganz anderen Realität als damals.“

Muss man unbedingt in eine Therapie?

„Nein, vieles kann man auch selbst lösen. Das A und O ist dabei, dass man Verantwortung übernimmt. Aber bei manchen ist pro- fessionelle Unterstützung sicherlich ganz angebracht. Je nachdem wie schwierig die Kindheit war und wie sehr die Betroffenen noch heute davon beeinflusst sind.“

Wie erfolgreich sind online-Beratungen?

„Ich gebe Online-Workshops und kann nur sagen, dass das sehr gut funktioniert. Diese Rückmeldung bekomme ich jedenfalls von den Teilnehmern. So etwas ist ja auch viel persönlicher, als ein Buch zu lesen. Ich komme dann praktisch zu den Menschen ins heimische Wohnzimmer. Ich denke, die Entwicklung auch zu Online-Therapiegesprächen ist sowieso nicht mehr aufzuhalten.“

 

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