Kerstins Weg aus der Tablettensucht

„Ich wollte doch einfach nur funktionieren“

24. Juli 2017

Rund 1,2 Millionen Medikamentenabhängige gibt es bei uns in Deutschland mindestens, schätzen Experten. Kerstin war eine davon. Trennung, Job-Frust und schlaflose Nächte: Ohne Pillen ging es nicht mehr. Wie sie da herauskam, erzählt sie hier.

„Die Kontrolle verlor ich, als eigentlich alles hätte besser werden sollen, als ich endlich die Kraft gefunden hatte, ein neues Leben zu beginnen. Ein besseres, so hoffte ich. 

Vier Monate zuvor hatte ich mich von Jens getrennt, dem Mann, mit dem ich sechs Jahre zusammen gewesen war. Er hatte mich im Sommer zuvor betrogen, und unsere Beziehung hatte sich von dem Vertrauensbruch nicht mehr erholt. Uns war die Liebe abhanden gekommen, monatelang stritten wir täglich, irgendwann hielt ich es einfach nicht mehr aus. Auch um meine 11-jährige Tochter Nele zu schützen, entschied ich schließlich, einen Schlussstrich unter meine Beziehung mit Jens zu ziehen.

Die Trennung setzte mir mehr zu, als ich eingestehen wollte

Er zog aus unserer gemeinsamen Kölner Wohnung aus. Zur selben Zeit begann ich einen neuen Job als Assistentin der Geschäftsleitung bei einer Unternehmensberatung. Ich war dankbar für den neuen Job, weil ich dort ein bisschen besser verdienen würde – und das war wichtig, schließlich musste ich die Miete von nun an allein stemmen. Die Trennung setzte mir mehr zu, als ich mir eingestehen wollte. Am Abend nach der Arbeit fühlte ich mich oft einsam und hilflos – zumal ich spürte, dass auch Nele Jens sehr vermisste und den glücklichen Zeiten nachtrauerte. Noch dazu stellte mein neuer Chef extrem hohe Erwartungen an mich. In den ersten Monaten verging kein Tag, an dem ich keine Überstunden ableisten
musste. Ein Lob für meinen Einsatz bekam ich nie, stattdessen wies er mich nahezu täglich zurecht. Klein beigeben oder mich beschweren – das kam für mich nicht infrage. Ich wollte mich durchbeißen, ich wollte beweisen, dass ich stark und unabhängig bin, dass ich mein Leben allein in den Griff kriege. Ich wollte es allen zeigen – meinem Chef, Nele, Jens und mir selbst.

Doch immer häufiger kam ich nachts nicht in den Schlaf. Dann wälzte ich mich von einer Seite auf die andere und machte mir Sorgen. Was wenn ich bei der Arbeit versage, den gut bezahlten Job vielleicht verliere? Auch an Jens dachte ich täglich. Dass er mich betrogen hatte, hatte ich noch immer nicht verwunden. Wir waren doch glücklich, wir liebten uns doch, wie konnte er mich nur so sehr verletzen? Nacht für Nacht, Stunde um Stunde lag ich in der Dunkelheit wach, dachte die immer gleichen Gedanken und fühlte mich klein, wertlos und machtlos. 

Ich wollte doch einfach nur schlafen können

Der Schlafmangel zehrte an mir, bei der Arbeit wurde ich fahrig, machte Fehler. Also begann ich, Schlaftabletten zu nehmen. Damit fing alles an. In den ersten Wochen war es nur eine halbe Tablette, später, als die nicht mehr reichte, eine ganze und nach ein paar Monaten bis zu zwei ganze Tabletten jeden Abend. Waren es anfangs rezeptfreie aus der Apotheke, griff ich später zu Schlafmitteln, die ich mir von meiner Ärztin hatte verschreiben lassen – Tabletten der Wirkstoffgruppe Benzodiazepine, die sehr schnell abhängig machen, wie ich heute weiß. Meine Ärztin hatte betont, sie seien nur eine vorübergehende Lösung, man müsse die Ursache für meine Beschwerden genauer ermitteln. Doch ich hatte davon nichts hören wollen. Autogenes Training? Stress-Management? Psychotherapie? Dafür hatte ich keine Zeit. Ich wollte doch einfach nur schlafen können, um meine Arbeit zu schaffen, um zu funktionieren. Als meine Ärztin sich weigerte, mir die Tabletten weiter zu verschreiben, suchte ich kurzerhand eine andere auf.

Nachts konnte ich endlich schlafen, doch tagsüber war ich immer noch erschöpft und litt immer häufiger unter starken Kopfschmerzen. So fing ich an, zusätzlich Schmerzmittel zu nehmen. Anfangs erst, wenn die Schmerzen richtig stark waren. Später schon beim allerkleinsten Anzeichen. Ohne Tabletten in der Tasche verließ ich schon bald nicht mehr das Haus.

Ich erlitt einen Heulkrampf

Das war auch Nele aufgefallen. Mehrfach sprach sie mich auf die Pillenschachteln auf meinem Nachttisch und in unserem Badezimmerschränkchen an. ,Hat die Ärztin mir verschrieben. Die wird ja wissen, was sie tut. Mach dir keine Sorgen, mein Schatz‘, versuchte ich, sie zu beschwichtigen. Doch Nele ließ nicht locker und zog meine Schwester Maike ins Vertrauen. Als Maike eines Abends vorbeikam und mich auf die Medikamente ansprach, erlitt ich einen Heulkrampf. Ich schüttete ihr mein Herz aus, erzählte ihr alles. Dass ich inzwischen bis zu zwölf Tabletten nahm, um irgendwie durch den Tag zu kommen. Dass es ohne nicht mehr ging, weil ich sofort unter starken Schmerzen litt, wenn ich die Tabletten mal wegließ. Dass ich nicht mehr wusste, wie ich mein Leben ohne die Mittel bewältigen sollte.

Am nächsten Tag gingen wir zusammen zu einer Suchtberatungsstelle. Da half man mir, schriftlich Angelegenheiten mit der Kranken- und Rentenkasse zu klären und eine geeignete Einrichtung zu finden. Wenig später kam ich zur Entgiftung ins Krankenhaus, danach begann meine zwölfwöchige Entwöhnung. In der Spezialklinik vertraute ich mich zum ersten Mal in meinem Leben Psychotherapeuten an. Ich erkannte, dass ich schon von Kindesbeinen an die tiefe Angst in mir trage, zu versagen und nicht geliebt zu werden, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Ich lernte, nachsichtig mit mir selbst zu sein, wenn mich düstere Gedanken plagen, statt dann Pillen zu nehmen.

Die Entwöhnung ist nun ein Jahr her. Noch immer gehe ich ein Mal die Woche zu einer Psychotherapeutin. Sie hat mich darin bestärkt, mich von Dingen zu trennen, die mir nicht guttun – zum Beispiel auch von meinem Job in der Unternehmensberatung. Gerade habe ich einen neuen gefunden. Und jetzt fängt es wirklich an, mein neues, besseres Leben.“