Marquis de Sade und der sexuelle Sadismus

Der Meister der sexuellen Ausschweifungen

Der Marquis de Sade war ein Meister der Verführung. Er veranstaltete Orgien und vögelte sich durch alle Gesellschaftsschichten. Erfahren Sie mehr über den Schwerenöter seiner Zeit!

Wer würde nicht gern Geschichte schreiben? Also ich hätte nichts dagegen. Natürlich nur, wenn es um etwas Positives geht. Denn das würde ja bedeuten, dass ich etwas Großartiges vollbracht hätte. Meine sexuellen Neigungen sollten allerdings nicht der Grund dafür sein. Die behalte ich dann doch lieber für mich. Zwei Männer jedoch haben genau das geschafft und gingen mit ihren Gelüsten in die Sexualgeschichte ein. Nicht nur das, ihre Namen sind bis heute in aller Munde:

  • Beide lebten vor langer Zeit. 
  • Beide haben literarische Werke hinterlassen, die heute noch so manchen Liebhaber und so manche Liebhaberin und vor allem auch jede Menge zeitgenössischer Autoren und Autorinnen inspirieren. 
  • Beide Namen stehen heute für jeweils eine eigene sexuelle Präferenz. 

Die Rede ist vom Marquis Donatien-Alphonse-Francois de Sade (1740-1814) und von Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895). Das haben sie die beiden sicherlich nicht gedacht, als sie damals lebten, liebten und schrieben. Und heute stehen sie gemeinsam für das große Gegensatzpaar Sadismus und Masochismus - Sadomasochismus. Untrennbar miteinander verbunden. Bis in alle Ewigkeit. Dabei lebten sie sich nicht einmal zur selben Zeit. Und vor allem sind ihre Werke grundverschieden.

Der Ursprung des Flagellantismus

Der Marquis de Sade (1780-1814) tat eigentlich nur das, was auch schon damals ein gar nicht ungewöhnliches sexuelles Gebaren war: Er schlug, er peitschte, er demütigte. Er lebte in einer Zeit, in der die Prostituierten in England mit allerlei Schlagwerkzeug zur Erziehung ihrer Kunden ausgestattet waren. Und Kunden müssen sie gehabt haben, denn die Bezeichnungen Flagellantismus und Englische Erziehung finden ihren Ursprung auch tatsächlich in dieser Zeit. 

Gefährliche Liebschaften in der Zeit des prunkvollen Absolutismus

Nun war dies allerdings nicht die Lieblingsbetätigung der breiten Massen. Die waren mit dem puren Überleben schon mehr als beschäftigt. Man denke nur an die hungernde Bevölkerung in der Zeit vor der französischen Revolution. Der Adel jedoch lebte im Überfluss und vertrieb sich die Zeit mit Spielchen. Der Geschlechtsverkehr an sich schien zu dieser Zeit weniger im Mittelpunkt zu stehen als vielmehr die Verführung davor. Das kennen wir sehr schön aus dem Film Gefährliche Liebschaften mit Glenn Close, John Malkovic und Michelle Pfeiffer. Die Vorlage für diesen Film ist übrigens tatsächlich ein Roman aus dem Jahr 1782, ein Skandal damals. 

Das gefährliche Spiel des Marquis de Sade

Der Marquis de Sade war nun ein Meister im Spielchen spielen. Er veranstaltete Orgien und vögelte sich durch alle Gesellschaftsschichten. Bei der recht hemmungslosen Umsetzung seiner ausgeprägten Vorlieben verstieß er dabei auch gegen Gesetz und Moral. Wo kein Kläger, da kein Richter. Nur leider gab es im Falle des Marquis Kläger. Und so wurde er aufgrund seiner sexuellen Praktiken des Öfteren angezeigt. 

Vielleicht wäre dies unter den Teppich gekehrt worden wie bei ähnlichen Fällen aus derselben Zeit. Der Adel genoss schließlich ganz besondere Privilegien. Allerdings schien der Marquis ein Querulant gewesen zu sein, der wenig Lust verspürte, sich seinen Pflichten am französischen Hof zu stellen. Das schien dem König aufzustoßen und so wurde der Marquis aufgrund seiner Neigungen nur zu gern mehrfach inhaftiert. 

Und vermutlich wäre er trotzdem in Vergessenheit geraten, hätte de Sade nicht sein außergewöhnliches literarisches Werk hinterlassen. Denn die Zeit im Gefängnis wusste er mit Lesen und Schreiben nur allzu gut zu nutzen. Seine Bücher sind eine Abrechnung mit dem Ancien Régime, das für Verschwendung, Gier und Überfluss stand. Die Bücher waren damals ein unglaublicher Skandal, nicht zuletzt aufgrund der gewaltverherrlichenden sexuellen Ausschweifungen. Jeder treibt es hier mit jedem, sämtliche Verwandtschaftsgrade außer Acht lassend. Es wird dabei alles praktiziert, was damals verboten war. Auch sämtliche Spielarten, die in der heutigen Sexualwissenschaft einen Namen haben, werden auf das Ausführlichste beschrieben. 

Wer sich nun aufmacht, um hier eine erregende Bettlektüre zu finden, wird allerdings enttäuscht sein. Denn trotz des pornografischen Inhalts stecken seine Bücher eben auch voller gesellschaftlicher Kritik und sind – abgesehen von Justine - im Ganzen eher wenig unterhaltsam. Ich weiß das, denn einige der Werke liegen hier neben mir auf dem Schreibtisch.

Vive la révolution sexuelle!

Dem Marquis würde es vermutlich gefallen, wüsste er um diese Namensgebung. Er kämpfte Zeit seines Lebens darum, anerkannt zu werden mit der Neigung, durch das Zufügen von Schmerz, Macht und Demütigung Lust zu erleben. Er war der Auffassung, diese Neigungen seien von der Natur gegeben und damit „unheilbar“. Er sah sie als Antrieb jeden menschlichen Handelns. Knapp hundert Jahre später formulierte Sigmund Freud es dann ähnlich in seiner Theorie des Unbewussten. 

De Sade wird mancherorts auch als sexueller Aufklärer verstanden. Er hat erkannt, dass die Gesellschaft die Moral vorgibt und darüber urteilt, was gut ist und was schlecht. Denn Gut und Böse sind höchst wandelbar. Das können wir sehr gut an den sexuellen Neigungen de Sades sehen. Denn das, was den Marquis vor knapp 200 Jahren ins Gefängnis brachte, wird heute ganz offiziell in SM-Studios und im privaten Rahmen praktiziert. Bücher wie Shades of Grey stürmen die Bestsellerlisten. Noch stehen sexueller Sadismus und sexueller Masochismus auf der Liste der sexuellen Präferenzstörungen. Es wird jedoch diskutiert, sie dort herauszunehmen. Ein letzter Sieg für diesen außergewöhnlichen Franzosen!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

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