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Werden wir sexuell wirklich immer offener?

Sexual-Pädagogin Anja Drews wirft einen Blick auf die Geschichte

Sex außerhalb der Ehe, gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder solche mit gleich mehreren Partnern, Alleinerziehende & Co. – all das war noch vor 50 Jahren in der deutschen Gesellschaft verpönt. Wir werden immer freizügiger und sexuell offener. Sexual-Pädagogin Anja Drews stellt sich daher die Frage, wie es in der Zukunft aussieht. 

Die Welt ist nicht in Stein gemeißelt. Und schon gar nicht das, was wir heute als Sexualität bezeichnen. Wenn wir fünfzig Jahre zurückblicken, sehen wir eine ganz andere Gesellschaft als heute. 1967 befand sich die Welt im Aufbruch. Es war die Zeit der Beatles, der Doors und Roy Black. Es war die Zeit des Kalten Krieges. Es war eine Zeit, in der Sexualität fest in die Ehe gehörte und in der der weibliche Orgasmus noch nicht in das Bewusstsein der Menschen vorgedrungen war. Es war die Zeit ganz kurz vor der zweiten sexuellen Revolution. Ja, es gab schon einmal eine, aber darauf komme ich später zu sprechen. 

Man hätte sich damals in der alten Bundesrepublik so einiges nicht vorstellen können: Sex ohne Ehe, Partnerschaften mit mehreren PartnerInnen, eingetragene Lebenspartnerschaften gleichgeschlechtlich Liebender, ein Heer von Alleinerziehenden, über fünfzigjährige Schwangere, öffentliches Ausleben ehedem so unglaublich privater und verschämt praktizierter Sexualität, nackte Frauenkörper auf Plakatwänden, ein frei verfügbares Angebot pornografischen Inhalten. 

Was wir heute so offen darstellen, war damals ein großes Tabu. Wenn wir uns diesen Unterschied zu unserer heutigen Welt anschauen, stellt sich doch unweigerlich die Frage, wie es in der Zukunft ausschaut. Wie werden wir in fünfzig Jahren Sex haben? Werden wir überhaupt noch Sex haben?

Das Leben ist keine Einbahnstraße

In den letzten fünfzig Jahren entwickelte sich der Umgang mit Sexualität von der Prüderie hin zur Freizügigkeit. Nichts muss, aber alles geht. Und so könnte man meinen, dass der Weg geradeaus immer weiterführt. Dass der Sex immer wilder wird, auch das letzte Tabu fällt und irgendwann jede mit jedem auf offener Straße kopuliert. Das wird ja auch tatsächlich mancherorts befürchtet. Und von dort wird gegen die Frühsexualisierung der Kinder und gegen die Auflösung der Ehe protestiert. Zurück zu den alten Werten, zurück zur klassischen Familienform. Zurück zur Enthaltsamkeit vor der Ehe? Das kommt bestimmt demnächst auch noch. 

Sind wir heute wirklich so viel offener?

Aber es ist ja alles gar nicht so, wie es oft dargestellt wird. Zwar sind wir tatsächlich viel offener geworden im Umgang mit Sexualität. Aber trotzdem reden wir bis heute nicht wirklich über unser eigenes Liebesleben, reden nicht wirklich über das, was wir wollen. Vielleicht wissen wir es nicht einmal. Und nicht alle frönen der freien Liebe. Nein, wirklich nicht. Polyamorie, Swingerclubs oder private Pornos sind immer noch kein Mainstream. Und sie werden es vermutlich auch nie werden. Der ganze öffentliche Umgang mit Sexualität scheint eher dazu zu führen, dass vielen die Lust vergeht. Zu viel Druck, zu hohe Erwartungshaltungen.

Wilder Wechsel von Freizügigkeit und Prüderie

Wer immer noch glaubt, dass es nur in die eine Richtung gehen kann, der oder die irrt. Die Zahl der Eheschließungen steigt gerade an, es werden wieder mehr Kinder geboren und die meisten Menschen wünschen sich am Ende doch gegenseitige Treue. Auch die Geschichte zeigt uns, dass auf wilde Zeiten immer wieder ruhigere folgen:

•    In der Mitte des 18. Jahrhunderts zur Zeit der Aufklärung avancierten die Mätressen und Kurtisanen der Könige und Adligen zu Medienstars. Ihre Bilder wurden dank der neuen Drucktechnik überall verbreitet. Daher stammt übrigens auch das Wort Pornografie, das wörtlich die Beschreibung von Huren bedeutet. Der Film „Gefährliche Liebschaften“ zeigt sehr deutlich, wie gelangweilt sich der Adel gleichzeitig in sexueller Hinsicht fühlte. 
•    Später im viktorianischen Zeitalter verbreitete sich eine ungeahnte Prüderie. Selbst Klavierfüßchen mussten abgedeckt werden, da sie erotische Gedanken hätten aufkommen lassen können. 
•    Anfang des letzten Jahrhunderts bahnte sich die Lust dann in der tatsächlichen ersten sexuellen Revolution wieder ihren Weg. Im wirtschaftlichen Boom der Goldenen Zwanziger öffnete sich die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht. 
•    Dann kamen in Deutschland die Nationalsozialisten und stellten Frauen wieder an den Herd und den Sex in den Dienst der Nation. Frauen als Gebärmaschinen, Männer als Soldaten. 
•    In der Nachkriegszeit wurde alle Kraft in den Wiederaufbau gesteckt. Für sexuelle Sperenzchen gab es keine Zeit und keine Energie. 
•    Ende der 60er Jahre begehrten die Menschen wieder auf. Und da sind wir wieder. Noch nie hatten wir so viel Zeit und so viele Möglichkeiten, uns sexuell auszutoben.

Die heutige Jugend ist die Gesellschaft von morgen

Wenn wir wirklich wissen wollen, wie es in fünfzig Jahren bei uns aussehen könnte, müssen wir einen Blick auf die Jugend werfen. Denn die ist es, deren Verhalten die nächsten Jahrzehnte prägen wird. Und von wildem Sexleben kann hier keine Rede sein. 

•    Studien zeigen, dass Jugendliche heute nicht früher anfangen als die Generation der 68er. 
•    Ihren ersten Sex haben Mädchen im Durchschnitt mit 16,5 Jahren, Jungen sogar noch etwas später. 
•    Eine Beziehung zu haben ist ihnen wichtiger als Sex. Und der ist nicht mehr die große Grenzüberschreitung oder der Sprung ins Abenteuer, wie er es früher war. 
•    Bevor Jugendliche ihre ersten eigenen Erfahrungen sammeln, geraten sie in die Aufklärungsmühle, lernen über Verhütung und sexuell übertragbare Infektionen (STI). Als Folge ist das Verhütungsverhalten so vorbildlich wie in keiner Generation zuvor. 80 Prozent verhüten beim ersten Mal. 
•    Die Rate minderjähriger Schwangerschaften ist so niedrig wie nie zuvor. 
•    Und von Promiskuität keine Spur! Nur wenige Jugendliche haben mehr als einen oder drei Sexualpartner. 
•    Auch sexuelle Abstinenz ist heute gesellschaftsfähig. 

Trotz alledem und gerade deshalb wird Sex laut Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch zumindest von den Mädchen nicht mehr so befriedigend und lustvoll erlebt. Noch ein Grund mehr für sexuelle Zurückhaltung. Was war also zuerst da, die Henne oder das Ei?

Weg vom Konsumverhalten, hin zu Genuss und Achtsamkeit

Sex avanciert auf der einen Seite zu einer Kunstform und verliert auf der anderen Seite seine animalische Triebkraft. Wir konsumieren ihn mehr oder weniger wie andere Güter oder Erlebnisse. Und wenn wir die Entscheidung fällen müssten zwischen Sex oder einer Woche ohne Smartphone und Internet, dürfte die Entscheidung den meisten nicht schwerfallen. 

Stattdessen wird Sex fast schon medizinisch verordnet: Er stärkt die Abwehrkräfte, hält die Psyche gesund und die Beziehung am Leben. Das ist sehr vernünftig. Aber lustvoll? Geil? Hm. Anderseits brauchen wir Sex nicht mehr einmal mehr, um uns fortzupflanzen. Alles, was ehemals als skandalös galt, ist heute Normalität. In vielerlei Hinsicht ist das gut. Wir haben eine neue Form der Freiheit. Homosexualität gilt hierzulande zumindest im urbanen Bereich als völlig normal. Schwule und Lesben wollen leben wie Heteros, sie wollen gleichgestellt sein und auch das Recht haben zu heiraten. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das politische Klima nicht gegen diese neue Freiheit wendet!

Wenn wir den Sex in den nächsten fünfzig Jahren aber nicht an die Langeweile und Lustlosigkeit verlieren wollen, sollten wir lernen, uns wieder mehr zu spüren. Weg vom Konsumverhalten, hin zur Achtsamkeit. Und vielleicht auch doch zur Privatheit.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quellen: Sigusch, V.: Sexualitäten. Eine kritische Theorie in 99 Fragmenten. Frankfurt am Main 2013. S. 442ff.
 

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Sex