Alexithymie: „Ich leide unter Gefühlsblindheit“

Was genau hat es mit der gar nicht so seltenen Krankheit auf sich?

Miriam leidet unter Alexithymie, der sogenannten Gefühlsblindheit. Das heißt, sie kennt keine Gefühle oder Emotionen wie Trauer oder Freude. Sie empfindet – rein gar nichts! Ihr Lachen klingt unecht. Wie man weint, das schaut sie sich von anderen Menschen ab. Beziehungen zu führen, ist da äußerst schwierig.

Alexithymie: Anzeichen deuten lernen

Als mich meine Tante im vergangenen Jahr anrief, um mir zu erzählen, dass meine Oma gestorben sei, machte sie am Telefon eine lange Pause. Ich wusste, dass sie eine Reaktion von mir erwartete. Sie schwieg, damit ich Zeit hatte, meiner Trauer Ausdruck zu verleihen. Doch ich verspürte keine Gefühle. Also legte ich auf."

Miriam leidet seit vielen Jahren an Alexithymie, der so genannten Gefühlsblindheit. Dahinter steckt die Unfähigkeit, zu empfinden. Dieses Defizit wird offiziell als Persönlichkeitsmerkmal deklariert. Experten fordern allerdings schon lange, Alexithymie als Krankheit anzuerkennen. Denn: Vor allem Partner und Angehörige leiden unter der den Symptomen der Alexithymie.

Miriam geht auf die Beerdigung ihrer Großmutter. Schließlich hat die sie fast ein Leben lang begleitet. Als ihre Mutter starb, war Miriam noch ein Kind. Ihr Vater war völlig überfordert und gab seine Tochter einige Jahre später in die Obhut seiner Schwiegermutter. Bei ihr findet Miriam endlich ein liebevolles Zuhause. Doch obwohl sie ihr so viel Zuneigung geschenkt hat, kann Miriam bei der Beerdigung ihrer Oma nicht trauern — das sind die typischen Alexithymie Symptome.

„Ich weiß noch, wie ich zwischen all den schluchzenden Menschen saß und rein gar nichts empfand. Ich schaute mir die Menschen um mich herum an, wie sie weinten und verzweifelt waren. Ein paarmal, als jemand zu mir herübersah, tat ich auch so, als würde ich weinen, und hielt mir ein Taschentuch vors Gesicht.“

Miriam ahmt die Emotionen anderer Menschen nach. Das tut sie immer, wenn sie nicht weiß, wie sich eine Situation eigentlich anfühlen sollte — ein ganz klassisches Hilfsmittel, dessen Menschen, die an Gefühlsblindheit leiden, sich bedienen. Sie versuchen so, die Alexithymie Symptome und die Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, bestmöglich zu verstecken.

„Das hilft mir. Ich stelle so eine gewisse Verbindung zu den Menschen her. Denn die meisten reagieren mit viel Unverständnis für meine Situation. Immer und immer wieder wurde ich angesprochen. Wie ich denn so emotionslos sein könne und ob mir denn wirklich alles egal sei. Doch so ist es nicht.“

Es gefällt es Miriam zum Beispiel, mit ihren Freunden zusammen zu sein. Wenn sie sieht, wie die anderen reagieren, tut Miriam es ihnen gleich und imitiert, was die anderen machen. Dann fühlt sie sich ihnen nah, auch wenn sie nicht nachempfinden kann, warum sie sich so verhalten.

Zwischen ihrem 11. und 14. Lebensjahr ist irgendwann klar, dass Miriam anders ist als ihre Mitschüler. Hier zeigten sich die ersten Alexithymie Anzeichen, doch zu deuten wusste sie zunächst einmal keiner.

„Ich entscheide vieles rational und nicht emotional. Während der Schulzeit hieß das, dass ich mir meine Freunde danach aussuchte, wie viel Spielzeug sie hatten oder ob sie gut in der Schule waren. Das mag für andere Menschen egoistisch klingen, aber es waren nun mal die einzigen Kriterien, die mir sinnvoll erschienen.“

Irgendwann merken dann auch die Lehrer, dass mit Miriam etwas nicht stimmt. Sie sind irritiert, dass Miriam – ganz anders als die anderen Mädchen in ihrem Alter – gar keine Gefühle zeigt. Doch mit der Zeit finden sie sich damit ab, dass Miriam eben einfach etwas gefühlsarm ist. Von der Diagnose Gefühlsblindheit war sie damals aber noch weit entfernt. Mit 24 hat Miriam ihren ersten Freund. „Das war wirklich nicht einfach. Alles ging von ihm aus. Als er das erste Mal ‚Ich liebe dich‘ zu mir sagt, habe ich es ihm nachgeplappert. Doch gefühlt habe ich nichts. Er war interessant, hatte viel zu sagen, aber ob ich ihn geliebt habe? Das kann ich nicht sagen“, gesteht die Dresdnerin.

Aus Miriam wird eine perfekte Schauspielerin, die ihre Alexithymie Symptome überspielt. Sie lernt, zu tun, was ihr Freund von ihr erwartet. „Ich wollte wie die anderen Frauen mit einem Partner zusammen sein. Nicht, weil es mir ohne Freund wehgetan hätte, sondern, weil ich nicht ständig darauf angesprochen werden wollte, wieso ich so gefühlskalt bin. Irgendwann habe ich mich dann doch getrennt. Ewig aufpassen zu müssen, was ich sage, war mir zu anstrengend.“ In ihrem Alltag und mit ihren Kollegen ist es etwas einfacher. „Auf einer sachlicheren Ebene ist das in Ordnung.

Doch auch ihrer Chefin in der Anwaltskanzlei fällt auf, dass Miriam ein sehr rationaler Mensch ist. Miriam wirkt auf sie, als würde sie alles nicht tangieren. Ein Vorwurf, mit dem sich viele Gefühlsblinde konfrontiert sehen. „Doch das stimmt nicht. Meine Tätigkeit als Anwaltsgehilfin ist sehr interessant, ich kann es nur nicht zeigen. Meine Chefin bemängelte, dass ich immer nur in einer Tonlage spreche. Das war mir selbst nicht aufgefallen.“

Seit einigen Monaten macht Miriam eine Therapie. „Mein neuer Freund hat mich darum gebeten. Ich will ihm gefallen. Also gehe ich dorthin. Der Therapeut sagt, dass ich damals durch den Verlust meiner Mutter ein Trauma erlitten habe und das irgendwann überwinden kann. Vielleicht kann ich dann auch endlich etwas fühlen – so wie alle anderen auch.“

Alexithymie: Tipps und Infos zum Thema

Es gibt nur wenig Studien, die sich mit dem Thema Alexithymie beschäftigen. Hier die wichtigsten Erkenntnisse:

Was ist Alexithymie, und wie wirkt sie sich aus?

Betroffene können keine Gefühle empfinden. Experten bezeichnen sie daher als „gefühlsblind“. Ihnen fehlt der Zugang zu ihrem Inneren. Die betroffenen Menschen sind aber durchaus in der Lage, hochkomplexe Sachverhalte zu begreifen und zu verarbeiten. In Deutschland gilt Alexithymie nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitsmerkmal.

Wie viele Menschen sind in Deutschland betroffen?

In der bislang größten deutschen Alexithymie-Studie der Universitäten Leipzig und Düsseldorf mit 1.800 Teilnehmern haben die Forscher herausgefunden, dass jeder Zehnte der deutschen Bevölkerung deutliche Merkmale von Gefühlsblindheit aufweist. Und Studien haben ergeben: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Woher kommt die Unfähigkeit, etwas zu empfinden?

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass das limbische System im Gehirn nicht richtig mit dem präfrontalen Cortex verbunden ist. Im Normalfall äußert sich das Gefühl Angst zum Beispiel so: Wir sehen ein Krokodil. Die Amygdala, ein Teil des limbischen Systems, schlägt Alarm. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, das Herz schlägt schneller. Wir ergreifen instinktiv die Flucht. Der präfrontale Cortex nimmt unsere Angst als Angst wahr: Wir wissen, dass das Herzrasen in der Situation ein Angstsignal ist. Deshalb verlangsamt sich der Herzschlag auch wieder, wenn die Gefahr vorbei ist. Dieser Prozess findet bei Gefühlsblinden nicht statt. Sie spüren zwar das Herzklopfen, können diesem aber kein Gefühl zuordnen.

Ist das eine neurologische Störung?

Alexithymie ist nicht angeboren. Und: Sie kann zwei Auslöser haben. Betroffene haben als Kind entweder nie gelernt, Gefühle zuzulassen, oder sie haben das wegen eines traumatischen Ereignisses wieder verlernt. Eine Psychotherapie kann meist helfen und die Gefühlsblindheit sogar kurieren.

 

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