Warum altern wir? Fakten und Zahlen

Spannend, was Forscher heute wissen

26. Januar 2018

Mit den Jahren verändert sich jeder Organismus. Aber wie – das haben wir auch selbst in der Hand. Warum altern wir? Wir haben mit einem Profi gesprochen.

Unser ganzes Leben lang sterben unsere Zellen und erneuern sich wieder, manche brauchen Jahre, andere nur ein paar Tage. Aber warum ist das so? Was sind die Hintergründe unserer Vergänglichkeit? Warum altern wir? Dr. Kai-Michael Beeh erläutert die neuesten Forschungsergebnisse.

Wann beginnt eigentlich unser Alterungsprozess?

„Vom 35. Lebensjahr an nimmt die Muskelkraft ab, die Sehkraft wird schwächer – um das 40. Lebensjahr herum etwa beginnt die Altersweitsichtigkeit, und wir bekommen die ersten grauen Haare.“ 

Was führt dazu, dass die Zellen irgendwann sterben?

„Jede Zelle hat ihren eigenen programmierten Zelltod. Das heißt, sie stirbt, wenn sie alt wird und sich nicht mehr reparieren kann. Dazu führen auch Umweltfaktoren wie zuviel Sonne, sowie Nikotin oder andere Giftstoffe. Wer raucht, altert beispielsweise um ein Drittel schneller. Man sollte diese äußeren Faktoren also meiden.“

Hat dieser Prozess denn überhaupt einen Zweck?

„Rund 40 Jahre lang baut sich der Körper perfekt auf und läuft wie geschmiert. Und dann – altert er. Die Theorie besagt, dass die ganze Energie in der Fortpflanzung steckt. Sobald der Mensch Kinder bekommen hat, ist es nicht mehr nötig, den Apparat am Laufen zu halten, die extrem komplizierten Reparaturmechanismen der Zellen funktionieren nicht mehr einwandfrei. Wir müssen Platz machen für unsere Nachkommen. Die Evolution hat nicht vorgesehen, dass wir so alt werden. Man muss dabei auch bedenken, dass vor 150 Jahren die Lebenserwartung eines Deutschen bei 35 bis 40 Jahren lag. Er starb an Krankheiten, er hatte einen Unfall oder er wurde in einem Krieg tödlich verletzt. Wir nennen das den Katastrophentod.“

Manche Menschen werden ja extrem alt …

„Ja, das stimmt. Wir gehen davon aus, dass 20 Prozent des Alterns von den Genen bestimmt wird, 80 Prozent von der Umwelt. Manche Menschen haben Schutzmechanismen etwa in der Lunge – wie Helmut Schmidt, der viel geraucht hat. Andere haben das nicht und bekommen dann Lungenkrebs.“

Existiert so etwas wie eine maximale Lebensspanne?

„Wir gehen heute davon aus, dass sie bei 120 bis 124 Jahren liegt – dann ist leider endgültig Schluss.“

Können wir irgendwas gegen das Altern tun?

„Nein, altern müssen wir, das ist so festgelegt – aber wir können es gesund tun. Das bedeutet: Muskel- und Ausdauer-Training, eine vernünftige Ernährung und genügend Schlaf. In den Muskeln werden massenhaft Hormone und Botenstoffe gebildet. Dickdarmkrebs zum Beispiel kann gebremst werden durch diese Botenstoffe aus den Muskeln. Aber man muss nicht jeden Tag drei Stunden Sport machen. Ich sage immer: Alles ist besser als nichts. 15 Minuten Bewegung am Tag reichen völlig aus.“

Frauen leben länger …aber sie altern (leider) schneller

Die Hormone: Nach der Menopause sinkt bei Frauen der Spiegel der Sexualhormone rapide ab. Das hat zur Folge, dass sie in diesem Zeitraum schnell altern. Bei Männern hingegen nimmt der Testosteronspiegel nur ganz langsam ab, und sie haben den körperlich markanten Einschnitt der Wechseljahre nicht.

Fortpflanzung: Nach der Menopause können die Frauen keine Kinder mehr bekommen – Männer können aber noch zeugen. Nach Ansicht der Forscher liegt darin möglicherweise auch einer der Gründe, warum Männer körperlich nicht so schnell alt werden, denn sie müssen für die Frauen im gebärfähigen Alter attraktiv bleiben. Die Senioren sind körperlich meist fitter und leistungsfähiger als ihre Altergenossinnen. Die Reaktionsfähigkeit von Männern lässt später nach, fünf von sechs altersbedingten Augenkrankheiten treten bei ihnen später auf als bei Frauen. Jetzt kommt das große Aber: Sie sterben deutlich früher. 

Längeres Leben: Frauen in Deutschland altern schneller – dafür sind sie aber länger alt: Im Schnitt leben sie fünf Jahre länger als die Männer. Es ist nicht ganz klar, warum das so ist – Experten vermuten, dass auch der Lebensstil eine große Rolle spielt. Denn das noch vorhandene Testosteron verleitet zu waghalsigem Autofahren und zu einem ungesunden Lebensstil – das verkürzt die Lebenszeit. Dazu kommt: Das Testosteron schwächt das Immunsystem und macht Männer anfälliger. Eine Frau in Deutschland kann im Schnitt mit 83 Lebensjahren rechnen, ein Mann nur mit 78.

Ein Chromosom mehr: Biologisch sind Frauen schon dadurch im Vorteil, dass sie ein doppeltes X-Chromosom haben. Darauf befinden sich viele Erbanlagen und Zellkopien, die für das Immunsystem enorm wichtig sind – das haben Forscher der Universität Gent herausgefunden. Wenn nun ein X-Chromosom der Frau fehlerhaft ist, kann es durch die zweite, noch intakte Version ausgeglichen werden. Bei Männern funktioniert dieser Mechanismus nicht, da ihr Erbgut statt der X-Kopie ein Y-Chromosom enthält.