Das „Impostor-Phänomen“: Die Angst, nicht genug zu sein

Der Kampf mit der ständigen Selbstunterschätzung

Obwohl sie beruflich erfolgreich ist, redet sie sich hartnäckig ein, dass sie eigentlich gar nichts kann – und dass die anderen sie irgendwann durchschauen werden. So wie Anja geht es auch vielen anderen Menschen, die unter dem sogenannten „Impostor-Phänomen“ leiden. 

„Schon zu Schulzeiten habe ich mich selbst und meine Freundinnen regelmäßig verrückt gemacht. „Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl, ich krieg bestimmt eine Fünf“, habe ich vor jeder Klassenarbeit gesagt, obwohl ich eigentlich immer super vorbereitet war. Irgendwann konnten meine Mitschülerinnen meine Leier nicht mehr hören, denn am Ende bekam ich in der Regel mindestens ein „gut“. Ich beteuerte ständig, dass ich mir wirklich sehr unsicher gewesen war, aber die anderen waren von mir genervt, glaubten mir meine Sorge nicht mehr und stempelten mich als Oberstreberin ab.

Es ist besser, nicht zu viel über mein geringes Selbstvertrauen zu reden, habe ich damals gelernt. Doch die unbegründete Angst, zu versagen, blieb – und wurde noch schlimmer: Mein ganzes Chemie-Studium hindurch litt ich unter dem Gefühl, dort nicht richtig zu sein. Im Labor arbeitete ich oft als einzige Frau unter Männern und war tunlichst darauf bedacht, nur ja keinen Fehler zu machen, damit die anderen nicht merken, dass ich eigentlich gar keine Ahnung habe. Mehrmals habe ich überlegt, hinzuschmeißen und lieber etwas anderes zu studieren. Kein Mensch konnte das verstehen – denn absurderweise bestand ich fast alle Klau- suren mit Top-Noten, bekam für meine Referate durchweg gutes Feedback und erhielt sogar den begehrtesten aller Praktikumsplätze bei einem großen Pharmakonzern.

Ich dachte, ich sei nur deshalb erfolgreich, weil ich so viel Glück habe

Egal wie viele Vorhaben mir auch gelangen, ich war der festen Überzeugung, dass mir die Ehre nicht gebührte. Ich dachte, ich wäre nur deshalb erfolgreich, weil ich so viel Glück hatte. In den Klausuren kamen eben vor allem die Themen dran, die mir lagen, und ansonsten hatte ich geschickt erfolgreich geblufft und mich gut dabei angestellt, mein Unfähigkeit zu verbergen. Ein Naturtalent war ich ganz sicher nicht, schließlich habe ich ja Tag und Nacht für Prüfungen pauken und meine Vorträge so akribisch vorbereiten müssen, bis ich sie am Ende auch hätte singen können. Partys, Kaffeetrinken mit Freunden, Reisen oder Hobbys – das alles kam viel zu kurz, weil ich glaubte, ständig lernen zu müssen. Heute sehe ich, welch hohen Preis ich gezahlt habe, weil ich mich nicht schon damals mit meiner Angst auseinandergesetzt habe.

Ich machte meinen Doktor und ging wenig später in die freie Wirtschaft, weil ich von dort so viele attraktive Angebote bekam. Die Vorstellungsgespräche waren trotz meiner weitreichenden Erfahrungen eine ziemliche Tortur für mich. Meist fühlte ich mich wie eine Mogelpackung, fast so, als wäre ich die denkbar ungeeignetste Person für die jeweilige Stelle – dabei waren die Unternehmen ja auf mich zugekommen, nicht umgekehrt.

Endlich verstand ich, dass ich mich nicht verrückt machen muss

Heute arbeite ich in der Kosmetikbranche in Hamburg und teste und entwickle neue Produkte. Ein Schlüsselerlebnis vor ein paar Monaten hat dazu geführt, dass ich meine irrationalen Ängste in den Griff bekommen habe: Ich nahm an der Café-Eröffnungsfeier einer Freundin teil, obwohl ich am nächsten Tag einen Vortrag halten sollte. Früher wäre ich nie hingegangen, sondern hätte den Abend damit verbracht, die Präsentation zu optimieren. Auf der Party hatte ich Spaß. Zum ersten Mal gelang es mir, fünf gerade sein zu lassen. Als dann auch noch mein Vortrag super lief, obwohl ich mich nicht verrückt gemacht hatte, machte es „Klick“: Nichts Schlimmes war passiert, niemand zweifelte an mir. Wieso auch? Ich stecke ja im Thema. Ich bluffe nicht. Ich kann das.

Was für eine Befreiung! Um nicht wieder in alte Muster zurückzufallen, ließ ich mir von einem Coach helfen. Dabei lernte ich viel über mich – unter anderem, dass meine Ängste mit meinem Vater zu tun haben, der unbedingt wollte, dass es mir finanziell einmal besser geht als ihm. Seitdem habe ich viel mehr Selbstvertrauen – und mehr Freizeit. Meine Vorträge kann ich aber bis heute auswendig. Perfektionistin werde ich wohl immer bleiben.“

Das „Impostor-Phänomen“ – ein Fraueproblem?

Sabine Magnet, Journalistin und Autorin aus München www.magnetverlag.de gibt Tipps und Infos zum Thema.

Die ständige Angst, zu versagen, heißt„Impostor-Phänomen“. Wie ist es genau definiert?

„Das Impostor-Phänomen beschreibt das Unvermögen, seine Erfolge auf die eigenen Fähigkeiten zurückzuführen, und die gleichzeitige Angst, dass die eigene vermeintliche Hochstapelei auffliegt. Betroffene glauben, dass sie selbst nur bluffen und in Wahrheit nichts können, während alle anderen total kompetent sind.“

Welche Menschen sind am ehesten von einer solchen Selbstunterschätzung betroffen?

„Zum Beispiel Menschen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben und introvertiert sind. Auch perfektionistisch Veranlagte neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen. Entgegen landläufiger Annahmen ist es nicht unbedingt ein Frauenproblem. Laut Studien betrifft es allerdings vor allem Personen, die sich selbst mit eher femininen Attributen wie sozial oder fürsorglich beschreiben.“

Woher rührt diese Fehleinschätzung der eigenen Person, und was steckt dahinter?

„Oft gründet die Fehleinschätzung auf Glaubens- sätzen aus der Kindheit, etwa: Wer schlau ist, muss nicht viel lernen. Es kann auch eine Reaktion auf das Gefühl sein, nicht rechtmäßig dazuzugehören. Das kann beispielsweise für eine Person gelten, die als Erste in der Familie studiert. Andere wurden als Kind nur gelobt und können deshalb ihre Fähigkeiten nicht einschätzen, wieder andere haben von der Erfahrung ihres ersten Scheiterns ein Trauma davongetragen. Für Letztere ist es eine Strategie, mit Niederlagen umzugehen. Das Impostor-Phänomen kann eine Schutzfunktion sein. Man unterschätzt sich, damit der Fall nicht so tief ist, falls wirklich etwas schiefgeht.“

Wie äußert sich das Impostor-Phänomen, und wann sollten Betroffene sich helfen lassen?

„Zunächst: Es ist kein Syndrom und keine Krankheit. Das Impostor-Phänomen tritt in unterschiedlichen Ausprägungen auf, viele leiden nur phasenweise daran. Dennoch kann es zu erheblichen Problemen führen. Ein Teil der Betroffenen ist immer übervorbereitet, hat deshalb kaum Freizeit. Andere weisen die Verantwortung von sich, indem sie Szenarien schaffen, in denen gute Leistungen gar nicht möglich sind. Sie schieben Arbeit zum Beispiel so lange auf, bis sie nicht mehr zu schaffen ist. Diese Selbstsabotage führt zu Frust und Panik. Sobald man psychisch und körperlich stark beeinträchtigt ist, sollte man sich helfen lassen.“

Was kann man für sich selbst tun, wenn man ständig das Gefühl hat, ein Versager zu sein?

Es hilft, darüber zu lesen und festzustellen: Man ist nicht allein. Am Impostor-Phänomen leiden viele Kreative und Prominente. Experten raten auch dazu, ein Erfolgstagebuch zu führen, in dem man notiert, was man alles gepackt hat. Auch wichtig: das Mitgefühl für sich selbst stärken. Hilfreich sind hier geführte Selbstliebe-Meditationen.“

 

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