Zwangsstörung KDS: „Ich hasse mein Aussehen“

Sandra (33) ist eine von 1 Million Deutschen

14. August 2017

Sandra ist attraktiv, das würde wohl niemand bezweifeln. Ihre rotbraunen vollen Haare fallen in großen Wellen auf ihre Schultern. Ihre grau-blauen Augen funkeln und sind umrandet von kecken Sommersprossen. Ihre Lippen sind nicht zu schmal, nicht zu voll – optimal, würden die meisten wohl sagen. Wer auf Sandra trifft, sieht eine schöne Frau. Nur sie selbst kann das seit Jahren nicht erkennen. Denn Sandra leidet an KDS, einer körperdysmorphen Störung. Das ist eine psychische Wahrnehmungsstörung, die sie glauben lässt, sie wäre hässlich. 

Sandra wächst in einem kleinen Ort in Bayern auf. Zuhause ist auch durch ihre drei Geschwister immer etwas los. Sandra ist das Nesthäkchen und wird von den restlichen Mitgliedern der Familie oft nicht für voll genommen. „Ich war immer das Sensibelchen und irgendwie nie gut genug. Meine drei Brüder konnten alles besser als ich. So jedenfalls stellten es meine Eltern immer dar“, erklärt Sandra heute. Als sie in der Pubertät dann etwas zunimmt, ist sie dem Spott ihrer ganzen Familie ausgesetzt. Sie ziehen sie auf, nennen sie nur noch Pummel-Sanni. „Das hat mich extrem verletzt. Ich war sowieso schon nicht sonderlich selbstbewusst, aber in dieser Phase baute ich das wenige Selbstwertgefühl, was ich hatte,  auch noch ab“, gibt Sandra zu. Und eines Tages glaubt das junge Mädchen seiner Familie dann. 

Über zwei Stunden braucht Sandra morgens im Bad

Aber nicht nur das: Sandra beginnt, sich regelrecht zu hassen. Alles an sich findet sie abstoßend, geradezu ekelhaft. „Mit dem Gewicht fing es an. Doch ziemlich schnell bemerkte ich, dass mein Gesicht abnormal hässlich war. Ich dachte nur: Kein Wunder, dass keiner in meiner Familie mich mag. Bei diesem Gesicht.“ Sandra beginnt, sich zu schminken. Doch bei etwas Rouge und Mascara, wie bei den Mädchen in ihrem Alter, bleibt es nicht. „Mit 16 trug ich Make-Up in vier bis fünf Schichten. Ohne traute ich mich gar nicht mehr raus. Egal in welchen Spiegel ich schaute, mir blickte diese hässliche Fratze entgegen. Meine Freunde waren völlig geschockt und fragten mich ständig, warum ich mich denn auf einmal so stark schminken würde. Ich schämte mich so sehr für mein Äußeres und war sicher, dass sie dasselbe über mich denken. Gesprochen habe ich aber nie mit jemandem“, erzählt sie.

Über zwei Stunden braucht Sandra jeden Morgen, um sich fertig zu machen. Mit Klebestreifen klebt sie sich ihre Ohren an den Kopf, weil sie glaubt, die würden abstehen. Aus Angst, jemand könnte über ihre „hässlichen Wirr-Haare“ lachen, die in Wirklichkeit eine schöne Naturwelle haben, versteckt sie ihre Haare täglich unter einer Mütze. Selbst im Hochsommer. „Alles drehte sich nur noch ums Aussehen. Und ich bezog alles immer auf mich. Wenn auf dem Schulhof jemand lachte, dachte ich: Die lachen über mich. Ich konnte keinen normalen Gedanken mehr fassen und habe nur mit viel Glück mein Abitur bestanden.“

Freunde hat sie kaum noch

Die stille Hoffnung, es könnte sich jetzt etwas ändern, wird schnell getrübt. Auch in ihrer Ausbildung zur Bürofachangestellten dreht sich wieder alles nur noch um ihre eingebildete Hässlichkeit. Freunde hat Sandra zu diesem Zeitpunkt kaum noch. „Die meisten von ihnen waren irgendwann zu genervt von meinen ständigen Fragen nach meinem Äußeren. Sie dachten, ich wäre eingebildet und arrogant.“ Dass das Gegenteil der Fall ist und sie dringend Hilfe braucht, erkennt keiner. Und Sandra zieht sich immer mehr zurück. Nach der Berufsschule fährt sie sofort nach Hause, igelt sich ein. 

Zu der heftigen Panik wegen ihres Aussehens kommt nun eine schwere depressive Phase hinzu. Sie traut sich kaum noch auf die Straße. Bei der Ausbildung hat sie immer wieder Ärger, weil sie zu spät kommt. Weil sie wieder stundenlang vor dem Spiegel steht, sich von allen Seiten betrachtet und versucht, jeden noch so kleinen vermeintlichen Makel zu verdecken oder zu kaschieren. 

„Ich erkannte langsam: Ich leide an etwas, das mein Leben bestimmt.“

Nur Miriam, Sandras beste Freundin aus der Kindheit steht der damals 23-Jährigen auch in diesen Zeiten stets zur Seite. Sie ist es auch, die durch eine Internet-Recherche irgendwann auf die Krankheit KDS stößt – und Sandra einen Termin bei einem Spezialisten besorgt. Der bestätigt den Verdacht. Endlich! Das Leiden hat einen Namen. „Ich machte eine Psychotherapie, musste Medikamente nehmen. Langsam erkannte ich dann: Ich leide an etwas, das mein ganzes Leben bestimmt.“

Sandra lernt mit ihrer Psychotherapeutin, die antrainierten Verhaltensmuster zu durchbrechen. Es ist ein langer Weg und es gibt immer wieder Rückschläge. Zu tief sitzen ihre Ängste. Doch langsam geht es voran – in ein Leben ohne Zwänge.

Körperdysmorphe Störung: Tipps und Infos

Wir alle haben mal einen Tag, an dem wir unser Äußeres nicht so gut leiden können. Doch Betroffene dieser Krankheit hassen sich regelrecht. Was genau steckt hinter dieser speziellen Störung?

Mit welchen Symptomen zeigt sich die körperdysmorphe Störung?

Die psychische Krankheit ist noch immer wenig erforscht und bekannt. Betroffene haben oft starke Scham- und Angstgefühle, was ihr Äußeres betrifft. Ihre Gedanken kreisen ständig um das eigene Aussehen. Oft kommen auch Zwänge dazu. Etwa das ständige Sich-Erforschen im Spiegel – oder das völlige Vermeiden von Selbstbetrachtungen. Jede Fünfte unterzieht sich einer Schönheits-OP, ohne dass die Symptome sich bessern. Das sind nur einige der möglichen Symptome dieser Krankheit.

Wer ist erkrankt und wie viele Betroffene gibt es überhaupt?

Studien haben herausgefunden, dass rund zwei Prozent der Menschen an KDS leiden. Bei 80 Prozent bricht die Krankheit in der Pubertät aus. Laut US-Studien sind 61 Prozent arbeitslos, 70 Prozent Single. Ebenfalls 70 Prozent sind suizidgefährdet, 20 Prozent versuchen tatsächlich, sich umzubringen.

Was ist der Auslöser für diese psychische Erkankung?

Eine Kombination aus Genen und Risikofaktoren soll den Ausbruch auslösen. Dazu zählen Mobbing und Missbrauch in der Kindheit, sowie übertriebenes Achten auf Äußerlichkeiten in der Familie.

Hier gibt’s Hilfe 

Am Institut für Psychologie der Uni in Münster gibt es seit 2014 eine eigene KDS-Ambulanz. www.uni-muenster.de/KDSAmbulanz/

Die Technische Universität Braunschweig hat eine Spezial-Ambulanz für körperdysmorphe Störungen. Informative Website: www.tu-braunschweig.de

Die bisher einzige auf KDS spezialisierte Klinik in Deutschland ist die Schön-Klinik in Bad Bramstedt in der Nähe von Hamburg. www.schoen-kliniken.de