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Oralverkehr: Keine Lust auf Blowjob?

Bitte, bitte, blas’ mir einen!

Oralverkehr - Was früher für viele eine exzentrische sexuelle Spielart war und mancherorts heute immer noch verboten ist, gehört hierzulande in der heutigen Zeit fest zum Repertoire aufmerksamer Liebhaber und Liebhaberinnen. Er leckt, sie bläst und das am besten gleichzeitig. Dabei brauchen wir ja nur an die beliebte Stellung 69 zu denken. Schnell finden wir da allerdings heraus, dass wir uns viel besser auf das Geben und Nehmen konzentrieren können, wenn nur einer zurzeit am Werk ist. Was aber, wenn einer, in diesem speziellen Fall EINE, keinerlei Anstalten macht, ihrem Liebsten diese erotische Freude zu bereiten?

Der kleine Unterschied zwischen Porno und Realität

Der Porno macht es vor, immerhin wird hier Zungengymnastik bis zum Umfallen praktiziert. Im Vordergrund steht dabei der Blowjob. Wie es den Frauen zu gefallen scheint, auch noch am allergrößten Schwanz herum zu schlecken und ihn bis zum Anschlag in den Mund zu nehmen. Und dann erst der Cumshot! Was für ein Genuss, könnte der geneigte Zuschauer meinen! Direkt in den Mund gespritzt scheint Sperma das Köstlichste zu sein, was es für eine Frau gibt. Es ist so großartig, dass sie sich sogar von vielen Männern gleichzeitig bespritzen lassen. Träumen davon nicht alle Frauen insgeheim? Nein, ehrlich nicht. Soweit aber die mögliche Wunschvorstellung. Zwischen Porno und Realität klafft also ein tiefer Spalt. Aber wie sieht die Realität denn nun aus? Haben Frauen von sich aus Lust auf einen Blowjob oder nicht? Und woran kann es liegen, wenn sie keine Lust haben?

Er will. Sie nicht.

Frauen können tatsächlich ganz heiß auf einen Blowjob sein - sie haben Spaß daran und bestimmen selber, wann und mit wem sie es machen. Zum Leidwesen eines Mannes geht es aber auch anders. Das könnte dann so aussehen: Nichts wünscht er sich sehnlicher, als dass sie ihn - sein bestes Stück, seine eiserne Lanze, seinen harten Schwanz - endlich in den Mund nähme. Er wünscht sich so sehr, dass sie ihn sanft mit ihren Lippen umschließen, mit der Zunge auf und ab gleiten und seine Eichel umkreisen möge. Ach, was wäre das schön! Hingegen - sie tut es nicht. Macht nicht einmal die kleinsten Anstalten dazu. Als kleine Hinweise hat er schon alles versucht: 

•    Er hat ihren Kopf ganz vorsichtig heruntergedrückt.
•    Er hat mit seinem Penis hin und her gewackelt und den Hundeblick aufgesetzt.
•    Er hat sie geleckt, bis seine Zunge wie leblos aus dem Mund herausfiel. 

Aber nichts. Rien. Niente. Kein Entgegenkommen. Ansprechen will er es aber nicht, das ist ihm zu peinlich. Über Sex reden? O Gott, bloß nicht. 

Sie sind nicht allein!

Diese Situation kommt tatsächlich häufiger vor, als es ein verzweifelter Mann und die mediengeprägte Öffentlichkeit meinen könnten. Wie schon gesagt, der Blowjob scheint heute Allgemeingut zu sein und es gibt seitenweise toll geschriebene Anleitungen im Netz. Da sollte es eigentlich keine Probleme mehr geben. Aber selbst die beste Anleitung kann nichts ausrichten, wenn sie einfach nicht will. Aber natürlich spricht er genauso wenig darüber, wie alle anderen Männer, die sich nichts sehnlicher wünschen. Und so bleibt es weiterhin im Verborgenen, dass eben doch nicht jeder andere Mann seinen Blowjob bekommt, nur man selber nicht. Schade, denn genau dieser Neid auf andere Männer kann den Frust noch zusätzlich in die Höhe treiben.

1.    Verborgene Ängste setzen die Hemmschwelle hoch

Aber warum nur will sie nicht? Tja, wie üblich gibt es jede Menge möglicher Gründe. Es könnte zum Beispiel sein, dass sie schlichtweg nicht weiß, was zu tun ist. So ein Blowjob ist nämlich nicht so einfach, wie ein Mann sich das vorstellt. Und die Angst, etwas falsch zu machen und sich zu blamieren, sitzt tief. Da sind wir anders als Sie Männer. Sie stürmen vor und gehen davon aus, dass uns schon gefallen wird, was Sie machen. Wir hingegen fangen manchmal lieber gar nicht erst an. Jaja, ich weiß, natürlich denken nicht alle Männer und Frauen so. Richtig traumatisch wird es, wenn ein Mann dann aber hinterher auch noch sagt: „Baby, das üben wir aber nochmal.“!!! Ja, im Ernst, so etwas kommt vor, Ehrenwort. Dann hat eine Frau natürlich und berechtigterweise die Nase gestrichen voll und der nächste Mann wundert sich, warum seine Freundin keine Lust auf einen Blowjob hat. 

Was kann man tun? Übung macht die Meisterin. Aber man muss ja erst einmal den Anfang finden. Wenn man in den Genuss kommt und nicht ganz zufrieden ist, dann würde ich vorschlagen, die Partnerin durch vorsichtige Handzeichen oder Worte zu ermutigen, die Richtung zu wechseln und sanfter, fester - oder was auch immer man sich wünscht - zu agieren. Versuchen Sie es mit positiver Verstärkung und sagen Sie ihr, was besonders gefällt an dem, was sie macht. Das kann man übrigens auch gern in anderen Situationen machen. Loben bestärkt und vermittelt ein gutes Gefühl. 

2.    Bilder im Kopf

Es kann auch sein, dass sie schon vor der ersten eigenen Erfahrung gesehen hat, wie es im Porno zugeht. Laut einer Studie des UKE haben 76% der befragten 16- bis 19-jährigen Mädchen schon einmal pornografische Filme oder zumindest Ausschnitte gesehen. Und was die Männer dort mit den Frauen machen, kann auf eine junge Frau schon erschreckend wirken. Denn dort wird ja eben nicht gezeigt, wie sich das Paar vorher annähert, sich küsst, zärtlich berührt, langsam - oder schnell – auszieht. Es wird nicht gezeigt,

•    wie sie sich anschauen.
•    wie sie sich gegenseitig mit den Händen erregen.
•    wie sie Lust aufeinander haben. 

Es gibt dort keine Liebe und auch keinen Respekt zwischen den Akteuren, nur reine Körperlichkeit. Zumindest in den üblichen Pornos. Auch da gibt es sicherlich Ausnahmen. 

Ich mag zum Beispiel die Filme von Petra Joy, denn hier wird der Versuch unternommen, Gefühl und Respekt in die Handlungen einzubringen. Im herkömmlichen Porno werden Frauen aber zumeist als Objekte dargestellt, reduziert auf Mund, Brüste und Genitalien. Sie werden benutzt. Und diese Frauen machen alles. Es wird nicht gezeigt, wie sie mit dem Würgreflex kämpfen oder dass sie womöglich Schmerzen haben. Als ich einmal bei einem Pornodreh zuschauen durfte, wurde die Cumshot-Szene, also das Abspritzen, dadurch unbrauchbar, weil die Hauptdarstellerin tatsächlich in dem Moment zu würgen begann, als das Sperma auf ihren Rachen traf. Das sieht man sonst nicht. Oh, ich Glückliche!

Was kann Mann tun? Machen Sie Ihrer Frau/Freundin also klar, dass Sie nicht der Typ aus dem Porno sind und dass sie keine Rolle zu erfüllen hat. Sagen Sie ihr, dass Sie es schön finden würden, wenn sie Ihr Sperma schluckt, Sie aber auch glücklich sind, wenn sie es nicht macht. Beruhigen Sie Ihre Partnerin, sprechen Sie mit ihr oder erkläre Sie, was sie machen kann. Nehmen Sie sich doch einmal ein Eis vor und zeigen ihr spielerisch, was Ihnen gefallen würde. Nehmen Sie es locker, Lachen entspannt!

3.    Gleichberechtigung fördert die Lust

Und dann kann es sein, dass eine Frau zwar schon viel erfahrener ist, aber keine Lust auf einen Blowjob hat, weil sie sich in der Beziehung ohnehin schon unterlegen fühlt. Oder, weil sie schlechte Erfahrungen gemacht hat. Dann kann so ein Penis im Mund dieses Gefühl noch verstärken. Ganz besonders, wenn ein Mann den Kopf seiner Partnerin gewaltsam herunterdrückt. Das macht nur Spaß, wenn sich beide Partner in der Beziehung auf Augenhöhe befinden und Spaß am Spiel mit Macht und Unterwerfung haben. Den meisten anderen gefällt diese Geste ganz und gar nicht. Und deswegen ist das ein absolutes No Go! 

Was kann Mann tun? Hier muss erst einmal generell Vertrauen geschaffen werden. Und das beginnt nicht im Bett, sondern im Alltag. Respektieren Sie ihre Partnerin, geben Sie ihr das Gefühl, wichtig und wertvoll für Sie zu sein. Hüllen Sie sich in Geduld, fordern nicht, sondern geben zuerst selber. Denn nur wer aus freien Stücken kommt, entwickelt auch selber Lust am Geben. Und bitte nicht vergessen: Sex besteht aus mehr als Oral- und Geschlechtsverkehr. Zärtlichkeiten sind mindestens ebenso wichtig. Und damit kann man ganz langsam anfangen und sich dann steigern.

4.    Die Sache mit der Sauberkeit

Last but not least stecken manchmal auch ganz einfach hygienische Bedenken hinter der Unlust. Nicht vergessen, so ein Penis verbringt viel Zeit in der warmen Unterhose. Und dann ist er auch noch das Instrument zum Wasserlassen. Deshalb heißt es ganz klar: Waschen und pflegen. Heute muss ja sowieso alles immer ganz sauber sein. Und Sie Männer wissen selber, wie es nach einem langen Tag unter Ihrer Vorhaut aussieht. So Sie denn eine haben. Von Männern höre ich natürlich umgekehrt auch, dass sie sich beim Lecken eine saubere Vulva wünschen, die schön frisch nach der Partnerin duftet. 

Was kann man tun? Gehen Sie doch gemeinsam duschen! Seifen Sie sich gegenseitig ein und haben Sie Spaß miteinander! Klischeehaftes Bestreichen mit Sahne, Schokocreme oder anderen Leckereien bringt nicht nur die Geschmacksknospen zum Jubilieren, es nimmt der ganzen Sache auch etwas den Ernst. Und der ist für guten Sex nicht immer zweckdienlich.

Es lohnt sich

Ein Blowjob ist also wirklich ein sehr sensibles Thema und Frauen brauchen gerade am Anfang viel Vertrauen in den Partner. Da geht es nicht nur um die richtige Technik, sondern auch um das Selbstwertgefühl. Erste Male prägen sich tief in unser Gedächtnis ein und entscheiden über Hop oder Top. Machen wir das noch einmal oder lassen wir es lieber bleiben? Drängen Sie nicht und lassen Sie sich nicht drängen. Warten Sie ab, bis der Zeitpunkt richtig ist. Sprechen Sie über Ihre Wünsche und Ängste. Und versuchen Sie, Ihre Ängste auch mit etwas Humor zu nehmen. Keiner stirbt, wenn es nicht so gut läuft.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

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Sex