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Wann ist ein Penis wirklich ein Mikropenis?

Sexual-Pädagogin Anja Drews klärt auf

Nicht wenige Männer verzweifeln an der Größe ihres Lieblingskörperteils. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Fragen, die mich in der Sexualberatung schon erreicht haben. Länge und Umfang, alles wird genau vermessen, beobachtet und verglichen. Die Allermeisten liegen dabei übrigens absolut im Rahmen der natürlichen Vielfalt.

Laut einer internationalen Metastudie des King's College London mit 15.500 Männern hat ein durchschnittlicher Penis: 

•    im schlaffem Zustand eine Länge von 9,16 Zentimetern, 
•    im schlaffen gestreckten Zustand eine Länge von 13,24 Zentimetern 
•    und im erigierten Zustand eine Länge von 13,12 Zentimetern. 

Auch der Umfang wurde berücksichtigt: 

•    Ein erschlaffter Penis hat einen durchschnittlichen Umfang von 9,31 Zentimetern 
•    und bringt in der Erektion ganze 11,66 Zentimetern auf das Zentimetermaß. 

So, jetzt nochmal schnell nachgemessen und geschaut, ob man sich nicht doch irgendwo um diese Werte herum befindet. So mancher Penis erscheint seinem Besitzer im schlaffen Zustand etwas mickrig. Das kommt besonders gern vor, wenn sich ein mächtiger Bauch über ihm erhebt. Dann ist es zum einen eine Sache der Perspektive (das kennen schwangere Frauen, wenn sie ihre Füße irgendwann nicht mehr sehen können) und zum anderen kann ein Teil des Penisschafts tatsächlich unter der Fettschicht verschwinden. Das ist aber noch lange kein Mikropenis! Außerdem erheben sich die allermeisten kleineren Penisse zu erhabener Größe, wenn erst einmal das Blut in die Genitalien schießt.

Nicht jeder kleine Penis ist ein Mikrophallus

Bei der zunehmenden Fettleibigkeit unter Kindern und Erwachsenen kommt es heute tatsächlich häufiger zu persönlichen Fehldiagnosen. Denn schnell werden kleinere Exemplare fälschlicherweise als Mikropenis oder Mikrophallus bezeichnet. Das kann für Männer mit einem „echten“ Mikropenis zusätzlich belastend sein, weil sie dadurch womöglich nicht ernst genommen werden. 

Das, was in der Sexualmedizin als Mikrophallus oder Mikropenis bezeichnet wird, befindet sich weit unterhalb des oben beschriebenen Durchschnitts. Ein solcher Penis erreicht im schlaffen Zustand bis zu zwei Zentimetern, kann aber auch noch kürzer sein. Im erigierten Zustand kommt er auf höchstens sieben Zentimeter. Es handelt sich hierbei jedoch nicht einfach um die verkleinerte Ausgabe eines Penis, sondern vielmehr um eine Fehlbildung. Oftmals ist der Penisschaft nicht richtig ausgebildet, besteht die Spitze aus einer kleinen Eichel, sind auch die Hoden nicht vollständig entwickelt. 

Wie häufig dieses Phänomen auftritt, ist nicht ganz klar. Das Network on Psychosexual Differentiation spricht von einer Prävalenz von unter 2%. Das bedeutet, dass weniger als zwei Prozent der männlichen Bevölkerung von dieser Störung betroffen sind. 

Ein Mikropenis kann das sichtbare Anzeichen einer Störung des Hormonhaushalts sein

Ein Mikropenis ist bereits bei der Geburt erkennbar und wird zumeist im Rahmen der Neugeborenenuntersuchung erfasst. Die Ursachen für die Fehlbildung wurden in den letzten Jahren besser erforscht. Heute geht man davon aus, dass ca. 20 unterschiedliche Krankheiten und Syndrome für diese Art der Fehlbildung verantwortlich sind. 

Letztendlich fehlt es am Testosteron. Dieses wird entweder nicht in ausreichender Menge gebildet oder wirkt nicht richtig am Zielort. Einige dieser Syndrome, wie das Klinefelter Syndrom, zählen zu den Störungen der Geschlechtsdifferenzierung, also zu dem, was früher als Hermaphroditismus bezeichnet wurde. Früher wurden Jungen, deren Penis als nicht männlich genug erschien, auch einfach zu Mädchen umoperiert. Ein Leben mit dem falschen Chromosomensatz schien den Ärzten lebenswerter zu sein als ein Leben als Mann mit einem sehr kleinen Penis. 

Darüber sind wir heute zum Glück hinaus. Und je eher die Diagnose gestellt wird, desto besser sind die Möglichkeiten, die Entwicklung zu beeinflussen. Mit Fachärzten kann überlegt werden, welche Maßnahmen getroffen werden können und ob eine zusätzliche Hormongabe das Wachstum begünstigt.

Ein Mann ist mehr als sein Penis

Och, ist doch alles nicht so schlimm, möchte man sagen. So schlimm kann es doch nicht sein. Ist es aber für die Betroffenen, da Männlichkeit auch heute noch sehr stark vom Penis abhängig gemacht wird. 

•    Eltern können einen noch so fürsorglichen und beschützenden Umgang mit ihrem Kind pflegen und die Bildung eines gesunden Selbstvertrauens von früh an unterstützen. Trotzdem ist es kaum möglich, das Kind vor den neugierigen und leider oft auch schaulustigen Blicken anderer Kinder und Erwachsener zu beschützen. Und damit auch vor verletzenden und abschätzigen Bemerkungen.
•    Und allzu oft hemmt ein Mikropenis auch die Entwicklung eines klaren Gefühls der Geschlechtszugehörigkeit. Ein Mann hat nun einmal einen ordentlichen Penis zu haben. 

Es ist schwer, dieses Bild zu verändern. Aber in einer Welt, die zunehmend von den Abbildern aus der Pornografie geprägt wird, ist Aufklärung dringend nötig. Deshalb bin ich froh, gerade erst gelesen zu haben, dass Sexualpädagogik nun auch in den Kitas Einzug hält. Das ist flächendeckend wünschenswert. Es hilft den Kindern. Es hilft aber auch den Eltern, die oft überfordert sind mit den besonderen Bedürfnissen ihrer Kinder. 

Wünschenswert für ein erfülltes Sexualleben ist ein gesund entwickelter Penis sicherlich. Aber ganz ehrlich, auch Sex ist mehr als Geschlechtsverkehr. Es gibt immer Mittel und Wege. Man muss es nur im Kopf haben und einen Mann als Mann sehen. Ob mit oder ohne viele Zentimeter Penislänge.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION
 

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