HIV Notfallmaßnahmen: Wenn die Angst vor einer Ansteckung zur Eile drängt

Was dann zu tun ist

03. November 2020

Eine wunderbare Nacht liegt hinter Ihnen? An Safer Sex gedacht und dann ist das Kondom abgerutscht oder geplatzt? Dieses Szenario ist ja nicht so ungewöhnlich. Wenn nicht noch anderweitig verhütet wurde, steht erst einmal die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft im Raum. Seit es die Pille danach rezeptfrei in der Apotheke gibt, ist hier sehr schnelles Handeln möglich. Und nötig. Das Zeitfenster beträgt 72 Stunden. Je eher sie eingenommen wird, desto besser sind die Aussichten auf Erfolg. Aber was ist mit einer möglichen Ansteckung mit dem HI-Virus? 

Einfach ignorieren und das Beste hoffen? Oder lieber einen HIV-Test machen? Das wäre die verantwortungsvollste Lösung. Aber gibt noch andere Möglichkeiten, sich zu schützen und sich testen zu lassen: 

Sofortmaßnahmen

Wenn es um eine ernsthafte Sorge vor einer Ansteckung mit HIV geht, ist schon im Moment des Unfalls höchste Eile geboten. Zu den empfohlenen Sofortmaßnahmen gehören:

Bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr den Penis mit Seife unter fließendem Wasser waschen. 
Das Sperma aus Vagina oder Darm herauspressen. Ausspülen hingegen erhöht das Infektionsrisiko.
Bei Oralverkehr das Sperma sofort ausspucken und die Mundhöhle ausspülen. Zähneputzen erhöht das Infektionsrisiko.
Die Augen ausspülen, sollte Sperma hineingelangt sein.

HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP)

Zudem gibt es eine vorsorgliche medizinische Notfallbehandlung (PEP). Innerhalb von 72 Stunden kann nach einer möglichen Infektion mit Medikamenten eine Ansteckung verhindern werden, ganz ähnlich wie bei der Pille danach. Auch hier gilt, je früher die Medikamente eingenommen werden, desto besser ist die Wirkung gewährleistet. Und die ist am besten innerhalb der ersten zwei Stunden. Es ist also ebenfalls höchste Eile angesagt. 

Die Medikamente müssen strikt über einen Zeitraum von vier Wochen eingenommen werden. Die Nebenwirkungen machen die Einnahme nicht gerade zu einem Spaziergang. Die Telefon- und Online-Beratung der BZgA sowie die Aidshilfen vor Ort geben Auskunft, wo man Anlaufstellen für eine solche Notfallbehandlung finden kann.

PCR-Test

Wer die Ungewissheit gar nicht aushält und durch einen Risikokontakt, z. B. mit einer infizierten Person, berechtigte Befürchtungen hat, kann einen PCR-Test (polymerase chain reaction) machen lassen. Das ist die absolut früheste Möglichkeit, eine Ansteckung nachzuweisen (wenngleich nicht auszuschließen), dies allerdings auch erst fünfzehn Tage nach der möglichen Ansteckung. Der PCR-Test weist im Gegensatz zum üblichen Antikörpertest das Virus direkt nach. Ein Nachteil sind zum einen die wesentlich höheren Kosten zwischen 100 und 150 Euro, die aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Und zum anderen ist nur das positive Ergebnis, also die Ansteckung mit dem HI-Virus, verbindlich. Ein negatives Testergebnis hingegen ist leider noch keine Garantie dafür, sich nicht doch angesteckt zu haben. Denn für diesen ganz sicheren Nachweis braucht es dann doch immer noch drei Monate. Ein nachgeschobener herkömmlicher HIV-Test lässt sich also nicht umgehen.

HIV-Test

Ein HIV-Test sucht im Gegensatz zu dem PCR-Test nicht nach dem Virus selbst, sondern nach den Antikörpern, die unser Immunsystem gegen das Virus bildet. Schon drei bis sechs Wochen nach einer Ansteckung können diese nachgewiesen werden. Die Betonung liegt auf „können“. Denn erst drei Monate nach der Infektion haben sich auch die letzten nachweisbaren Antikörper gegen das HI-Virus gebildet. Eine Infektion lässt sich also auch hier schneller nachweisen als ausschließen. 

Die Kosten in Höhe von 20 bis 25 Euro entfallen in manchen Gesundheitsämtern und müssen ansonsten auch wieder selber getragen werden. Der Nachteil besteht in der unangenehmen tagelangen Wartezeit zwischen Blutentnahme und Mitteilen des Ergebnisses. 

HIV-Schnelltest

Wer die Wartezeit umgehen möchte, kann heute einen Schnelltest machen lassen. Der Begriff Schnelltest ist allerdings irreführend, denn er bedeutet nicht, ein sicheres Ergebnis vor Ablauf der drei Monate zu bekommen. Ich will Ihnen dazu eine kleine Geschichte erzählen: 

Eine junge Frau ließ am Tag nach dem Safer-Sex-Unfall in einem Labor einen HIV-Schnelltest machen. Ihr wurde Blut abgenommen und sie erhielt am selben Tag das Ergebnis: Alles sei in bester Ordnung. Wirklich überzeugend vertrat sie vehement die Ansicht, dieser Test sei bombensicher und sie habe auch alles richtig verstanden. Na, dachte ich irritiert, hat man etwa tatsächlich etwas Neues entwickelt und ich habe nichts davon mitbekommen? Es wäre wunderbar, könnte sich direkt nach dem sexuellen Kontakt feststellen lassen, ob man sich infiziert hat oder nicht. Vorbei das wochenlange Zittern. Leider lag ein Missverständnis vor. Es gibt keinen Test, der vor Ablauf von 15 Tagen irgendein Ergebnis bietet!

Denn auch bei diesem Test wird auf Antikörper getestet. Es heißt lediglich, dass das Blut beim Schnelltest nicht erst in ein Labor geschickt, sondern direkt vor Ort untersucht wird. Dazu reichen ein paar Tropfen aus der Fingerkuppe, die auf einen Teststreifen gegeben werden. Nach 30 Minuten lässt sich ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest ablesen, ob das Ergebnis positiv oder negativ ist. Einen Schnelltest kann man beim Arzt, in einem Gesundheitsamt, in einer Aidsberatungsstelle oder dafür ausgerüsteten Labors machen lassen. 

HIV-Heimtests

Diese Art von Test ist zwar über das Internet auch in Deutschland erhältlich. Es wird aber dringend davon abgeraten, tatsächlich einen Test im Alleingang durchzuführen. Denn entwickelt wurden auch diese Tests für die professionelle Anwendung. Viel zu leicht können sich Fehler einschleichen. Und wer will schon mit einem positiven Testergebnis allein zu Hause sitzen? Also ich nicht.

Gut Ding braucht Weile, in diesem Fall drei Monate

Wer ganz sicher gehen will, hat keine Chance, die üblichen drei Monate Wartezeit zu umgehen. Aus Angst vor einer möglichen HIV-Infektion aber die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass schon alles gut gehen möge, ist keine gute Alternative. Denn ungeschützt kann man weitere Personen anstecken. Und die Chancen, auch mit einer HIV-Infektion ein gutes Leben führen zu können, steigen, je eher man mit der Behandlung beginnt. Das wiederum sollte nicht dazu führen, leichtsinnig mit einem möglichen Ansteckungsrisiko umzugehen. Denn die wunderbaren Medikamente, die ein langes Leben mit HIV ermöglichen, haben auch jede Menge Nebenwirkungen. Leider führt nun gerade die Tatsache, dass HIV heute nicht mehr tödlich enden muss zu einem teilweise leichtsinnigen Umgang mit Safer Sex.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Datum: 03.11.2020