Schaden Pornos der Beziehung?

Sexual-Pädagogin Anja Drews verrät 5 spannende Fakten

Wenn wir diese Frage stellen, haben wir vermutlich ein genaues Bild der Situation vor Augen: Er guckt hin und wieder oder sogar regelmäßig Pornos und ihr gefällt das gar nicht. Viel weniger denken wir daran, dass sich ein Paar gemeinsam der medialen Lust hingibt, um sich vielleicht sogar nur Anregungen zu holen. Aber es stimmt ja auch: Tatsächlich und ganz eindeutig schauen sich viel mehr Männer regelmäßig Pornos an. Und zwar allein. Ich würde jetzt gern mit konkreten Zahlen aufwarten, die das belegen. Aber die gibt es nicht. Je nach Umfrage schwanken die Zahlen erheblich. Wir wissen einfach nicht genau, wie viele Männer regelmäßig Pornos schauen, wie viele Frauen und wie viele Paare.

1. Warum es so schwer ist, verlässliche Zahlen zu bekommen

Warum gibt es keine genauen Zahlen? Niemand gibt gern zu, dass er oder sie sich diese Filme oder Bilder anschaut. Frauen noch viel weniger als Männer. Denn trotz der enormen Verbreitung sind Pornos immer noch ein Tabu. Offen spricht darüber keiner so richtig gern. Oder haben Sie auf einer Party schon einmal den Smalltalk mit "Kennt Ihr schon den neuesten Porno mit Blablabla?" begonnen? Oder erzählen Sie beim Spieleabend fröhlich von der Leber weg, dass Sie letzte Nacht schon wieder zwei Stunden vor dem Rechner gesessen haben? Apropos Rechner: Während früher verstohlen die VHS-Kassetten aus der Videothek heimlich auf dem Fernseher geschaut wurden, läuft das heute ganz problemlos über den Computer. Wenn sich ein Paar also nicht gerade gemeinsam mit einem Filmchen antörnt, sitzt der Partner am ehesten allein im stillen Kämmerlein und klickt sich heimlich durch das Angebot. 

2. Stehen Pornos wirklich in Konkurrenz mit der Partnerin?

Wer unerwartet mit dem Pornokonsum des Partners konfrontiert wird, fühlt sich schnell hintergangen oder sogar gedemütigt. 

  • Schließlich wollen wir Frauen die alleinigen Hauptdarstellerinnen in der Fantasie unseres Partners sein. 
  • Wir wollen, dass er glücklich und zufrieden ist mit dem, was wir ihm bieten. 

Mit Nicole Kidman oder Rihanna können wir uns vielleicht noch arrangieren, immerhin findet dieser Sex tatsächlich nur in seinem Kopf statt. Wenn wir unseren Partner jedoch anhand des nicht gelöschten Browserverlaufs dabei erwischen, dass er sich auf handfesten Pornoseiten herumtreibt oder sich womöglich auch noch Sachen anschaut, auf die wir selber entweder keine Lust haben oder bei denen wir im Leben nicht darauf kommen würden, dass es SO ETWAS überhaupt gibt, ja dann ist die Kacke am Dampfen. DAS törnt ihn an? Warum guckt er das? Reiche ich ihm nicht? Ist er pervers? 

3. Niemand lässt sich gern erwischen

Und wer erwischt wird, schämt sich vermutlich erst einmal. Wenn wir unseren Partner dann gleichzeitig mit Vorwürfen überschütten und ihm zusätzlich ein schlechtes Gewissen einreden, kann die Situation schnell eskalieren. Und ja, dann schaden Pornos der Beziehung. Deshalb heißt es ruhig Blut und erst einmal nachdenken. Und anschließend das Gespräch suchen. Das bedeutet nicht, dass wir nicht empört sein dürfen. Wir sollten aber dennoch die Verantwortung für uns selbst übernehmen. Wir können mit dem Partner darüber sprechen, was ihn am Porno so anmacht und was uns daran so verletzt.

4. Warum schaut jemand Pornos?

Es stellt sich die Frage, warum unser Partner überhaupt Filme aus der Erwachsenenunterhaltung guckt. Reicht ihm das gemeinsame Sexleben tatsächlich nicht aus? Welche Lösung können wir dann gemeinsam finden? Dabei sollten wir auch immer daran denken, dass wir oft diejenigen sind, die bestimmen, was beim Sex gemacht wird, wann er stattfindet und vor allem auch, ob er überhaupt stattfindet. Viele Männer fühlen sich dem ausgeliefert und greifen dann lieber gleich zu den allzeit verfügbaren Pornodarstellerinnen. Aber vielleicht gibt es auch gar nichts an unserem Liebesleben auszusetzen. 

Und vielleicht schaut unser Partner sich nur Sachen an, die seine Fantasie beflügeln, ohne dass er überhaupt den Wunsch hat, diese in die Tat umzusetzen. Das können Sie sich nicht vorstellen? Na dann denken Sie doch einmal an Shades of Grey. Millionen von Frauen haben die Bücher gelesen und Millionen von Männern haben sich gefragt, ob sie ihre Partnerinnen jetzt hart rannehmen sollten. Wir wissen aber ganz genau, dass eine Eins zu Eins Übersetzung des Romans in unser Schlafzimmer gar nicht das ist, was wir wirklich wollen. 

5. Begehren und begehrt zu werden ist großartig

Wir wollen vor allem begehrt werden. Und zwar Männer gleichermaßen wie Frauen. So sieht sich der Mann im Porno als der Eroberer, der sich Zugang zum weiblichen Körper verschafft und dem keine Frau widerstehen kann. Er ist allmächtig und unglaublich potent. In den Romanen sind hingegen wir Frauen die Eroberten, bei denen die Männer vor lauter Geilheit nicht an sich halten können. Wir sind so attraktiv und begehrenswert, dass wir sogar mit Gewalt genommen werden müssen. Beides ist toll in der Fantasie. Aber eine Fantasie ist eine Fantasie ist eine Fantasie.

So oder so

Schaden Pornos also der Beziehung? Kann sein. Kann aber auch nicht. Es kommt eben darauf an:

  • Wenn sich eine Beziehung bereits in Schieflage befindet, der Partner nur noch vor dem Bildschirm hockt und kein gemeinsames Liebesleben mehr stattfindet, sieht die Sache schlecht aus. Aber dann wäre es ohnehin an der Zeit, etwas an unserer Beziehung zu ändern. 
  • Wenn die wirklichen Bedürfnisse nicht befriedigt werden können, weil sie nicht ausgesprochen werden oder wenn wir die Befriedigung verweigern, weil wir mit den Wünschen nichts anfangen können, dann sind Pornos ein leicht verfügbarer Ersatz. Was ja nicht bedeuten muss, dass unser Partner damit glücklich ist. Aber gestehen wir ihm dann zumindest eine erotische Intimsphäre zu? 
  • Oder führen wir vielmehr eine gleichberechtigte Beziehung, in der sich beide respektiert fühlen? Und sprechen wir über unsere Wünsche und Fantasien? Dann können wir schauen, was sich davon umsetzen lässt. Sehen wir uns vielleicht gemeinsam Pornos an, um uns zu erregen oder um uns Ideen zu holen? Dann können Pornos auch eine Inspiration sein.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION