Helfersyndrom: Die Sucht, gebraucht zu werden

Helfersyndrom: Ursachen und Symptome

Hilfsbereitschaft ist eine ganz wertvolle Charaktereigenschaft. Doch wenn es zwanghaft wird, schadet man sich damit selbst. Dann spricht man vom Helfersyndrom.

1. Was ist das Helfersyndrom?
2. Ist es eine anerkannte Krankheit?
3. Helfersyndrom: Welche Ursachen gibt es?
4. Betrifft es mehr Männer oder Frauen?
5. Partnerwahl beim Helfersyndrom
6. Merkt man, dass man das Syndrom hat?
7. Wie können Betroffene die „Krankheit“ überwinden?
8. Wie gehen Außenstehende damit um?

Laut einer neuen Studie der Yale University wirkt sich Hilfsbereitschaft positiv auf unser tägliches Wohlbefinden aus. Je häufiger die Teilnehmer sich um andere Personen kümmerten oder ihren Mitmenschen ihre Hilfe anboten, desto besser war ihr seelischer Zustand. Aber der Wunsch, anderen zu helfen, kann auch ausarten. Wann es gefährlich wird, lesen Sie hier.

1. Was ist das Helfersyndrom?

Darunter versteht man eine bestimmte psychologische Einstellung. Sie betrifft die Menschen, die einen Großteil ihres Selbstwertgefühls daraus beziehen, dass sie anderen helfen. Sie stellen deren Bedürfnisse über die eigenen und geben häufig mehr, als sie bekommen. Dafür erwarten sie dann Dankbarkeit und Anerkennung. Häufig drängen sie ihren Mitmenschen ihre Hilfe auch auf und übersehen dabei ihre eigenen körperlichen Grenzen. Menschen mit einem Helfersyndrom üben oftmals Berufe aus wie Krankenschwester oder -pfleger aber auch Arzt oder Geistlicher. Der Wunsch, anderen Mensch über Gebühr helfen zu wollen, trifft also alle Schichten.

2. Ist es eine anerkannte Krankheit?

Es ist ein Begriff, der von dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer geprägt wurde, aber keine klassifizierte Krankheit. Vielmehr führt das Verhalten eines Betroffenen zu Krankheiten – wie etwa zu Depressionen oder Burnout. Menschen mit einem Helfersydrom verausgaben sich aber nicht nur körperlich. Sie führen innere Kämpfe, weil sie nicht Nein sagen können und ihre Hilfsbereitschaft zum Teil auch ausgenutzt wird. Und sie leiden, wenn die Ressonanz auf ihre gut gemeinte Hilfsbereitschaft nicht so ausfällt, wie sie es sich wünschen. Das Problem: Eine gewisse Hilfe nimmt jeder Mensch gern an. Es gibt auch einige, die sich auf dem Tatendrang anderer ausruhen und ein entspanntes Leben genießen. Die meisten Menschen sind aber irgendwann genervt, weil sie die auferzwungene Hilfsbereitschaft als Eindringen in die Privatspähre empfinden. Oder sie mögen das Gefühl nicht, rund um die Uhr bemuttert zu werden und fühlen sich teilweise regelrecht entmündigt. Dann sind sowohl Ärger als auch Enttäuschung und Unverständnis auf beiden Seiten bevorprogrammiert.

3. Helfersyndrom: Welche Ursachen gibt es?

Hauptsächlich betrifft es Menschen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben. Indem sie helfen, kompensieren sie das Gefühl, der Schwächere zu sein. Schließlich ist man wichtig, wenn man gebraucht wird. Es gibt natürlich einige Charakterzüge, die das Entstehen des Helfersyndroms begünstigen. Gewisse Persönlichkeitsstrukturen liegen schon in seiner Natur. Der eine neigt etwa eher dazu, seine Ziele geradlinig durchzusetzen, ohne sich um andere zu kümmern, während der andere sich viel mehr für das Wohl seiner Mitmenschen interessiert. Diese Leute sind tendenziell gefährdeter. Aber auch Einflüsse in der Kindheit spielen eine wichtige Rolle. Kinder, die wenig Liebe und Anerkennung von ihren Eltern erfahren haben, glauben oft, sich Zuneigung erarbeiten zu müssen. Vor allem wegen Sätzen wie „Wegen dir ist Mami traurig“ bekommen Kinder das Gefühl, ihr Verhalten ist allein verantwortlich für die Gefühlslage anderer. Auch das kann im Erwachsenenalter zum Helfersyndrom führen. Schmidbauer (1992) geht sogar soweit, dass er von einem Suchtverhalten spricht. Betroffene fühlen sich wohl in der Rolle des Märtyrers und sind sogar stolz darauf, besonders leidensfähig und aufopferungsvoll zu sein. 

4. Betrifft es mehr Männer oder Frauen?

Viele Experten sind der Meinung, das Helfersyndrom betrifft mehr Frauen, weil sie biologisch gesehen schon auf die Hilfsbedürftigen und Hilflosen getrimmt sind. Sie bringen Kinder zur Welt und sind zunächst die engste Bezugsperson für den Nachwuchs – und was ist hilfsbedürftiger als ein Säugling? Von daher ist die Tendenz bei Frauen höher. Das bedeutet aber nicht, dass jede Mutter das Helfersyndrom hat. Diese Fürsorge ist ganz natürlich. Doch die Veranlagung kann die Entstehung des Syndroms begünstigen.

5. Partnerwahl beim Helfersyndrom

Menschen mit einem Helfersyndrom werden immer Partner wählen, die sie möglichst rund um die Uhr helfen können. Sie suchen sich also Partner, die sich mehr oder weniger bereitwillig in ihre Abhängigkeit begegeben – nur so eine Beziehung macht für Menschen mit einem Helfersydrom Sinn. Ein Suchtabhängiger Mensch beispielsweise mag es auch als praktisch empfinden, wenn ihm vieles abgenommen wird. Bequeme und nicht so starke Menschen knicken vor der aufgezwungenen Hilfe oftmals ein, gewöhnen sich daran oder trennen sich später. Vorwürfe wie „Ich habe doch immer alles für dich getan“ sind dann üblich. Es ist daher wichtig, dass das Helfersydrom in der Beziehung thematisiert und der Betroffene immer wieder damit konfrontiert wird. Falsch ist es, den Betroffenen mit einer Trennung einfach vor vollendete Tatsachen zu setzen. Man sollte immer daran denken, dass Helfen für Betroffene wie ein Zwang ist. Daher brauchen sie Hilfe!

6. Merkt man, dass man das Syndrom hat?

Viele Betroffene sind sich über ihr Problem bewusst. Sie merken es daran, dass innere Widerstände entstehen. Das Helfen bringt dann nicht mehr nur Freude. Trotzdem fällt es ihnen meist schwer, sich aus diesem Verhaltensschema zu lösen. Sie können einfach nicht Nein sagen und werden dann häufig auch weiterhin von ihrem Umfeld in Beschlag genommen.

7. Wie können Betroffene die „Krankheit“ überwinden?

Ganz klar muss das Selbstbewusstsein der Betroffenen gestärkt werden – dies geschieht meist im Rahmen einer Therapie. Sie sollen lernen, dass sie auch geliebt werden, ohne es sich „zu erarbeiten“. Gleichzeitig müssen sie lernen, ein Nein von Anghörigen, Nachbarn oder Kollegen zu akzeptieren, wenn diese keine Hilfe wollen – ohne in ein tiefes Loch zu fallen. Die betroffenen Menschen sollen also lernen, ohne die Bestätigung anderer glücklich zu werden. Dazu müssen sie häuig erst einmal lernen, Nein zu sagen, um das Helfersydrom zu überwinden. Für den Partner und Familie bedeutet das natürlich auch eine Umstellung, wenn vorher für sie stets alles erledigt wurde. Hier darf man sich nicht unter Druck setzen lassen, wenn es heißt „Aber Mama, dass hast du doch immer für uns gemacht!“. Dann wird es Zeit, dass sich die Dinge ändern und das Umfeld selbstständiger wird. Die eigenen Bedürfnisse müssen mehr eingeblendet und die anderen ausgeblendet werden. Experten-Rat: Wenn Betroffene um Hilfe gebeten werden, sollten sie sich Zeit für die Entscheidung nehmen. So können sie diese Frage für sich klären.

8. Wie gehen Außenstehende damit um?

Das kommt natürlich immer darauf an, welches Interesse Außenstehende haben. Ist ihnen die entgegengebrachte Hilfe willkommen, sprechen sie denjenigen höchstwahrscheinlich nicht darauf an. Es ist aber auch häufig so, dass sich Menschen aus dem Umfeld von der Hilfe erdrückt fühlen. Dann sollte man den Betroffenen freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen und sich nichts aus der Hand nehmen lassen. Es kann zum Beispiel helfen, ihm deutlich zu machen, wie wichtig es einem selber ist, eine gewisse Angelegenheit alleine und ohne Hilfe zu schaffen. Außerdem sind Komplimente wichtig, die sich nicht auf einen Akt der Hilfe beziehen. Das ist gut für das Selbstbewusstsein.