Anke (39): „Hilfe, ich bin kaufsüchtig!“

Jahrelange Abhängigkeit trieb sie in den Ruin

30. August 2017

Rund 800.000 Menschen leiden laut Angabe der Techniker Krankenkasse bundesweit unter einem Kaufzwang. Auch Anke ist davon betroffen: Blusen, Röcke, Hosen … Das „Haben wollen“ ist wie ein Rausch, der viel zu schnell verfliegt. Schon zückt sie die EC-Karte für den nächsten Kick …

Es ist erst ein paar Tage her, als ich mal wieder vor meiner Lieblings-Boutique in der Nachbarstadt stand. Ein Badeanzug. Perfekt. Ich hatte das Gefühl, magnetisch hingezogen zu werden. Als wenn meine Beine ein Eigenleben führten. Glücklicherweise fiel mir eine Übung meines Therapeuten ein. Tief ein- und ausatmen. Überlegen: Brauche ich das wirklich? Und ich sagte laut zu meinem Spiegelbild: ,Leider kein Urlaub in Sicht.‘ Ich schaffte es, weiterzugehen. Eins zu null für mich. 

Es begann schon in meiner Kindheit

Ich bin kaufsüchtig und auf Entzug von einem Leben, das ich nicht mehr will und das ich mir sowieso nicht mehr leisten kann. Es war ein schleichender Prozess, der mich an diesen Punkt brachte. Im Prinzip begann alles in meiner Kindheit. Meine Eltern hatten keine Zeit für mich oder keine Lust auf mich – so genau weiß ich es nicht. Das, was ich aber immer von ihnen bekommen habe, waren die neuesten Markenklamotten. Damals, als Jugendliche, fand ich das toll. Heute weiß ich, dass es wohl eher der Versuch war, den Mangel an Aufmerksamkeit auszugleichen.

Dann lernte ich Dirk kennen und war innerhalb eines halben Jahres schwanger. Wir heirateten noch schnell und zogen zusammen. Dann erst erfuhr ich wirklich, wer er war: ein Blender. Der Schein zählte für ihn mehr als alles andere. Wenigstens konnte er sich den Lebensstil auch leisten. Er verdiente gut, und wir wohnten in der Eigentumswohnung meiner Eltern. Ich hatte oft das Gefühl, dass er mich und unsere kleine Franzi gar nicht wahrnahm. Für die Kleine kaufte ich bergeweise Kleidung. Sie sah so süß aus darin, und manchmal bemerkte Dirk das auch. Für mich nahm ich nebenbei auch immer noch etwas mit. Ich wollte mir etwas Gutes tun, mir etwas gönnen. Und die Verkäuferinnen waren viel aufmerksamer als mein Mann.

In meiner Lieblings-Boutique bekam ich Bestätigung

Dirk verließ mich wegen einer Jüngeren. Da war unsere Tochter zwölf und steckte schon mitten in der Pubertät. Natürlich bekam sie die neuesten Klamotten. Und ich? Ich steckte in einem echten Tief und wollte mich irgendwie ablenken. In meiner Lieblings-Boutique wurde ich jedes Mal für meine gute Figur und meinen tollen Geschmackgelobt. Es war das absolute Hochgefühl. Daraus zog ich eine echte Bestätigung für mich. Doch die hielt leider nie sehr lange an.

Also zog ich wieder los. In meinem Kleiderschrank stapelten sich Blusen, Röcke, Hosen, meistens noch mit Etikett. Das berauschende Gefühl hielt immer nur bis zum Bezahlen. Danach interessierten mich die Sachen nicht mehr. Stattdessen kam unvermeidlich der Kater. 

Dann wurde meine EC-Karte gesperrt

Inzwischen meldete sich die Bank regelmäßig bei mir: Mein Konto war heillos überzogen. Ich hatte nur einen Teilzeitjob in einem Buchladen, Dirk kürzte den Unterhalt immer weiter. Aber je weniger Geld ich hatte, desto mehr ging ich shoppen. Ich sah mir dabei zu, fühlte mich aber völlig machtlos, damit aufzuhören. Dann wurde meine EC-Karte gesperrt. Der Weg zur Bank wurde unumgänglich. Ich fühlte mich total elend. Aber letztendlich war es meine Rettung. Zum allerersten Mal – und das auch noch gegenüber einem Bankberater – sprach ich über meine Sucht. Er hörte aufmerksam zu und machte mir einen Termin bei der Schuldnerberatung.

Mittlerweile bin ich in einer Therapie, habe einen strikten Ausgabe-Plan und Kontakte zu einer Selbsthilfegruppe. Mit geht es gut, trotz aller Hürden, die es noch gibt. Was mich wirklich zu Tränen rührte: Meine Tochter hat das alles mit mir durchgestanden. Sie sagte neulich noch: „Mama, wir schaffen das.“

Tipps und Infos zum Thema

Die Kaufsucht hat in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen. Woher resultiert sie, wie kann man sie erkennen, was kann man tun? Wir haben Dr. Rolf Merkle, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut sowie Autor vieler Ratgeber zum Thema Selbstvertrauen, dazu befragt.

Wie kann es überhaupt zu einer Kaufsucht kommen?

„Hinter der Kaufsucht verbergen sich ganz unterschiedliche Ursachen: Ängste, Depressionen, innere Leere, geringes Selbstwertgefühl. Die Wurzeln für das Suchtverhalten liegen in der Kindheit: Oft ist es ein Mangel an Zuwendung und Anerkennung, an Liebe und Geborgenheit. Betroffene mussten sich die Zuwendung der Eltern verdienen, durften Gefühle nicht frei äußern. Sie haben erlebt, dass sie als Person nicht wichtig sind. Sozusagen als Entschädigung gab es Spielzeug. Als Erwachsene haben sie nicht gelernt, sich selbst ein gesundes Selbstwertgefühl zu verschaffen.“

Ab wann ist das Kaufen als Sucht zu bezeichnen?

„Suchtkriterien sind: Kontrollverlust, Zwang zur Wiederholung, Dosissteigerung, Entzugserscheinungen wie Schweißausbrüche, Zittern, innere Unruhe, Depressionen. Anfangs glaubt der Süchtige, durch materielle Dinge Anerkennung zu finden. Später löst nur noch das Kaufen selbst kurze Glücksmomente aus – das Gefühl, bedeutend zu sein. Danach folgt der Absturz in tiefe Depressionen. Der Süchtige kapselt sich ab.“

Wie kommt man aus der Kaufsucht heraus?

„Das erfordert viele Schritte. Zunächst einmal muss man sich die Sucht eingestehen. Oft verschwindet der Kaufzwang, wenn die Ursachen beseitigt sind, wie etwa frustrierende Arbeitsbedingungen, schwierige Beziehung, Konflikte mit den Eltern. Die Leitfrage lautet dabei: Was brauche ich wirklich? Was fehlt mir? Zuwendung, Selbstbewusstsein, eine sinnvolle Aufgabe? Leichter ist es mit therapeutischer Unterstützung.“

Wie kann ich einen Rückfall am besten vermeiden?

„Gefährdete sollten idealerweise die Kreditkarte abschaffen, mit Einkaufszettel in den Supermarkt gehen, Spontankäufe vermeiden, den Dispositionskredit herabsetzen oder ab sofort nur in Begleitung einkaufen.“

Buch-Tipp: Was steckt hinter einer Kaufsucht, und wie kann man den Weg hinausfinden? Darüber schreiben die Therapeuten Dr. Doris Wolf und Dr. Rolf Merkle in „Gefühle verstehen. Probleme bewältigen“ (14,80 Euro, PAL-Verlag).

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