Haben auch Männer ihre Tage?

Mythos oder Wahrheit?

Auf den ersten Blick würde ich sofort „Ja“ schreien! Ja, auch Männer haben ihr Tage! Zumindest, wenn wir damit Gemütsverdunkelungen assoziieren. Und warum auch sollten Männer keine emotionalen Ausnahmezustände haben? Sie sind ja auch nicht alle Frohnaturen, denen nie eine Laus über die Leber läuft. Meine Nackenhaare stellen sich allerdings auf, wenn ich lese, wie sich der Schriftsteller Wilhelm Genazino über das Thema äußert: 

Ich glaube sogar, dass Männer massiver ihre Tage haben als Frauen, dass es im Leben eines Mannes also Tage gibt, an denen er weiß, dass eine Woche lang nichts geht, weil er ein Zerwürfnis mit sich selbst hat. Er läuft dann vernachlässigt durch die Gegend und nimmt nichts wahr außer diesem Zerwürfnis. 

Haben Frauen demnach einmal im Monat ein derartiges Zerwürfnis mit sich selbst? Und ist das wirklich das Bild, das Männer vom weiblichen Zyklus haben? Jene Frauen, die sich regelmäßig einmal im Monat mit starken Unterleibsschmerzen ins Bett legen, die unter unkontrollierbaren Blutungen leiden oder deren Regel sich schon einmal aus völlig unerfindlichen Gründen einfach mal um ein paar panische Tage verschoben hat, sollten jetzt aufschreien. Und auch alle diejenigen, die den Spruch „Na, hast du deine Tage?“ zu hören bekommen, wenn sie sich nicht gemäß den Vorstellungen anderer verhalten.

Menstruation als männliches Tabuthema?

Wie ich überhaupt auf dieses Thema komme? Davon will ich Ihnen gern berichten. Neulich kam ich mit einem Bekannten etwas älteren Semesters ins Gespräch. Anstoß war mein Vorhaben, über das Tabuthema Menstruation zu schreiben. Nun ja, er habe in diesen Zeiten immer einen großen Bogen um die Frauen gemacht. Das sei nichts für ihn. Auch nicht als Gesprächsthema. Würde ich darüber einen Vortrag halten, hätte er kein Interesse daran zuzuhören. 

Allerdings, das gab er zu, sehen Männer das unterschiedlich. Nicht alle verlassen das Liebesnest, wenn die Bettlaken beim Sex rot zu werden drohen. Und es gibt auch Männer, die sich mit ihrer Partnerin über deren Zyklus austauschen. Nun kann ich mir durchaus vorstellen, dass das Alter bei dieser Einstellung auch eine Rolle spielt. Der weibliche Zyklus ist zwar immer noch kein gesellschaftlich angesagtes Thema, heute jedoch nicht mehr so unsäglich wie vor fünfzig Jahren. 

Dann kam allerdings noch on top: 

„Auch Männer haben ihre Tage!“ „Ach was“, antwortete ich „haben sie? Bluten sie? Haben sie Unterleibsschmerzen?“ „Nein, aber Männer haben auch einen Zyklus!“ Ich müsste nur einmal die Chefsekretärinnen fragen. Die hätten in ihrem Kalender genau stehen, wann der Chef seine Tage habe. Mein feministischer Blutdruck stieg bedenklich an. Anschließend bekam ich unter anderem den oben erwähnten Schriftsteller als Beleg zugeschickt. Ganz ehrlich, da ist mir dann endgültig die Hutschnur geplatzt. 

Sinkender Testosteronspiegel führt zu Veränderungen

Ja, sicher, auch bei Männern ist nicht lebenslang alles gleich. 

  • Mit zunehmendem Alter sinkt der Testosteronspiegel. Das führt unter anderem zu einem Verlust der Muskel- und Knochenmasse, einer erleichterten Ansteckung mit Infektionen und einem Nachlassen der Libido. Besonders Letzteres kann sich natürlich auf die Lebensqualität auswirken. 
  • Um die Lebensmitte zwischen 48 und 55 Jahren herum sinkt auch tatsächlich die Lebenszufriedenheit hinsichtlich Freizeit, Partnerschaft, eigener Sexualität, Zufriedenheit mit sich selbst und sozialer Integration. Diese Daten ergaben sich aus einer wissenschaftlichen Studie zur „Midlife-Crisis“ aus dem Jahr 2007. 
  • Ist dieser Lebensabschnitt um die Fünfzig jedoch erst einmal durchschritten, seien die Männer in der Lage, „sich an ihre veränderten körperlichen und psychischen Veränderungen auf einem qualitativ anderen Niveau als früher neu anzupassen.“ 

Wunderbar, das können Frauen glücklicherweise auch. Und zu dem Zeitpunkt sind wir mit unserem monatlichen Zyklus dann auch durch. Hier kann man nun vielleicht die Frage stellen, ob dieser Lebensabschnitt mit den Wechseljahren der Frau gleichzusetzen sei. Aber mit der Regel?!

Die vermeintlichen Auswirkungen des männlichen Zyklus

Bemühen wir noch einmal die Wissenschaft. 

  • Eine britische Studie, pardon, es war wohl doch nur eine Umfrage der britischen Rabattmarken-Cloud (also wahrlich keine Wissenschaft), will herausgefunden haben, dass auch Männer ihre Tage haben. Alle vier Wochen litte demnach jeder vierte Mann an „unbändiger Lust auf Süßigkeiten, permanenter Essenslust, latentem Genervtsein und dem Gefühl von Aufgedunsensein und Müdigkeit“. 
  • Immerhin schreibt bild.de hierzu, dass aber auch nur jede dritte Frau unter diesen Symptomen leide. Könnte je nach Quelle übrigens auch jede vierte Frau sein und dann hätten wir auch schon einen Gleichstand. 

Dieser Hinweis gefällt mir auf jeden Fall, denn allzu oft wird vergessen, wie viele Frauen hormonell verhüten und ihrem Körper damit eine allmonatliche Schwangerschaft vorgaukeln. Denn genau dies ist die Wirkungsweise vieler hormoneller Verhütungsmittel. Damit entfällt dann auch der Eisprung als Verursacher für die leidlichen Nebenwirkungen des weiblichen Zyklus. Kein Eisprung, kein prämenstruelles Syndrom. 

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass alle alles gleich haben müssen!

Betrachtet man das Ganze mit einem Augenzwinkern, kann ich nichts dagegen einwenden. Warum auch sollten Männer nicht einmal eine Fressattacke bekommen, genervt oder mit ihrem Körper unzufrieden sein? Gehört das nicht zum Leben dazu? Warum muss das gleich dogmatisch mit der weiblichen Menstruation gleichgesetzt werden? Ich zumindest bin immer mal wieder zwischendurch genervt, fühle mich vor bestimmten Spiegeln aufgedunsen und bin jeden Tag irgendwann müde. Einer monatlichen Regelmäßigkeit kann ich das nicht zuschreiben. Warum bedeutet Gleichberechtigung so oft, dass alle das Gleiche haben wollen? Warum sollten Männer einen Zyklus haben wollen, den man mit dem der Frauen gleichsetzt? Eine gute Erklärung hätte ich allerdings: Ist man den Hormonen ausgeliefert, verliert man die Verantwortung für sein Handeln: „Ich kann nichts dafür, ich habe meine Tage“!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

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