Hoden: Mehr als ein erotisches Spielzeug

Was auch Frau wissen sollte

Was wir nicht alles mit Hoden machen können: Schaukeln, kraulen, kratzen, streicheln, liebkosen, daran saugen, Kinder zeugen. Aber obwohl sie ein so überaus wichtiger Teil der Männlichkeit sind und in Erotikfilmen neben dem Penis die zweite Geige spielen, fristen sie in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein. Überall darf Mann sich berühren, nur dort nicht. Bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Was aber auch Frau über die geballte Männlichkeit wissen sollte.

Wie tabuisiert dieser Körperteil ist, haben wir an der Entrüstung der Medien nach Jogi Löws Hosengriff während der EM 2016 gesehen. Was gab es da nicht für Schlagzeilen! Dabei hat Löw in der Anspannung des Geschehens nur getan, was viele Männer tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen: Sich der eigenen Männlichkeit versichern, fühlen, ob dort unten noch alles ok ist, sich durch den eigenen Geruch beruhigen. Aber wissen Sie auch genau, wozu er die kleinen Dinger eigentlich braucht? Und warum sie mehr sind als nur ein Teil des männlichen Lustorgans?

Ohne Hoden keine Männlichkeit

Die Hoden könnte man als DEN Sitz der Männlichkeit betrachten, denn hier wird der Hauptanteil des männlichen Sexualhormons Testosteron gebildet. Es ist vor allem dieses Hormon, das während der ersten Wochen einer Schwangerschaft aus dem zuerst undifferenzierten Fötus ein Baby mit männlichen Geschlechtsmerkmalen wie Hoden, Hodensack und Prostata entstehen lässt.

Fehlt der Hormoncocktail, kommt es zu verschiedenen Formen des Intersex-Syndroms. Davon wird gesprochen, wenn ein Mensch Anteile beider Geschlechter in sich trägt bzw. sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lässt. Dazu können aber auch noch andere Ursachen beitragen.

Während der Pubertät leisten die Hoden den größten Anteil daran, dass aus einem Jungen ein Mann wird.

  • Die Körperbehaarung nimmt zu.
  • Die Schultern werden breiter.
  • Der Kehlkopf wächst und lässt die Stimme tiefer werden.
  • Die Gesichtszüge werden kantiger.
  • Nicht zuletzt wachsen nun auch die Geschlechtsorgane
  • und es reifen zeugungsfähige Spermien heran.

So ab Anfang/ Mitte vierzig werden die Hoden etwas fauler und produzieren nach und nach weniger Testosteron. Das gibt dann weniger Spermien, lässt den Hodensack schrumpfen oder führt zu schlechter Stimmung. Wann genau der Prozess beginnt und wie er sich auswirkt, ist bei jedem Mann unterschiedlich. Kommt es zu gravierenden Problemen, kann Testosteron ärztlich verschrieben werden.

Sitz der Zeugungsfähigkeit

Schon vor der Pubertät können Jungen Erektionen und Orgasmen haben. Aber erst ab der Pubertät produzieren die Hoden auch Spermien. Bis dahin wird mit Luft geschossen. Dasselbe gilt für Männer, die sich als Verhütungsmethode im Rahmen einer Vasektomie die Samenleiter durchtrennen lassen. Die Spermien werden zwar weiter in den Hoden produziert, gelangen jedoch nicht mehr in das Ejakulat.

Nun könnte man sich fragen, warum die Hoden eigentlich außerhalb des Körpers liegen. Schließlich sind sie sehr empfindlich. Das wissen alle Männer, die schon einmal einen Schlag ins Gemächt bekommen haben, ob nun mit Absicht oder auch nicht. Neulich habe ich ein Video gesehen, in dem die australische Snowboard-Olympiasiegerin Torah Bright bei dem Versuch, einen Golfball geradeaus zu schlagen, den Kameramann rechts von ihr genau auf die Zwölf trifft. Uuuuuh. Im Körper wären die Hoden eindeutig sicherer vor derartigen Angriffen.

Aber innen drin ist es leider zu warm. Spermien gedeihen am Besten bei einer Temperatur, die zwei bis drei Grad unter der Körpertemperatur liegt. Nur deshalb baumeln sie außerhalb des Körpers in ihrem gepolsterten Hodensack. In Elternforen geht die Frage um, ob die Hoden in den Plastikwindeln überhitzen und dadurch die spätere Zeugungsfähigkeit beeinträchtigt sein könnte. Ob es da tatsächlich einen Zusammenhang gibt, scheint bis heute nicht erforscht zu sein. Da aber immer mehr Paare zur künstlichen Befruchtung greifen, sollte man das nicht aus den Augen verlieren.

Was, wenn die Hoden nicht an ihrem Platz sind?

Hoden liegen also in ihrem Hodensack. Aus ganz praktischen Gründen hängt der eine höher als der andere, da sie ansonsten gegeneinander stoßen würden. Auch ist die Größe meist leicht unterschiedlich. Völlig normal also alles und kein Grund zur Beunruhigung.

Bei der Geburt eines Jungen kann es sein, dass sich einer oder beide Hoden nicht an dem für sie vorgesehenen Platz befinden, sondern im Leistenkanal oder im Bauchraum. Dann spricht man von einem Hodenhochstand. So ungewöhnlich ist das gar nicht, immerhin Wandern die Hoden erst ab dem siebten Schwangerschaftsmonat aus dem Bauchraum hinunter in den Hodensack. Bei ungefähr ein bis drei Prozent der Neugeborenen und 30 Prozent der Frühgeborenen ist dieser Vorgang entweder noch nicht abgeschlossen oder unterwegs aufgehalten worden. Welche Behandlungsmethoden möglichst frühzeitig eingesetzt werden sollten, besprechen die Eltern mit dem Arzt oder der Ärztin. Durch Operationen oder Unfälle kann es auch noch später zu einem Hodenhochstand kommen.

Was hingegen nicht zu dieser Diagnose zählt, sind die verschwundenen Hoden bei sexueller Erregung oder bei Kälte. In beiden Fällen zieht sich der Hodensack zusammen und klemmt damit die Hoden eng an den Körper. Dies hat die Natur im ersten Fall zum Schutz gegen Verletzungen und im zweiten Fall zur Nutzung der körpereigenen Heizung gut eingerichtet.

Verlust durch Hodenkrebs

Einen weniger schönen Punkt habe ich leider auch noch. Wie alle Organe können auch Hoden von Erkrankungen betroffen sein. Hodenkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei Männern unter 40 Jahren. Aber: Mit 1,6 Prozent aller Krebsneuerkrankungen ist sie dennoch eher selten. In konkreten Zahlen ausgedrückt sprechen wir von 4000 Betroffenen im Vergleich zu 34.000 Betroffenen bei Lungenkrebs. Als kleiner Trost mag herhalten, dass häufig nur ein Hoden erkrankt. Gottseidank gibt es zwei, so dass selbst bei einer Entfernung die Zeugungsfähigkeit erhalten bleiben kann.

Es ist allerdings möglich, dass Ejakulation, Orgasmus und Erektion durch die Nervenschädigungen beeinträchtigt sind. Und natürlich kommen noch die psychischen Probleme hinzu. Für Optik und Haptik gibt es spezielle Implantate, die im Hodensack eingesetzt werden. Auf der anderen Seite haben wir eine bis zu 99 prozentige Überlebensrate. Das ist doch mal was!

Wenn Mann also zwischen 20 und 40 Jahren alt ist, sollte er sich die Zeit nehmen, den Hoden immer wieder einmal gründlich abzutasten. Das geht am besten während einer ausgiebigen Dusche oder in der Badewanne. Sollte sich eine Veränderung in der Hodengröße oder in Form von Knötchen zeigen, dann ist es höchste Eisenbahn für einen Arztbesuch.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Quellen: YouTube / Beier, K.M. u.a.: Sexualmedizin, S. 65 / Briken, P., Berner, M.: Praxisbuch Sexuelle Störungen, S. 154 f / netdoktor.de / krebsgesellschaft.de