Masturbation: Ich mach's mir selbst!

Warum Sex mit dem Menschen, den man am meisten liebt, geil und gesund ist

Sex mit dem Menschen, den man am meisten liebt – so sprach Woody Allen einmal über Selbstbefriedigung. Das war sehr fortschrittlich, denn damals war dieser wunderbare Zeitvertreib keineswegs so selbstverständlich wie heute. Erst Anfang der 50er Jahre brachte der Sexualforscher Alfred Kinsey ans Licht, dass sich 93 Prozent der Männer und 62 Prozent der Frauen selber Lust verschafften. Ein Aufruhr ging um die Welt! Damit hatte keiner gerechnet. Es war eine Zeit, in der Kindern unter Strafe verboten wurde, sich selber anzufassen. Es war eine Zeit, in der Sex in die Ehe gehörte und der Orgasmus der Frau ein gar nicht unbedingt erwünschtes Nebenprodukt männlicher Lust war. 

Die Kinsey-Reporte waren zu der Zeit die meistverkauften Bücher überhaupt. Kinsey ebnete damit zwar den Weg zu einer liberaleren Einstellung gegenüber Sexualität. Aber noch 1971 wurde das Buch „Sexfront“ des deutschen Sozialwissenschaftlers Günter Amend als jugendgefährdend eingestuft. Der hatte in seinem Aufklärungsbuch geschrieben: „ Es gibt keine Onanie-Richtlinien. Onaniere so oft – soviel oder sowenig – wie du willst und so lange es dir Spaß macht.“

Die Hetze gegen Selbstbefriedigung hat eine lange Tradition. 

  • Schon im 17. und 18. Jahrhundert haben Religion und Medizin gegen den Spaß mit sich selbst gewettert. Ein ganzes Jahrhundert lang waren alle so felsenfest davon überzeugt, dass Onanie schwere Schäden an Geist und Körper hervorrufe, dass es sage und schreibe nicht eine einzige Gegenstimme dazu gab. 
     
  • Im 19. Jahrhundert fand das Ganze dann seinen Höhepunkt. Während bis dahin Beschwörungen und Ratschläge ausreichten, um vorwiegend die Erwachsenen vor den Folgen der Selbstbefriedigung zu schützen, wurden nun körperliche und chirurgische Maßnahmen bei Kindern angewendet. Die Ärzte ließen sich bizarre Behandlungsmethoden einfallen, vom Amputieren der Klitoris bis zum Anlegen von Metallringen mit Stacheln um den Penis. Oh ja, und das alles hier in Deutschland! 
     
  • „Onanie“ wurde zur Ursache von Geisteskrankheiten erklärt, eine Reihe von weiteren körperlichen Schäden bis hin zum Rückenmarkschwund hinzugefügt. Aber auch die Eltern bestraften, wenn sie ihre Kinder bei unzüchtigen Handlungen beobachteten. Körperliche Züchtigung, gefesselte Hände und kleine mit Kieseln gefüllte Säckchen auf dem Rücken gegen das ausgestreckte Liegen mögen als Beispiele ausreichen.*

Und heute? Heute ist alles anders. Oder doch nicht?

Die Elektromarktkette Media Markt ließ es in der Kurzfassung eines Werbespots (siehe unten) so aussehen, als verschaffe sich ein pubertierender Junge unter der Bettdecke mit scheinbar eindeutigen Handbewegungen Vergnügen. Dass dem aber gar nicht so ist, zeigte Media Markt in der langen Fassung des Spots. Denn statt seines besten Stücks hält der Junge einen vorsintflutlichen Joystick in der Hand. Die Empörung unter den Zuschauern war groß und so zog Media Markt die Kurzfassung des Spots ganz aus dem Verkehr und strahlt die lange Fassung erst zu späterer Stunde aus - wenn die Kleinen schon im Bett sind. Auch aus dem religiösen Umfeld gibt es nach wie vor Stimmungsmache gegen Selbstbefriedigung. In den USA schließen sich Jugendliche zu Anti-Masturbations-Vereinen zusammen. Und auch hier treffe ich auf Frauen, für die diese Form von Sex nicht ok ist, weil sie, allein praktiziert, den Partner ausschließe. Und dann kommt da so ein Werbespot aus der Schweiz und führt uns noch einmal vor Augen, dass der Spaß mit sich selber vielleicht nicht so gesellschaftsfähig ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. 

Was ist das nur, dass Masturbation auch heute noch für solche Empörung sorgt? Immerhin ist das eine Form von Sexualität, die 90% der pubertierenden Jungen und 50 Prozent der Mädchen praktizieren.

Selbstbefriedigung ist gut für die Gesundheit

Zeigen also nein, machen ja. Jugendlichen wird es hierzulande fast schon aus sexualpädagogischen Gründen nahegelegt, sich doch auch mal mit sich selbst zu beschäftigen und sich zu entdecken. „Vom Drang zum Vergnügen zum Zwang zum Vergnügen“ nennt das der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt. 

Und so ist Masturbation in Deutschland heute eine anerkannte Sexualform, der sich jede Frau und jeder Mann allein oder mit dem Partner widmen kann. Sie gilt nicht mehr als „minderwertiger Ersatz“ für den Sex mit dem Partner. Denn es soll ja sogar gesund sein. Selbstbefriedigung trainiere 

  • Prostata
  • Potenz
  • Muskeln
  • Hormone
  • und das Gehirn. 

Das Gehirn? Cool, ich muss mich hier mal kurz abmelden. Ich wollte heute eigentlich noch Gehirnjogging betreiben, aber das hat sich gerade erledigt. Mmmmmmmmmasturbation - da bin ich wieder. Habe meine Muskeln UND mein Gehirn trainiert. Und das in rasend paar Minuten. Jetzt kann ich mir sogar den Spaziergang sparen. Und wo wir schon beim Mann sind:

Regelmäßiges Ejakulieren verbessert die Qualität des Spermas

Das ist besonders wichtig bei einem akuten Kinderwunsch. In dieser Zeit könnte man aber eigentlich auch mit der Partnerin Sex haben. Das ist dann sogar noch besser für die Familienplanung. Nach acht bis zehn Tagen hat Sperma sein MHD überschritten. Solltet auch Ihr über Aussagen wie „Absterbende Rest-Spermien schädigen durch ihre giftigen Zerfallsprodukte auch frisch produzierte, top-fitte Spermien“ stolpern, fragt das nächste Mal vor dem Oralverkehr lieber nach, wie lange die letzte Masturbation schon her ist. Nicht, dass Ihr diese giftigen Zerfallsprodukte aus Versehen übernehmt. ;-)

Mach es, wenn Du willst, aber nicht, weil Du es sollst

Der amerikanische Sexualforscher Robert Pollack sagt: „Es ist sicherlich kein Zufall, dass die Hände, wenn wir unsere Arme im Stehen locker hängen lassen, direkt vor dem Penis liegen“. Das ist eine interessante Sichtweise. Aber praktisch ist es schon, das muss ich zugeben. Und natürlich ist Selbstbefriedigung eine feine Sache. Wir lernen

  • etwas über die unsere eigenen Vorlieben
  • uns richtig zu stimulieren
  • und wir haben beim Sex mit der Liebsten oder dem Liebsten mehr Spaß, wenn wir sagen oder zeigen können, welche Berührungen uns Lust verschaffen. 

Gerade Frauen entdecken ihren Körper selber, sind nicht mehr darauf angewiesen, dass erst ein Mann kommen muss, um ihnen zu zeigen, wie sie Lust empfinden können. Aber nun mit der Fahne durchs Land zu ziehen und zu schreien „Macht es Euch selbst – sonst habt Ihr keinen Spaß am Leben“ halte ich für gewagt. Wer Lust hat, macht es und wer keine hat, sollte sich nicht gezwungen fühlen, nur weil es gesund, allgemein üblich oder entspannend sei. Das Tolle an unserer Zeit ist ja gerade, dass wir frei in unseren Entscheidungen sind und machen können, was wir wollen. Und da sollten wir uns auch nicht reinreden lassen! 

Selbstbefriedigung befreit

Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, ob sie oder er sich das Recht zugesteht, für die eigene Lust zu sorgen. Selbstbefriedigung ist ein wesentlicher Teil auf dem Weg, die eigenen Bedürfnisse zu entdecken. Und so kann ich Woody Allen nur zustimmen: „Ich bin ein so phantastischer Liebhaber, weil ich täglich mit mir selber trainiere.“
Denn wenn ich selber schon nicht weiß, was mir gefällt, wie soll es dann ein anderer herausfinden? 

Dazu gehört auch, sich mit den eigenen Geschlechtsteilen auseinanderzusetzen. Frauen können ihre Vulva und ihre Vagina durch das Ansehen und Fühlen in ihr Körperbild integrieren. Und Männern kann ich nur nahelegen, sich nicht nur auf den Penis zu beschränken, sondern auch einmal zu fühlen, wie empfindsam Brustwarzen, Hodensack, Damm und Anus sind. Wie weich ist eigentlich meine Haut, wie fest sind meine Muskeln und wie fühlt es sich an, wenn ich mich am ganzen Körper streichle? Ungewohnt zuerst, eröffnet das ganz neue Perspektiven!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION

Ein Werbespot der etwas anderen Art

Sex ist überall, Sex ist öffentlich und es gibt keine Tabus mehr. Könnte man denken. Dass dem aber doch nicht so ist und es durchaus noch Tabus gibt, konnte man zuletzt an einem TV-Spot in der Schweiz sehen 

 

 

*Quelle zur Veröffentlichung: Anja Drews. Sexuelle Biografien älterer Frauen als Grundlage der Sexualgeragogik, Grin Verlag 2017.