Sterilisation: Endgültig, aber lange nicht das Ende

Warum die Entscheidung überlegt sein will

15. Oktober 2020

Mit der Endgültigkeit tun wir uns heutzutage sehr schwer. Viel zu viele Möglichkeiten stehen uns offen. Treffe ich eine Entscheidung, lege ich mich in diese Richtung fest, treffe ich eine andere Entscheidung, wird es eine andere Richtung. Manche Entscheidungen sind dabei zwar richtungsweisend, lassen sich aber im Nachhinein noch erweitern oder verändern. Selbst bei der Partnerwahl bleiben uns noch alle Möglichkeiten offen. Ich kann mich ja trennen, wenn ich einen anderen, einen besseren Partner finde. Und genau das ist ja auch das Problem, warum es heute immer schwerer wird, die Liebe fürs Leben zu finden bzw. die Beziehung zu halten. Das zeigen die hohen Scheidungsraten. Auch der Treueschwur „bis das der Tod uns scheidet“ hat heute kaum noch Gültigkeit. 

Andere Entscheidungen wiederum lassen sich nicht mehr oder nur unter besonderen Bedingungen rückgängig machen, sollte ich es mir in Zukunft noch einmal anders überlegen. Verziere ich meinen Körper mit einem Tattoo? Es später entfernen zu lassen, ist aufwändig, teuer und auch nicht 100%ig. Was machen wir da erst, wenn es um unsere Zeugungsfähigkeit geht? Viele Menschen sehen in der Fortpflanzung ja schließlich DEN Sinn des Lebens. Die Sterilisation als irreversibler Eingriff ist eine sehr gute Verhütungsmethode, aber auch ein Schritt, der wirklich gut überlegt sein sollte. Zuerst gilt es jedoch, ein paar Vorurteile aus dem Weg zu räumen.

Sterilisation und Kastration: Bitte nicht miteinander verwechseln!

Sterilisation? Kastration? Die beiden Begrifflichkeiten werden dabei oft durcheinander geworfen und sorgen für Verwirrung und Vorurteile. Das erlebe ich in einem ganz anderen Zusammenhang, nämlich wenn es um meinen Hund Alma geht. „Ist der sterilisiert?“, werde ich dann gefragt. „Nein“, antworte ich, “der ist kastriert“. Dann kommen Antworten wie „Ich dachte, man könne nur Rüden kastrieren“ oder „Ist das nicht das Gleiche?“ Um Himmelswillen, nein! Aber bei solchen Fragen ist mir klar, woher die Vorurteile kommen. 

Bei der Sterilisation werden „nur“ die Samen- bzw. Eileiter durchtrennt. Bei Frauen heißt der Eingriff Tubenligatur, bei Männern Vasektomie. 

  • In der Sexualität, im Körper und im Hormonhaushalt verändert sich nichts. Einzig den Spermien und der Eizelle wird der Weg zum Ziel versperrt. Der Eingriff verändert nicht einmal das Aussehen des Ejakulats, das wie auch vorher beim Orgasmus munter herausgeschleudert wird. Der Vergleich mit Platzpatronen hinkt daher. Es wird ja weiterhin Munition abgeschossen, sie ist nur nicht mehr scharf. Und die Spermien werden hinterher vom Körper biologisch abgebaut. Der Samenstau gehört somit in das Reich der Vorurteile und Märchen. 

Der Eingriff ist beim Mann einfacher als bei der Frau, da die Samenstränge über die Haut zu erreichen sind. Laut Pro Familia kommen Komplikationen hierbei eher selten vor. Bei der Tubenligatur können hingegen mehr Schwierigkeiten auftreten. Am monatlichen Zyklus und an allem, was mit diesem zusammenhängt, verändert sich allerdings nichts, auch nicht die Orgasmusfähigkeit

Der Unterschied zur Kastration

Eine Kastration hingegen hat weitreichende Folgen. Bei meinem Hund ist davon nichts zu merken. Zumindest glaube ich das. Aber wer weiß, vielleicht ist sie deshalb so brav. 

  • Kastriert man einen Mann oder eine Frau, macht sich das durchaus bemerkbar. Immerhin werden die Keimdrüsen entfernt, also Hoden und Eierstöcke. Bei Männern können unter anderem das sexuelle Verlangen und die Erektionsfähigkeit beeinträchtigt sein, schließlich wird in den Hoden der Großteil des männlichen Sexualhormons Testosteron produziert. Hinzu können Antriebsarmut, Depressionen und eine niedrigere Aggressionsbereitschaft kommen. 

Kastrierte Männer geistern als Haremswächter durch die Geschichte. Zudem gerät die chemische Kastration immer dann in den Fokus der Medien, wenn es um die Behandlung von Sexualstraftätern geht. 

  • Eine Frau hingegen kommt in die Wechseljahre, wenn ihr die Eierstöcke entfernt werden. Früher waren Totaloperationen mit der Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken weit verbreitet. Heute schaut man ganz genau, was man erhalten kann, um das Leben einer Frau möglichst wenig zu beeinträchtigen.

Alles reine Kopfsache

Also noch einmal: Sterilisation und Kastration sind zwei ganz unterschiedliche Eingriffe. Wer sich mit der Thematik beschäftigt und sich vernünftig informiert, wird das schnell herausfinden. Wenn es um Verhütung geht, ist es immer die Sterilisation. Und die ändert zumindest auf hormoneller Ebene erst einmal nichts am sexuellen Empfinden, am Körper oder an der Persönlichkeit. 

Wenn es Probleme gibt, dann finden die zumeist im Kopf statt und drehen sich häufig um die Frage „Bin ich ohne die Fähigkeit, Kinder zu zeugen oder auszutragen, noch ein richtiger Mann oder eine richtige Frau?“ Das würde ich mit einem klaren Ja beantworten. Wer sich hier aber unsicher ist, sollte das für sich auf jeden Fall erst einmal ganz genau abklären. 

Die Entscheidung sollte gut überlegt sein

Zudem sollte wirklich sicher sein, dass kein unterdrückter Kinderwunsch besteht. Denn genau diese ungeklärten Fragen können das eigene Körperbild beeinträchtigen und sich auch auf die sexuelle Gesundheit auswirken. Wer also auch nur einen Funken des Zweifels in sich trägt, sollte mit der Entscheidung für eine Sterilisation warten. Und natürlich spielt auch das Alter eine Rolle. Je jünger jemand ist, desto wahrscheinlicher ist die Möglichkeit, dass sich am Leben und in der Liebe noch einmal grundsätzlich etwas ändert. Ein Kinderwunsch kann auch erst noch entstehen. Wer sich aber ganz sicher ist, findet hier eine sehr sichere, dauerhafte und nebenwirkungsarme Verhütungsmethode. 

Ein kleiner Nachsatz noch: Vor sexuell übertragbaren Infektionen schützt eine Sterilisation nicht! Da sind Kondome noch immer die beste Wahl.

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION