Zufälle und Konsequenzen

von Jenny Prinz aus „Das Verlangen nach Rache“

Ein Mann, der es mit der Treue nicht so genau nimmt, eine Frau, die auf Rache aus ist und ein zufälliges Treffen bei einem Polterabend — in „Zufälle und Konsequenzen" wird es dramatisch und erotisch gleichermaßen...

Kira blieb fast das Herz stehen, als sie Kai erkannte. Ausgerechnet! Schnell riss sie sich zusammen, versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Mit einem Lächeln trat sie auf ihre Kollegin zu, die sie in diesem Augenblick bemerkte.
„Kira! Schön, dass du gekommen bist. Das hier ist Kai, mein Zukünftiger. Kai – das ist Kira, meine neue Kollegin. Die anderen sitzen irgendwo da hinten …“
Sie deutete nach links.
Kira spürte, wie aufgedreht Carmen war, sie sprach viel zu schnell; an einem solchen Tag war es aber wohl verständlich. Kira nickte nur kurz in Kais Richtung, bevor sie sich wieder Carmen zuwandte. Sie sah an seinem Gesichtsausdruck, dass auch er völlig verwirrt war, sie hier zu sehen. Hätte sie das vorher gewusst, wäre sie gar nicht gekommen …

Kai war vor drei Jahren noch ihr Verlobter gewesen. Sie hatte ihn so sehr geliebt … und dann hatte er sie betrogen. Noch während sie die Hochzeit plante, war er mit ihrer besten Freundin ins Bett gesprungen. Als sie es durch einen dummen Zufall rausbekam, hatte sie zwei Menschen auf einmal verloren. Die Hochzeit wurde abgesagt, Kira vergrub sich in Arbeit. Seitdem hatte sie ein paar kurze Affären gehabt, der Richtige war aber nie dabei gewesen. Und nun das hier!

Sie arbeitete erst seit einem Monat für das große Reisebüro, in dem auch Carmen tätig war. Sie verstand sich mit allen gut, ihr gefiel das Betriebsklima. Carmen war eigentlich noch am wenigsten ihr Fall, doch für eine harmonische Zusammenarbeit reichte es allemal. Und sie hatte sich ehrlich gefreut, als auch sie zusammen mit allen anderen Kolleginnen zu Carmens Polterabend eingeladen wurde – obwohl ihr Hochzeiten seit damals eigentlich zuwider waren.
Nun ja, aber das war nicht Carmens Schuld und sie hatte beschlossen, sich wenigstens für zwei Stunden sehen zu lassen. Alles andere wäre unhöflich gewesen. Und nun … nun war es Kai, der in zwei Tagen heiraten sollte. Ihr Kai. Kai, das größte Schwein auf diesem Erdboden! Kira spürte, wie die alte Wut, die sie überwunden geglaubt hatte, wieder hochkochte. Nein, sie war immer noch nicht mit ihm durch. Das, was er ihr damals angetan hatte, war das Schlimmste, was sie je erlebt hatte. Sie hatte sogar schon ihr Brautkleid gekauft …
Kira überlegte. Zwischen Kai und ihrer damaligen besten Freundin hatte es nicht besonders lange gehalten. Das hatte sie noch mitbekommen. Danach war er umgezogen. Wenn sie jedoch den Schwärmereien ihrer Arbeitskollegin glauben konnte, waren sie und Kai seit zwei Jahren zusammen und so glücklich wie am ersten Tag. Kira beobachtete den Mann aus den Augenwinkeln, während sie so tat, als würde sie sich nach den anderen aus dem Reisebüro umsehen, den Einzigen, die sie auf der Feier hier kannte.
Er sah gut aus. Sie hasste es, sich das einzugestehen, aber Kai wirkte eigentlich recht zufrieden – abgesehen von dem Schock, den ihr Auftauchen ihm wohl gerade verpasst hatte. Seine dunklen Haare hatten ein paar graue Sprenkel bekommen, er wirkte irgendwie seriöser dadurch … Hör auf! Kira bemerkte mit Entsetzen, dass sie ihn noch immer anziehend fand. Fast wie von selbst schlichen sich die Erinnerungen in ihren Kopf, Erinnerungen an den Sex mit Kai, der immer so unglaublich schön war. Und nun war es Carmen, die seinen Körper spüren durfte. Carmen würde bald die Hochzeitsnacht erleben, die sie sich mit Kai so oft ausgemalt hatte. Sie wollten eine Luxussuite in einem Hotel mieten, sich dort mit Champagner und Rosenblättern im Badewasser verwöhnen lassen. Kira schob diesen Gedanken rasch beiseite und begrüßte stattdessen ihre Kolleginnen, die ihren Gruß mit lauten, ausgelassenen Rufen erwiderten.
Eigentlich war der Abend schön. Es waren unglaublich viele Gäste da, die Musik war prima, es gab ein leckeres deftiges Essen mit Kassler Braten, Krautsalat und Bratkartoffeln. Eigentlich liebte Kira solche Hausmannskost, wenn sie von einem Metzger geliefert wurde, doch inzwischen war ihr der Appetit vergangen. Immer wieder glitten ihre Augen zum Brautpaar, das gemeinsam von Tisch zu Tisch ging, lachte, scherzte und ständig verliebte Blicke tauschte. Nur um ihren Tisch machte Kai einen Bogen, das entging ihr nicht.
Einerseits konnte sie es ihm kaum verdenken – andererseits brannte sie darauf, mit ihm zu sprechen. Es verletzte sie zusätzlich, dass er sie ignorierte. Ob er mit Carmen wirklich so glücklich war? Warum hatte er sie damals betrogen? Torschlusspanik? Oder hatte er ihr seine Liebe nur vorgespielt? Kira hing ihren Gedanken nach, als Svenja ihr plötzlich einen Ellbogen in die Rippen stieß.
„Ey, Träumerle, hast du das gehört? Carmen erzählt gerade, dass Kai für die Hochzeitsnacht eine Suite gemietet hat. Das ist doch mal was, oder? Ganz edel mit Champagner … hach, ich will auch einen Mann, der mich auf Händen trägt!“ Svenja sagte das mit einem Lächeln. Jeder wusste, dass sie es ironisch meinte, denn ihre Ehe schien sehr glücklich zu sein. Auch ohne Champagner.

Für Kira war diese Information jedenfalls der Tropfen, der ihr Fass zum Überlaufen brachte. Hektisch entschuldigte sie sich und stand auf. Die Blicke der anderen Frauen folgten ihr verwundert. Dieser Mistkerl! Kira stürzte aus dem Saal, auf der Suche nach Kai …
Als sie ihn fand, trat er gerade aus der Herrentoilette, die im Untergeschoss lag. Zum Glück waren sie in dem Augenblick allein, denn Kira rutschte die Hand aus. Klatsch!
„Du mieses Stück“, zischte sie. Kai starrte sie erschrocken an; es war deutlich zu sehen, dass er diese Begegnung lieber vermieden hätte.
„Kira …“ Sie gab sich Mühe, ihre Beherrschung wiederzufinden, atmete ein paar Mal tief ein und aus, während sie ihrem Exverlobten ins Gesicht sah. Ins verdammt attraktive Gesicht, wie sie erneut bemerkte. Und plötzlich wusste sie, was sie tun würde …
„Tut mir leid!“, sagte sie mit einem Anflug von Zerknirschung. „Ich hab nur gerade erfahren … ach, ist ja auch egal.“ Sie wandte sich ab, gespielt traurig. „Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft.“
Kai war so erleichtert darüber, dass die erwartete Riesenszene ausblieb, dass auch er einen versöhnlichen Ton anschlug.
„Kein Problem, ich kann mir denken, dass das für dich nicht so leicht ist. Wenn ich das gewusst hätte …“ Was dann?, fragte Kira sich in Gedanken und fügte im Stillen hinzu: Dann hätte es dich auch nicht interessiert, wie damals.
Laut sagte sie jedoch: „Ist ja nicht deine Schuld. Ich war nur so perplex, dich zu sehen, und ich bin halt … na ja, eifersüchtig? Bei uns war es damals so schnell zu Ende.“ Sie lächelte schüchtern zu ihm hoch. „Ist nicht so einfach, dich jetzt neben einer anderen Frau zu sehen; das war es damals schon nicht.“ Sie spürte, dass es klappte. Kai war geschmeichelt. Ob ihre Freundin ihn damals auch so einfach geangelt hatte?
Er hob die Hand, legte sie auf ihren Arm.
„Ja, ist blöd gelaufen, Kira. Es tut mir auch leid.“
Innerlich schrie sie auf. Es tat ihm auch leid? Ihr tat überhaupt nichts leid … Er war doch fremdgegangen, hatte sie nach Strich und Faden betrogen. Es war ja nicht so, dass da irgendetwas einfach so schief gelaufen war – hoppla, dumm gelaufen. Sie ließ sich ihre Gedanken nicht anmerken, als sie mit weicher Stimme erwiderte: „Bist du denn jetzt glücklich? Ist Carmen die Richtige?“
Er zögerte kurz. Wahrscheinlich war ihm das Thema zu heiß, er wollte keinen erneuten Wutausbruch ihrerseits riskieren.
„Ich denke oft an uns, weißt du … vor allem an unsere Nächte …“
Kira wurde offensiver. Er sollte jetzt auf keinen Fall das Gespräch beenden. Als sie sein Minenspiel beobachtete, sah sie, dass sie die richtigen Knöpfe drückte. Der Sex mit ihm war wirklich einzigartig gewesen. Nur leider hatte sie ihm damals nicht gereicht. Kai mochte Abwechslung. Und Kai liebte es ab und zu spontan und hart, das hatte sie noch gut in Erinnerung. Ob Carmen das wohl auch wusste?
„Weißt du noch, bei der Silberhochzeit deiner Eltern? Wir wären fast erwischt worden.“ Sie kicherte.
Kais Blicke glitten über ihren Körper, doch Kira tat so, als würde sie es nicht merken. Sie war jedoch sehr froh, sich heute Abend für den kurzen schwarzen Rock und die hohen Stiefel entschieden zu haben. Eigentlich war es mehr eine praktische Überlegung gewesen, da die Stiefel keine sonderlich hohen Absätze hatten und an sich recht bequem waren. – Sie hatte in diesem Outfit aber auch Beine bis zum Himmel und wenn ein Mann bei kurzen Röcken durchdrehte, dann war es Kai.
Gedankenverloren trat sie einen Schritt näher.
„Es war nie mehr so wie bei uns beiden, Kai.“
Sie sah, wie er sich einen Ruck gab.
„Kira“, sagte er heiser. „Ich werde in zwei Tagen heiraten … Ich liebe Carmen, aber ich hab dich nie vergessen, weißt du? Der Sex mit dir war so grandios …“
Mistkerl! Du hast den Sex mit mir nie vergessen, aber den Rest … Irgendetwas in ihr zerriss. Sie spürte die Wut wie Feuer durch ihre Adern lodern.
Doch mit einem letzten Rest Selbstbeherrschung legte sie die Arme um seinen Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen. So verführerisch wie möglich fragte sie:
„Noch ein letztes Mal, Sweety?“ So hatte sie ihn damals oft im Scherz genannt – es war ihr fast automatisch herausgerutscht. Kai gab ein leises Seufzen von sich, bevor er sie in seine Arme zog und küsste.
Kira spürte seine weiche Zunge, die sich einen Weg in ihren Mund bahnte. Sie wurde von ihm fast von den Füßen gehoben, so eng drückte er sie an sich. In seiner Hose wölbte sich etwas, er bekam eine Erektion.
Kira löste sich atemlos von ihm, sah sich um.
„Dort?“ Sie deutete auf eine Tür. Kai nickte und zog sie mit sich; sie hatten Glück, die Klinke ließ sich herunterdrücken, der kleine Abstellraum war nicht verschlossen. Sie machten Licht, sahen sich kurz um … Kaum hatte Kira ihm wieder den Kopf zugewandt, küsste er sie erneut. Hungrig, rücksichtslos. Und wieder Willen wurde sie von einer Welle der Lust erfasst, die sie ewig nicht mehr gespürt hatte …
Kais Hände schienen überall zu sein. Er schob ihren Rock hoch, knetete ihren Po. Kira stöhnte leise in seinem Mund auf, als seine Finger den Weg zwischen ihre Schenkel fanden und sie durch den dünnen Stoff von Slip und Strumpfhose liebkosten. Als sie nach seinem Gürtel griff, fühlte sie, dass seine Erektion schon fast die Hose sprengte. Schnell und hart, wie er es liebt, dachte sie noch, bevor sie zielsicher in seinen Slip fasste und den immer noch so vertrauten Penis aus seinem Gefängnis befreite. Und es war nicht nur er, der diese Situation genoss. Kiras gesamter Unterleib schien in Flammen zu stehen, Nässe verteilte sich zwischen ihrer Scham. Sie wollte ihn, sofort.
Und als hätte er ihre Gedanken gelesen, schob er sie gegen den Tisch in ihrem Rücken, drehte sie herum und zog ihr Slip und Strümpfe herunter.
„Du bist so heiss!“, keuchte er, als er Kira eine Hand auf den Rücken legte und sie auf den Beistelltisch drückte, der wohl an diesem Abend nicht benötigt wurde. Kira gehorchte wortlos, stellte sich auf die Zehenspitzen, drückte ihm ihre Kehrseite entgegen. Ihr Rock lag wie ein breiter Gürtel um ihre Taille, ihr Slip, der auf Kniehöhe hing, fesselte ihre Beine. Sie war heiß, sie brannte …
Kai gab ihr etwas, das sie noch bei keinem anderen bekommen hatte. Er kannte die richtigen Knöpfe. Kira sehnte sich danach, von ihm völlig in Besitz genommen zu werden. An nichts anderes dachte sie in diesem Augenblick.
Sie fühlte seine Hände auf ihren Hüften, als er sich an sie presste. Kira hielt den Atem an – nur kurz hatte Kai ihre Nässe getestet, mit seiner seidigen Spitze durch ihren Kelch gestrichen. Dann war er mit einem Ruck in sie eingedrungen. Beide stöhnten auf.
„Das hab ich so vermisst“, hörte Kira sich selbst sagen und sie wusste, dass es die Wahrheit war. Sie hatte es vermisst. Als Kai anfing, sich gleichmäßig und schnell in ihr zu bewegen, hörte sie auf zu denken. Er tauchte tief in sie, so tief, wie nur möglich. Ihre Körper klatschten gegeneinander. Kira hielt sich an der Kante des Tisches fest, versuchte sich ihrerseits gegen ihn zu pressen. Die Reibung in ihrem Inneren katapultierte sie in ungeahnte Höhen der Erregung. Kais Kronjuwelen berührten ihre hervorstehende Klit, reizten sie zusätzlich. Kira keuchte. Es fühlte sich so gut an, so richtig … Kai traf exakt den Punkt in ihrem Schoß, der sie zum Glühen brachte. Sie legte ihre Stirn auf ihren Unterarm, versuchte die Laute zu unterdrücken, die fast automatisch aus ihrem Mund kamen. Sie konnte hier nicht das ganze Untergeschoss zusammenschreien …
„Oh ja, oh jaaa … das ist guuuut, Süße!“ Kai klang so vertraut. Wie durch einen Nebel nahm Kira seine Worte wahr, es war beinahe wie eine Zeitreise; es war wirklich die Abstellkammer bei der Silberhochzeit seiner Eltern. Kira ließ sich fallen. Und sie spürte bereits den Höhepunkt, auf den sie unausweichlich zusteuerte.
Als sie kam, schien die Welt zu beben. Funken tanzten vor ihren Augen, das Feuer in ihrem Schoß breitete sich rasend schnell durch ihren gesamten Körper aus. Sie zitterte, wimmerte. So heftig war sie lange nicht mehr gekommen. Und während Kai noch ein letztes Mal das Tempo steigerte, bevor auch er von seinem Orgasmus übermannt wurde, kam Kira schon wieder zu sich und spürte ganz bewusst, wie ihr Ex sich an sie presste…
Tränen liefen aus Kiras Augen, als sie sich wieder anzog und notdürftig zurechtmachte. Aber sie fühlte sich so frei wie noch nie. Das war es also gewesen, das letzte Mal. Ein letztes Mal Kai, bevor sie ihn endlich loslassen konnte – und sich auf die Suche machen würde nach einem Mann, der sie wirklich verdiente.
Kai sah beunruhigt die dunkle Spur, die das Make-up über ihre Wangen zog. „Alles okay, Süße?“ Er versuchte, sie in den Arm zu nehmen, doch Kira wehrte ab.
„Alles prima, ich bin nur etwas mitgenommen.“
Er grinste. „Das war auch wirklich … wow! Also echt, so ein Zufall, dass ausgerechnet wir uns noch mal wiedersehen. Das hier würde mit Carmen nie gehen …“
In der Sekunde, in der er es ausgesprochen hatte, spürte er, dass es wohl nicht so klug gewesen war, das Thema auf seine Braut zu bringen. Doch Kira lächelte, auch wenn sie das, was sie gleich tun würde, möglicherweise ihren Job kosten konnte.
„Kai, ich glaube, darüber brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen. Ich denke, ich gehe einfach zu ihr und erzähl ihr mal ein bisschen über dich. Deine Vorstellungen von Treue und so … und vielleicht auch über Abstellräume …“
Genüsslich sah Kira die Panik in Kais Augen auftauchen. Es tat ihr zwar schon ein wenig leid, ihre Kollegin durch die gleiche Hölle zu schicken, die sie selbst so gut kannte, doch letztendlich zählte nur eins. „Wir wollen doch beide nicht, dass Carmen unglücklich wird, oder? Und so einen treulosen Idioten wie dich hat sie weiß Gott nicht verdient …“

„Zufälle und Konsequenzen" von Jenny Prinz aus „Das Verlangen nach Rache“ verlegt durch: ORION / Carl Stephenson Verlag

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