Geheimnisvolle Schilddrüse: 100 Symptome, 1 Ursache

Unser Experte klärt auf über das unterschätzte Organ

Sie ist gerade mal so groß wie eine Walnuss, sie sitzt direkt unter dem Kehlkopf, und wenn alles gut läuft, dann bemerken wir sie gar nicht: die Schilddrüse. Aber wenn die „Glandula thyroidea“ nicht richtig funktioniert, bekommen wir ernsthafte Probleme. Unser Experte Dr. Joachim Feldkamp, Chefarzt der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie und Infektologie am Klinikum Bielefeld, beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Was macht die Schilddrüse eigentlich ganz genau?

„Das Organ produziert Hormone. Es ist verantwortlich für den Wärme- und Energiehaushalt im Körper. Es sorgt für ein gesundes Herz, für starke Knochen, für eine funktionierende Verdauung. Für unser Gehirn ist es ebenfalls wichtig – ohne Schilddrüsenhormone leidet die Intelligenz. Im Grunde sorgt die Schilddrüse dafür, dass der Körper funktioniert – jede einzelne unserer Zellen ist von ihren Hormonen abhängig.“

Welche Werte des Organs sind normal und gesund?

„Gemessen wird der TSH-Wert – das ist ein Hormon, das in der Hirnanhangdrüse entsteht und die Hormonproduktion der Schilddrüse steuert. Normal ist ein Wert zwischen 0,3 bis 4,2. Wenn er höher liegt, hat der Patient eine Überfunktion, wenn er darunter liegt, dann leidet er an einer Unterfunkion. Bei älteren Menschen gelten höhere TSH-Werte.“

Werden diese Probleme anlagebedingt vererbt?

„Wir gehen davon aus. Allerdings gibt es keine klare Erbfolge von Eltern zu ihren Kindern, aber oft findet man in der Familie eines Betroffenen ebenfalls Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen.“

Wie erkenne ich eine Erkrankung?

„Für eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse gibt es sehr viele Symptome, die könnten aber auch anderen Krankheiten zugeordnet werden. Es gibt den sogenannten Schlucktest, dazu braucht man nur ein Glas Wasser und einen Handspiegel. Legen Sie den Kopf in den Nacken, trinken Sie einen Schluck Wasser, und schauen Sie während des Schluckens im Spiegel auf Ihren Hals. Wenn unterhalb des Kehlkopfes Schwellungen hervortreten, sollten Sie zum Arzt gehen.“

Kann ich das Organ denn irgendwie schützen?

„Jodmangel ist eine der Hauptursachen für Probleme mit der Schilddrüse. Noch immer hat ein nicht unerheblicher Teil der Deutschen einen Jodmangel. Viele Haushalte würzen bereits mit Jodsalz, das ist auch sehr gut so – allerdings reicht das bisschen Salz an den Kartoffeln oder Nudeln nicht wirklich aus, um unseren Jod bedarf zu decken. Brot enthält tatsächlich eine Menge des Spurenelements, denn viele Bäcker salzen ihren Teig mit Jodsalz.“

Soll man vorsichtshalber Jodtabletten schlucken?

„Ich rate davon ab, auf eigene Faust Jodpräparate zu nehmen – das entscheidet besser der Arzt. Es ist übrigens ein Irrglaube, dass die Seeluft an der Küste jodhaltig ist und die Norddeutschen deshalb keinen Mangel haben. Ein Hamburger ist davon genauso betroffen wie ein Münchener. Und: Ab 40 Jahren sollte man regelmäßig alle ein bis zwei Jahre seine Schilddrüse untersuchen lassen, um eine Erkrankung auszuschließen.“ 

Wie werden Erkrankungen behandelt?

„In der Regel kann die Schilddrüse heute gut mit Medikamenten und Hormonen therapiert werden. Es kommt auf die Art der Erkrankung an. Leider wird oft unnötig operiert – 30 bis 35 Prozent der 60-Jährigen haben Knoten in der Schilddrüse, die kann man auch genauso gut dort belassen.“

Problemfall Hashimoto

Bei der Schilddrüsenerkrankung Hashimoto, benannt nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto, handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung: Die Schilddrüse ist dabei chronisch entzündet. Manchmal kann eine Überfunktion der Unterfunktion vorausgehen. In den meisten Fällen beginnt Hashimoto jedoch direkt mit einer Unterfunktion. Drei Prozent der Deutschen leiden daran. Die Ursache liegt in der Abwehr des Körpers: Das Immunsystem greift irrtümlich das Gewebe der Schilddrüse an und zerstört es. So entsteht die chronische Entzündung.

Man unterscheidet zwei Arten: die atrophe und die hypertrophe Form. Bei der atrophen Form verschwinden die Zellen der Schilddrüse, das Organ frisst sich sozusagen selber auf. In Deutschland leidet die Mehrheit der Hashimoto-Patienten an dieser Variante. Bei der selteneren hypertrophen Form vergrößert sich das Organ, es entsteht ein Kropf. Die Krankheit ist nicht heilbar, meist werden Hormone gegeben, um die Schilddrüse ruhigzustellen und die Symptome dadurch zu lindern. Nur in extremen Fällen wird das Or gan in letzter Konsequenz chirurgisch entfernt.

Unser Buch-Tipp: „Gut leben mit Hashimoto“ von Dr. Joachim Feldkamp. Trias, 17,99 Euro. 

Auslöser und Therapien 

Unterfunktion: 

  • Hypothyreose wird die Krankheit von Medizinern genannt. Dabei produziert die Schilddrüse zu wenig Hormone. Die Folge: Die Patienten sind unter anderem müde, abgespannt, können sich schlecht konzentrieren, leiden unter Übergewicht ohne Ursache, Verstopfung und Haarausfall. 
  • Die Erkrankung Hashimoto ist die häufigste Ursache für die Unterfunktion. Auch schwerer Jodmangel kann dazu führen – das Symptom dafür ist der sogenannte Kropf, eine Geschwulst unterhalb des Kehlkopfes. Die übliche Therapie besteht aus Medikamenten und Schilddrüsenhormonen. 
  • In der Schilddrüse selbst können durch Jodmangel sogenannte heiße Knoten entstehen. Diese Knoten produzieren unkontrolliert Hormone – sie werden entweder mit Medikamenten behandelt oder operativ entfernt.

Überfunktion: 

  • Hyperthyreose, so heißt die Krankheit in der Fachsprache. Und wie der Name schon sagt: Es werden zu viele Schilddrüsenhormone produziert. Die Symptome sind denen der Unterfunktion genau entgegengesetzt: Gewichtsverlust ohne Ursache, Herzrasen, Nervosität, Hibbeligkeit, Schlafstörungen und Durchfall.
  • 95 Prozent der Erkrankungen werden durch die Autoimmunkrankheit Morbus Basedow verursacht. Dabei bildet der Körper Antikörper gegen die Schilddrüse, Ursache unklar. Symptome: Hervorstehende, lichtempfindliche Augen. Heiße Knoten entstehen auch durch eine Überfunktion. 
  • Behandelt wird ebenfalls mit Medikamenten oder radioaktivem Jod. Das soll die überaktive Schilddrüse ruhigstellen. In manchen Fällen – aber nur sehr selten – wird sie herausgenommen.
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